Man kann die Menschen abholen, wo sie stehen. Man kann sie aber auch da abholen, wo sie sitzen, trinken, feiern. An der Bar. Zwischen Astra, Beck's und gesalzenen Erdnüssen bringen die Schriftsteller Gunter Gerlach und Lou A. Probsthayn in Hamburg Literatur unter die Leute.
"Literatur-Quickie" heißt ihre erfolgreiche Lesereihe, die einmal wöchentlich in einer Hamburger Szenekneipe über den Tresen geht. Der Name ist Programm: Nur jeweils 17 Minuten haben die eingeladenen Autoren Zeit, um die Zuhörer für ihre Texte zu begeistern. Anschließend geht die Wirtin oder einer der beiden Literaturschaffenden mit dem Hut rum, die Gäste entlohnen nach Gusto, jeder Euro landet beim Autor. Angefangen haben Gerlach und Probsthayn im August 2007, jetzt feiern sie bereits die 100. Runde.
Appetitanreger für große Literatur
Der perfekte Zeitpunkt, um ein größeres Publikum auf den Geschmack zu bringen. Denn so versteht Probsthayn den Literatur-Quickie, "als Appetizer" für Romane, Erzählbände, große Literatur eben. Und den gibt's jetzt auch zum Mitnehmen im handlichen Format. Trotz Krise hat Probsthayn einen Verlag gegründet und veröffentlicht die besten Kurzgeschichten in attraktiv gestalteten Büchlein. Zwölf Millimeter Kantenlänge haben die "Booklits", jeweils 20 bis 32 Seiten lang, zum Preis von 3 Euro.
In Restaurants stehen die Verkaufsboxen ebenso wie in Geschäften und Wartezimmern. Vor allem aber da, wo alles begann: In der Kneipe. Macht sich ja auch gut, in die Bücherbox auf dem Tresen zu greifen. Literatur liefert Gesprächsstoff, lockert die Atmosphäre und verleiht diesen kultivierten Touch, der beim Knüpfen zarter Bande so hilfreich ist.
Für die Gastronomen ist es ein gutes Geschäft, die Schachteln mit 30 Heften von fünf Autoren zwischen Zapfhahn und Nüsschenschalen zu platzieren: 2 Euro pro Buch behalten sie. Mit dem restlichen Euro bestreitet der Verlag die laufenden Kosten, entlohnt die Schriftsteller und investiert in die Zukunft. "Das ist sehr knapp kalkuliert. Aber erstmal soll es sich für die Wirte lohnen, damit sie mitmachen", sagt Probsthayn.
Der schöne Begleiter zum Bier
Rund 10.000 Euro hat er in seinen Verlag investiert und Tausende Arbeitsstunden. Klärte die Rechte, verhandelte mit Versanddienstleistern und Verlagsvertretern, schweißte die Heftchen ein, packte Karton um Karton. "Das bin ich schlimmstenfalls bereit, als Lehrgeld zu zahlen", sagt der 49-Jährige, der 1984 seinen ersten Roman veröffentlichte. Doch so weit scheint es wohl nicht zu kommen. "Alle reagieren absolut begeistert", sagt der Neuverleger, dem vor allem renommierte junge Autorinnen mittlerweile die Tür einrennen.
Schon in der Debütbox finden sich drei Schriftstellerinnen: Jasmin Ramadan, die mit ihrem Roman "Soul Kitchen" die Vorlage zu Fatih Akins Heimatkomödie lieferte. Katrin Seddig, die im März ihr Debüt "Runterkommen" bei Rowohlt veröffentlicht, und die eigenwillige Schweizerin Monique Schwitter.
Vervollständigt wird das Premierenquintett von dem Hamburger Michael Weins ("Delfinarium") und einem Klassiker der fantastischen Literatur, Gustav Meyrink.
Vier Staffeln sind für dieses Jahr in Arbeit. "Die kurze Form ist gut, doch nicht Literatur genug, sondern der Anfang, um mit wenigen Worten neue Leser zu finden", sagt Probsthayn. Mit Juli Zeh ("Corpus delicti"), Stefan Beuse, Tanja Dückers und Sven Amtsberg ("Das Mädchenbuch") erscheinen im April die nächsten Booklits. Und auch diesmal ist ein Klassiker dabei: Franz Kafka. Auch mal eine schöne Begleitung zum Bier.
© 2010 ftd.de
Was die Leser sagen
Ihre Meinung
Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück
























Diesen Artikel bookmarken bei...