Der Mann gegenüber starrt mich an. Schweigend. Kauend. Als er merkt, was er da gerade tut, senkt er die Gabel und sagt mit holländischem Akzent über den Tisch hinweg: "Bitte halten Sie mich nicht für unhöflich, aber wenn ich mit Ihnen rede, verzähle ich mich." Unverständnis. Er verzählt sich? "Ich soll jeden Bissen 30-mal kauen, bevor ich ihn hinunterschlucke. Das ist gut für den Darm." Auf seinem Teller liegen zwei Scheiben Vollkorntoast und drei Scheiben Wurst. Das ist seit einigen Tagen sein Mittagessen, viel zu kauen gibt es da nicht. Der Niederländer ist bereits zum dritten Mal hier. Er wusste also, was ihn erwartet.
Ich weiß es nicht. Ich bin zum ersten Mal im Lanserhof, einer Art Gesundheits- und Wellnesskathedrale in der Nähe von Innsbruck für gestresste Manager, Millionäre und Millionärsgattinnen. Von außen unauffällig, wirkt das Haus innen so, als hätten sich Apple-Designer an ihm verwirklicht: viel Weiß, viel Platz - der Gast soll beim Regenerieren nicht abgelenkt werden. Laut Eigenwerbung ist der Lanserhof "europaweit führend in der Regenerations- und Präventionsmedizin" - scheinbar checkt jedes Mitglied der europäischen Wirtschaftselite mindestens einmal im Leben hier ein.
Roman Abramowitsch war schon da, Susanne Klatten ebenfalls - die leidige Erpressungsgeschichte mit dem Hochstapler Helg S. nahm im Lanserhof ihren Anfang. Man könnte sagen: Wer es drauf anlegt, kann hier ohne großen Aufwand einige sehr bedeutende Persönlichkeiten kennenlernen.
Ein guter Ort, um damit anzufangen, ist der Speisesaal - hier kauen internationale Führungskräfte nach striktem Ernährungsplan. Es sieht aus wie in einer Therme, die meisten sitzen im Bademantel am Tisch. Auch Hartmund, der mit seinen weißen Haaren ein bisschen an einen Eisbär erinnert. Hartmund saß bis vor Kurzem "weit oben bei einem DAX-Unternehmen", aber in Wahrheit, sagt er, war er ganz unten. "Ich war ausgebrannt, hatte Schlafstörungen, mein Magen war hinüber." Ein Bekannter empfahl ihm den Lanserhof. "Die haben mich wieder hingekriegt, auch wenn es anfangs ein Schock war", erzählt er und deutet auf seinen Teller, auf dem eine Kartoffel liegt. Er lächelt tapfer.
Jeder, der im Lanserhof absteigt, wird von einem Arzt untersucht. Das ist Pflicht, ohne Untersuchung kriegt niemand ein Zimmer, für das man um die 240 Euro pro Tag bezahlt. Extra kosten die Behandlungspakete, die man allerdings mitbuchen muss: Ohne geht's nicht. "Meine Befunde waren miserabel", erzählt Hartmund, während er Bittertropfen auf einen Teelöffel träufelt, die bei seiner Entschlackungskur helfen sollen. "Ich musste sogar ins hauseigene Schlaflabor, aber die kümmern sich hier um alles." 120 Ärzte und Therapeuten arbeiten im Lanserhof. Es herrscht eine Form von medizinischer Rundumversorgung, bei der jedem Gesundheitsminister die Tränen kämen.
Hartmund hat es plötzlich eilig. Er will den Abendvortrag nicht verpassen. Wenig später sitzt er im Bademantel mit 20 anderen in Konferenzraum und lauscht dem Vortrag von Monika Baronin von Hahn, der ärztlichen Leiterin des Lanserhofs. Sie trägt eine dicke Brille und ein blau-weißes Dirndl. Ihr Thema heute: Fette. Fast alle machen sich Notizen. Nach einer Stunde beendet die Baronin ihren Vortrag mit den Worten: "Gehen Sie jetzt schlafen!" Alle gehorchen. Es ist kurz nach acht am Abend.
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