Leben 855 Kilometer in 35 Tagen: Zu Fuß von Hamburg nach Altötting

Eine Wanderung durch Deutschland.

Eine Wanderung durch Deutschland. © Pavlo Vakhrushev/Fotolia

Wenn die FDP aus dem Bundestag fliegt, dann pilgert er zur Schwarzen Madonna von Altötting: 20 Jahre musste Willi Winkler darauf warten, sein Versprechen einzulösen. 2013 scheiterte die Partei an der Fünf-Prozent-Hürde - und Winkler ging los: 855 Kilometer in 35 Tagen.

Am Ende ist der rechte Fuß kaputt. Das CT zeigt: Ein Mittelfußknochen ist gebrochen. Der Orthopäde schüttelt mit dem Kopf, als er erfährt, wie es dazu gekommen ist: 855 Kilometer von Hamburg bis Altötting in 35 Tagen ist Willi Winkler gelaufen, dem dieser rechte Fuß gehört. Ermüdungsbruch lautet die Diagnose. Willi Winkler war es das wert. Schließlich hatte er es versprochen, vor langer Zeit: Wenn die FDP aus dem Bundestag fliegt, dann pilgert er zur Schwarzen Madonna von Altötting. Mehr als 20 Jahre hat er darauf warten müssen, das Gelübde einzulösen. Im vergangenen Winter hat er es getan – und ein Buch darüber geschrieben.

„Deutschland, eine Winterreise“, heißt es anspielungsreich. Heinrich Heines „Deutschland, ein Wintermärchen“ und Franz Schuberts „Winterreise“ klingen da an. Allerdings geht es bei Winkler ausgesprochen prosaisch zu: Sein Buch ist ein Erlebnis- und Reisebericht, unterhaltsam, oft angereichert mit Wissenswertem zu Kultur und Geschichte entlang der Strecke. Etwa zu Arno Schmidt, dessen Haus in Bargfeld er besucht, „diesem Nicht-Ort in der südlichen Heide“ oder zu Gotthold Ephraim Lessing in Wolfenbüttel, wo Winkler ebenfalls Station macht.

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Er stapft durch die Magdeburger Börde und durch Halberstadt, besucht Luthers Sterbehaus in Eisleben. Er steigt hoch zur Walhalla über der Donau bei Regensburg, er wandert durch den Wald zum Forsthaus Aschenbrennermarter, wo Franz Josef Strauß seinen tödlichen Herzinfarkt erlitten hat.

„Braunschweig will einfach kein Ende nehmen“

Winkler (Jahrgang 1957) scheut sich nicht, boshaft zu formulieren, wenn ihm etwas nicht gefällt: «Braunschweig will einfach kein Ende nehmen. Nach Süden folgt das nächste Gewerbegebiet. Alu-Flitter sirrt an der Tankstelle im Wind, breitärschige SUVs stauen sich vor Aldi.“ Romantisches Reisegesäusel hat sein Buch nicht zu bieten: „Manche Pilgernacht habe ich in einer luftdichten Abstellkammer verbracht, terroristisch laut zur Lastwagenfurt gelegen, gesichert von einer knisternden Plastiktüte, weil man mehr als den Zechpreller durchreisende Bettnässer fürchtet.“

Die Gespräche, die er in unzähligen Gaststuben führt oder mithört, sind oft trostlos. Zu essen gibt es immer wieder Schweinebraten – das Buch macht nicht gerade Lust auf Wandern in Deutschland. Winklers Tour ist aber auch ein Kampf gegen sich selbst: Schon nach einem Viertel der Strecke ist der rechte Knöchel so dick angeschwollen, dass er morgens kaum in den Schuh passt. An manchen Tagen kommt die mühsame Suche nach einem Schlafplatz hinzu, oft ist die angestrebte Pension geschlossen, weiter geht es im Dunkeln, bis zur Erschöpfung.

Immer wieder rafft sich Winkler auf, bis er es schließlich nach Altötting geschafft hat. Ein jeder Pilger muss am Ende der Wallfahrt dreimal um die Gnadenkapelle mit der Schwarzen Madonna herumgehen – so will es die Tradition. Aber darauf verzichtet Winkler dann doch. Und der Leser stimmt ihm zu: Nun reicht es aber auch.

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