Leben Wie ein Autist zum Reformhaus-Verkäufer wird

Verkauft in Hamburg Reform- und Diätwaren: Leif Petersen

Verkauft in Hamburg Reform- und Diätwaren: Leif Petersen © dpa/picture-alliance

Was meint der Gesprächspartner bloß? Diese Frage ist für Autisten schwer zu beantworten. Am Arbeitsplatz scheitern sie darum oft - doch das muss nicht sein.

Leif Petersen steht an der Kasse eines Reformhauses in Hamburg und verkauft Bio-Brot. Wer den freundlich lächelnden jungen Mann beobachtet, dürfte kaum bemerken, dass an einer schweren Entwicklungsstörung leidet: Der 29-Jährige ist Autist. Petersen verkauft nicht nur, sondern berät Kunden, räumt Waren ein oder bringt sie den Käufern mit seinem Auto nach Hause. Zweimal pro Woche geht er zur Berufsschule. Sein Ziel: Verkäufer für Reform- und Diätwaren.

„Ich brauche eine Chefin, die mir klare Anweisungen gibt, die auch Verständnis für meine Situation hat“, sagt Petersen. Tanja Parker hat Verständnis. „Herr Petersen ist über ein langes Praktikum gekommen. Da hat er sich so gut gezeigt“, berichtet die Reformhaus-Inhaberin. „Das ist ein junger Mann, der wahnsinnig freundlich ist und auf den man sich total verlassen kann.“

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Parker kennt aber auch die Schwächen ihres Azubis. Er könne nicht mehrere Sachen gleichzeitig machen, etwa einen Kunden beraten und gleichzeitig die Kasse im Blick behalten. Schwierigkeiten habe er auch, wenn es mehr um Zahlen und Schriftliches geht. Und sie gibt ihm klare Anweisungen, auch was die persönliche Hygiene angeht.

Eher Probleme im informellen Bereich

Fachlich seien Autisten am Arbeitsplatz oft gar nicht eingeschränkt, sagt Friedrich Nolte vom Bundesverband Autismus Deutschland. Sie hätten eher Probleme im informellen Bereich. Manche kämen regelmäßig zu spät, sprächen sich nicht mit Kollegen ab, beteiligten sich nicht am Small Talk und gälten unter Umständen als arrogant. „Durch solche Dinge kann es dann schwierig werden“, sagt Fachreferent Nolte.

Petersens Chefin ist bereit, ihrem Schützling mehr Zeit und Unterstützung bei der Bewältigung seiner Aufgaben zu geben. Sie erwähnt dabei, dass sie selbst ein Kind mit einer Entwicklungsverzögerung hat und sich über die nicht funktionierende Inklusion in der Schule ärgert. In ihrem Geschäft sei es eine Freude mit so einem Menschen wie Petersen zusammenzuarbeiten, betont sie.

Ihre Einstellung wird offenbar von nicht so vielen Arbeitgebern geteilt. Der Bundesverband Autismus beklagt zum Welt-Autismus-Tag am 2. April eine Diskriminierung der Betroffenen. Kindern mit einer autistischen Störung werde der Zugang zur angestrebten Schulform verweigert, Erwachsene hätten meist keine Chance auf eine Wohngruppe oder einen Arbeitsplatz in einer Behindertenwerkstatt. Eine „Benachteiligungsspirale“ von unzureichender Schulbildung über fehlende Arbeit und geringes Einkommen dränge Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, kritisiert die Vereinsvorsitzende Maria Kaminski.

80 bis 90 Prozent scheitern schon im Vorstellungsgespräch

Autisten, die sich um eine Stelle bewerben, würden zu 80 bis 90 Prozent schon im Vorstellungsgespräch scheitern, sagt Astrid Grothe von autWorker, einer Hamburger Genossenschaft, die Menschen wie Leif Petersen bei der beruflichen Integration unterstützt. Einige IT-Firmen stellen inzwischen aber gezielt qualifizierte Menschen mit dem Asperger-Syndrom, einer leichteren Form des Autismus, ein.

Auch Petersen ist qualifiziert. Er hat schon eine Ausbildung als Sozialtherapeutischer Assistent und eine als Gärtner im Obstanbau abgeschlossen. Auch ein längeres Praktikum in einer Karosseriebau-Firma hat er hinter sich. „Diese Arbeit war nicht so mein Ding“, sagt Petersen. Er sei mit den Kollegen nicht gut zurechtgekommen. Im Reformhaus fühlt er sich dagegen wohl: „Das ist eine wunderbare Arbeit.“ Nach der Ausbildung möchte er dort bleiben.

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