Leben WM-Fieber, Autokorso – und die größte Deutschland-Flagge der Welt

Ein impulse-Team hat den deutschen WM-Sieg in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka erlebt. Dabei trafen unsere Kollegen überraschend viele Thomas-Müller-Fans, entdeckten schon vor Anpfiff eine deutsche Siegesfeier und staunten über einen spektakulären Weltrekord.

Der Tag sollte für uns mit einem Routinetermin beginnen. Hintergrundgespräch in der Deutschen Botschaft über Geschäftschancen kleiner und mittlerer Unternehmen in Bangladesch. Doch in dieser Stadt gibt es keine Routine. Elf Millionen Menschen und die katastrophalste Verkehrsinfrastruktur der Welt machen jedes Interview in Dhaka zu einem Abenteuer. Fahrrad-Rikschas, Motorrad-Rikschas, Dreiräder, Taxis und Busse kämpfen um jeden Zentimeter. Rote Ampeln sind egal, es gilt das Recht des Stärkeren. „Rush Hour“ nennen sie hier die weniger schlimmen Zeiten, wenn es zumindest meterweise weitergeht. Dazu kommt in diesen Tagen: Monsunzeit, Ramadan – und Fußball-WM.

Das Cricket-Land Bangladesch, dessen Fußball-Nationalmannschaft auf Platz 167 der FIFA-Weltrangliste steht und sich noch nie für eine WM qualifizieren konnte, hat in den vergangenen Wochen ein ganz eigenes Sommermärchen erlebt. Nachts scharten sich die Menschen auf den Straßen um provisorisch aufgestellte Fernseher, um die Spiele zu sehen, die wegen der Zeitverschiebung oft erst um vier Uhr morgens endeten. Auf den Dächern wehen die Flaggen der favorisierten Teams, ganze Häuserwände sind in den Nationalfarben weit entfernter Länder bemalt: Anfangs waren das vor allem Brasilien und Argentinien, doch seit dem deutschen 7:1-Triumph gegen die Gastgeber flattern immer mehr schwarz-rot-goldene Wimpel an den Rikschas, sind im Stadtbild immer mehr Menschen mit Deutschland-Trikots zu sehen.

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Hauptsache „Germany!“

Auffällig oft hängen die „Schland“-Fahnen falsch herum, also Gold-Rot-Schwarz, aber solche Details sind in Dhaka nicht so wichtig. Hauptsache „Germany!“ Erzählen wir, wo wir herkommen, löst das sofort Begeisterung aus: „You win! I know!“, hieß es in den Stunden vor dem Anstoß des WM-Finales begeistert oder es folgte eine euphorische Ad-hoc-Aufzählung der deutschen Stammspieler: „Müller, Lahm, Khedira!“ Oder auch nur: „Müller, Müller, Müller!“ Dabei lebt der größte bangladeschische Fan der deutschen Nationalmannschaft gar nicht in der Hauptstadt, sondern in einem kleinen Dorf in der Nähe von Maguro, fünf Autostunden von Dhaka entfernt.

Der Bauer Amzad Hossain war am Tag des WM-Finales in allen Zeitungen des Landes. Der Grund für die Aufmerksamkeit ist schwarz-rot-gold und 3,5 Kilometer lang: Hossain hat die wohl größte Deutschlandfahne der Welt nähen lassen und dafür ein Vermögen ausgegeben. Damit wolle er seine Liebe zu seiner Lieblingsmannschaft ausdrücken, sagt Hossain. Drei Schneider seien mit den Näharbeiten beschäftigt gewesen. Dazu kam die riesige Menge an Stoff. Um die 150.000 Taka, das sind umgerechnet mehr als 1400 Euro, habe ihn das alles gekostet. Die Summe habe er nur deshalb aufbringen können, weil er dafür einige seiner Ackerflächen verkaufte. Der heute 63-Jährige war 1987 an den Nieren erkrankt, erzählt er, geheilt habe ihn ein deutsches Medikament. Seitdem kennt seine Begeisterung für Deutschland und seine Fußballmannschaft keine Grenzen mehr.

„Ihr braucht doch auch ein Trikot!“, sagt unser einheimischer Kollege Roni plötzlich in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zulässt. Da sitzen wir gerade im grünen Innenhof der University of Dhaka, die mal zu den 100 besten Hochschulen der Welt zählte und heute nur noch ein Schatten ihrer glorreichen Vergangenheit ist. Es ist halb sieben Uhr abends in Dhaka, noch mehr als sechs Stunden bis zum Anpfiff des wegen der Zeitverschiebung nächtlichen WM-Finales. Hunderte Studenten warten gerade ungeduldig auf den Ruf des Muezzins – das Signal, nach einem langen Tag des Fastens endlich essen zu dürfen.

„White, you must take white!“

Als wir später aufbrechen, um uns durch den Verkehr zu einem Markt durchzuschlagen, trauen wir unseren Augen nicht. Ein deutscher Autokorso mitten in Dhaka! Zwei schwarz-rot-gold geschmückte Kleintransporter mit einer Traube Menschen auf der Ladefläche hupen sich so fröhlich durch den Verkehr, als wäre das Finale schon gewonnen. Spätestens jetzt packt auch uns das Finale-Fieber endgültig, nun wollen wir wirklich Trikots haben! Bleibt nur die Frage: Modern rot-schwarz oder klassisch weiß? Der Verkäufer auf dem Markt hat da einen klaren Standpunkt: „White, you must take white! Everybody sees you Germany!“ Okay, überzeugt.

Das Spiel selbst erleben wir dann im German Club. Hier treffen sich deutsche Unternehmer, die Vertreter mittelständischer Firmen im Land sowie Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen und viele einheimische Freunde. Einige Argentinien-Fans sind auch dabei. Bei Bier und Bretzel zittern alle dem Anpfiff entgegen. Der Rest ist WM-Geschichte.

 

Fotografin Anja Lehmann und Redakteur Felix Wadewitz sind gerade auf Recherchereise in Bangladesch. Ihre Artikel aus dem Land lesen Sie demnächst in der gedruckten Ausgabe von impulse.

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