Leben Zigarettenparadies Baden-Württemberg? Wie französische Raucher deutsche Kassen klingeln lassen

Viele Franzosen decken sich in Deutschland mit Zigaretten ein - zum Beispiel in Kehl. Im Foto füllt Ludivine Lesueur in einem Kehler Tabakladen die Regale auf.

Viele Franzosen decken sich in Deutschland mit Zigaretten ein - zum Beispiel in Kehl. Im Foto füllt Ludivine Lesueur in einem Kehler Tabakladen die Regale auf.© dpa/picture-alliance

Für Raucher ist Frankreich ungemütlich: Zigaretten sind teuer, Rauchverbote weit verbreitet. Viele Franzosen pilgern daher nach Baden-Württemberg. Denn das deutsche Grenzgebiet zum Elsass ist für viele ein wahres Shopping-Paradies.

Das Geschäft mit dem Tabak ist ein Paradebeispiel für die Schwachstellen der Europapolitik – es stürzt die einen in Existenznöte und beschert den anderen gute Geschäfte. An der französisch-deutschen Grenze etwa profitieren Tabakhändler in Baden-Württemberg dramatisch von den Preisunterschieden, die durch unterschiedliche Besteuerung und Preispolitik in den Ländern enstehen.

„Ein Elsässer spart hier bis zu 1,50 Euro pro Schachtel Zigaretten“, erzählt Mehmet Tekinbas, Besitzer eines der größten Tabakgeschäfte am Bahnhof in Kehl. „Für einen starken Raucher macht das bei einer Schachtel pro Tag etwa 45 Euro pro Monat Ersparnis aus, wenn er seine Zigaretten in Deutschland kauft.“

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Auf französischer Seite kämpfen Tabakgeschäfte ums Überleben. Allein im vergangenen Jahr haben im Département Bas-Rhin (Unterelsass) nach Zahlen der Berufsgenossenschaft 20 Tabakgeschäfte zugemacht. „Zigaretten sind in Deutschland nicht nur preiswerter, dort ist auch die Gewinnmarge für die Händler größer“, klagt Patrice Soihier, der Vorsitzende der Genossenschaft in Straßburg. In Deutschland liegt sie bei mehr als zehn Prozent, in Frankreich bei etwa sieben Prozent. Der Tabakhändler erhält etwa 45 Cent pro Packung.

Französische Werbung für die Durchreisenden

Der Niedergang der französischen Tabakhändler begann 2002 mit Steuer- und Preiserhöhungen. Zigaretten wurden seitdem um 80 Prozent teurer. 80 Prozent des Preises einer Zigarettenpackung landen in der Staatskasse. In Deutschland sind es etwa 75 Prozent. Kein Wunder, dass die allermeisten Kunden der Kehler Tabakgeschäfte aus Frankreich kommen. Die Geschäfte werben für den Durchgangsverkehr auf Französisch „Ici moins cher“ (hier billiger) und geben ihren Läden französische Namen wie „Tabac de la gare“ von Tekinbas, wo Raucher auf mehr als 100 Quadratmetern alles finden, was sie brauchen.

Händler auf deutscher Seite verteilen an gute Kunden auch kleine Geschenke wie Feuerzeuge. Das ist in Frankreich unmöglich. „Auch die kleinste Streichholzschachtel gratis ist bei uns strikt verboten“, klagt der Besitzer des zentral gelegen Straßburger Tabakladens „Au Pascha“, Jonathan Muckensturm. „Wenn ich erwischt werde, wird eine saftige Geldstrafe fällig.“

„Ihr Deutschen habt ein ähnliches Problem“

Der „Pascha“ kommt mühsam über die Runden, weil er neben Tabak ein großes Angebot an Zeitungen und Zeitschriften hat, und weil in diesem Familienbetrieb abwechselnd Vater, Mutter und Sohn hinter der Kasse stehen. „Unsere Politiker sind stur und haben nur Preiserhöhungen im Sinn, um die Zahl der Raucher zu senken. Dabei wirken höhere Preise nicht wirklich abschreckend“, sagt Muckensturm. Die jüngste französische Raucherstatistik verzeichnet in der Tat nur einen leichten Rückgang regelmäßiger Raucher: 2010 waren es 29,1 Prozent, im vergangenen Jahr noch 28,2 Prozent.

Eine gesonderte Hilfe für Tabakhändler an der Grenze erscheint der Berufsgenossenschaft kaum sinnvoll. „Wir sind keine Einzelfälle. Ihr Deutschen habt ein ähnliches Problem mit den Tabakpreisen in Polen und Osteuropa. Und es gibt ja überall Schwarzhandel, günstige Zigaretten im Internet und Billigprodukte aus China“, sagt der Gewerkschaftsvorsitzende Soihier. Das Problem ist für ihn wie auch für den Straßburger Tabakhändler grundsätzlicher Natur. „Unsere Regierung sollte die Soziallasten für Unternehmen senken. Es ist ein Irrwitz. Aber unsere Politiker leben in ihrer eigenen Welt“, kritisiert Muckensturm.

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