Leben Work-Life-Balance ist so was von 90er

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Arbeit = Nicht Leben? Falsch!

Arbeit = Nicht Leben? Falsch!© bella - Fotolia.com

“Wer seine Verhütung nicht im Griff hat, sollte auch nicht Wirtschaftsingenieurin werden.” Diese Reaktion auf ihre Schwangerschaft war ein Wendepunkt im Leben von Unternehmerin und impulse-Bloggerin Béa Beste - und hat ihre Einstellung zum Begriff "Work-Life-Balance" vollkommen verändert.

Ich kann mich genau erinnern: Es war 1990, als ich zum ersten Mal von diesem Buzz-Begriff hörte. Ich war 21 und gerade Mutter geworden, studierte Wirtschaftsingeneurwesen an der TU Berlin und war gerade beim Praktikantenobmann meiner Fakultät abgeblitzt mit der Anfrage, ob ich ein Teil des Pflichtpraktikums auf ein späteres Semester schieben könnte.

Er blieb unnachgiebig und sagte etwas von „Wer seine Verhütung nicht im Griff hat, sollte auch nicht Wirtschaftsingenieurin werden.“ Klar habe ich ihn sofort bei AStA verpfiffen. Trotzdem, seine Ablehnung ließ mich über meine Ziele fürs Leben und Arbeiten nachdenken.

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Arbeit = „Nicht Leben“?

Und dann fiel mir eine Zeitschrift in die Händen, die einen neuen Begriff nutzte: „Work-Life-Balance“. Es traf mich ins Mark. Ich dachte: Was für ein Schwachsinn.

Arbeit = „Nicht Leben“? Nicht für mich! Ich habe mich für einen anderen Studiengang entschieden, dann parallel noch für eine Agentur gearbeitet, und mein Kind teilweise alleinerziehend großgezogen. Und das bei bester Laune.

Inzwischen hat sich der Begriff „Work-Life-Balance“ zur Floskel entwickelt. Vorzugsweise bei denjenigen, die am Ende ihrer Briefe unreflektiert schreiben: „Für Rückfragen stehe ich jederzeit zur Verfügung.“ Jederzeit? Zur Verfügung? Nicht wirklich, oder?

Eben: Gleichgewicht ist gut. Aber was werfen wir in die Waagschalen, die wir auf unserem Tänzchen auf der Lebenslinie balancieren?

Völlige Vertiefung und Aufgehen in einer Tätigkeit

Ich habe herumgefragt, im Netz und unter Freunden. Diejenigen, die unter „Leben“ all das verstehen, was außerhalb ihrer Erwerbstätigkeit passiert, haben immer noch eine Menge Arbeit: Steuererklärung, Putzen, sich mit doofen Nachbarn oder Schwiegereltern herumärgern, den Müll runter tragen, das Auto zur Reparatur bringen und brüllenden Kindern zu nachtschlafenden Zeiten ein warmes Fläschchen zubereiten – Wickeln inklusive.

Und diejenigen, die erfolgreich mit Dingen ihr Geld verdienen, die ihnen liegen und ihren Talenten entsprechen, haben so eine Freude bei der Arbeit, dass sie es glatt als „Leben“ bezeichnen: Sie networken oder schaffen Neues, sie bewegen Veränderungen, sie erkunden neue Länder und Sitten und erleben das, was Mihály Csíkszentmihályi, emeritierter Professor für Psychologie an der University of Chicago, als „Flow“ bezeichnet. Das ist das Gefühl der völligen Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit, das bei der Steuerung eines komplexen Geschehens entsteht – und zwar genau im Bereich zwischen Über- und Unterforderung. Also kurz bevor Angst aufkommt und lang nachdem die Langeweile verschwunden ist. (Übrigens etwas, das unser Schulsystem nicht in ausreichendem Maße erzeugt – aber das knöpfe ich mir ein anderes Mal vor.)

Das „Blending“-Prinzip

Ich habe mich für ein Lebenskontinuum entschieden. Ich mache Arbeit, die ich für sinnvoll halte und die ich gerne mache. Unsere Tollabox Geschäftsräume sind de facto bei uns zuhause, und mein Mann und ich sind Geschäftspartner. Ich nenne das „Blending“, das Überlappen von Privatem und Beruflichem.

Das hat immer geklappt, weil ich daran selbst fest geglaubt habe. Es hat sogar für mich als Angestellte im Hochleistungsumfeld einer Top-Management Beratung funktioniert: Ich habe 6 Jahre bei BCG als Beraterin gearbeitet, mein Kind war zu diesem Zeitpunkt zwischen 10 und 16 Jahre alt. Klar hatte ich ein Kindermädchen für die Tage, an denen ich verreisen musste. Wenn Meetings sich in den Nachmittag gezogen haben, hatte ich den Kunden bereits angekündigt, dass ich auf jeden Fall ans Telefon gehe, sollte mein Kind etwas brauchen – und ich habe es auch getan. Nicht einmal hat sich das negativ ausgewirkt.

Power-Phasen sind nötig. Entspannungsphasen auch.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, ein Wochenende durchzuarbeiten: Meistens gut, wenn ich an Sachen dran sitze, die mich interessieren und die ich vorantreiben will. Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, an einem Montagvormittag zu entscheiden, dass Wellness oder Shopping genau das Richtige ist. Wegen dieser Freiheit habe ich mich für Unternehmertum entschieden.

Es gibt also eine Balance, die ich brauche und auf die ich achte: Mein Spannung-Entspannungs-Gleichgewicht. Ich habe die Power-Phasen nötig, in denen ich 200 Prozent gebe, ein Bündel Energie bin, in denen meine Ideen sprudeln und ich hochproduktiv bin. In diesen Phasen liebe ich es, Menschen um mich zu haben. Ich nehme alles auf wie ein Schwamm und gebe alles – ob für die Inhalte meines Produktes, die Tollabox, Vorträge über Entrepreneurship oder Bildung, Bilder auf Leinwänden malen oder mit Kindern forschen und kreativ experimentieren. Und ich brauche meine Relax-Zeiten, alleine, in denen ich nur faul auf einer Sonnenliege herumlungere und einen Thriller nach dem anderen auf dem Kindle konsumiere – oder schlichtweg das Blaue vom Himmel beobachte und es keinem versprechen muss.

Klar, mein Lebensmodell ist nicht für alle geeignet. Auch als Arbeitgeberin muss ich darauf achten, das berufliche Stresspotential nicht an unsere Leute weg zu delegieren. Aber ich bin mir sicher, dass es besser ist, wenn wir gemeinsam bessere Begriffe finde und nutzen, bei denen Arbeit nicht der krasse Gegensatz vom Leben ist. Das würde uns, unseren Familien und unseren Mitarbeitern gut tun.

Dieses Relikt aus den 90ern braucht niemand.

Und jederzeit zur Verfügung stehen auch nicht.

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