Management 25 Jahre „langer Donnerstag“: Was bringen flexible Ladenöffnungszeiten wirklich?

Die längeren Öffnungszeiten haben einen starken Verdrängungswettbewerb in Gang gesetzt: vor allem Vororte und "Tante-Emma-Läden" gehören zu den Verlierern.

Die längeren Öffnungszeiten haben einen starken Verdrängungswettbewerb in Gang gesetzt: vor allem Vororte und "Tante-Emma-Läden" gehören zu den Verlierern.© Zerbor - Fotolia.com

Kurz nach dem Start des "langen Donnerstags" vor 25 Jahren wurde dem Vorstoß für längere Ladenöffnungszeiten von Kritikern bereits wieder das Totenglöcklein geläutet. Doch die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. Die Geschichte der Öffnungszeiten im Überblick.

Mit Kinderrummel, Musikbands und Feuerwerk wurde der Start des „langen Donnerstags“ vor 25 Jahren in vielen deutschen Innenstädten gefeiert. Doch am 5. Oktober 1989 war nicht die ganze Branche in Feierlaune: Die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten war bereits damals ein heiß umstrittenes Thema. Kritiker und Befürworter liefern sich seitdem ein erbittertes Duell. Vor allem der wachsende Internet-Handel mit seinen Öffnungszeiten rund um Uhr setzt die Branche heute zunehmend unter Druck.

Wäre es nach manchen Kritikern gegangen, so wäre der „lange Donnerstag“ bereits kurz nach dem Start wieder zu Grabe getragen worden. „Der Donnerstagabend ist tot. Toter geht es gar nicht mehr“, schimpfte etwa ein Vertreter einer großen deutschen Warenhauskette acht Monate nach der zunächst eher zaghaften weiteren Lockerung der Ladenöffnungszeiten.

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Zuvor war nach heftigen Diskussionen die zunächst bis 21.00 Uhr geplante Verlängerung wieder gestutzt worden. Im Gegenzug für die schließlich vereinbarte Verlängerung der Öffnungszeiten an den Donnerstagen um zwei Stunden bis 20.30 Uhr wurden bei dem Kompromiss Abstriche an den Samstags-Öffnungszeiten gemacht.

Ein Flop für die „Tante-Emma-Läden“

Doch die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten: Nach einem eher zögerlichen Start, bei dem wegen des Vetos vieler Betriebsräte vor allem die großen Warenhäuser abseitsstehen mussten, ließen bald immer mehr Händler ihre Läden länger geöffnet. Vor allem in den Stadtzentren erwies sich die Idee als Erfolg. Läden in den Vororten und Randlagen hatten dagegen oft das Nachsehen. In einer Bilanz beklagte etwa der damalige NRW-Arbeitsminister Hermann Heinemann (SPD) das neue Modell als „außerordentlichen Flop“ – vor allem für die „Tante-Emma-Läden“.

Mit der Einführung des „langen Samstags“ war der Startschuss der Entwicklung jedoch eigentlich schon im Jahr 1957 gefallen. Nach über 30 Jahren Pause ging es dann ab 1989 wieder weiter. Auf den „langen Donnerstag“ folgte 1996 die Öffnung bis 20.00 Uhr, die seit 2003 auch samstags gilt.

Seit 2006: Ladenschluss ist Ländersache

Seit 2006 ist der Ladenschluss Ländersache – was die Lage nach Einschätzung des Handelsverbands Deutschland (HDE) nicht einfacher gemacht hat. „Der HDE wendet sich gegen den Flickenteppich beim Ladenschluss, der die Verbraucher verwirrt“, beklagt Geschäftsführer Kai Falk. Unterm Strich fällt die Bilanz des Branchenverbands zum Thema verlängerte Ladenöffnungszeiten heute eher ernüchternd aus. „Der Umsatz ist erwartungsgemäß nicht gestiegen“, stellt Falk fest. Vor allem der Lebensmittelhandel habe jedoch die Chance genutzt, um in den Abendstunden den Tankstellen-Shops Paroli zu bieten.

Vor dem Hintergrund des zunehmend schärfer werdenden Wettbewerbs mit dem Onlinehandel erteilt der HDE nun jeder Regulierung der Ladenöffnung eine klare Absage. „Die Regulierung der Betriebszeiten gibt es für keine andere Branche in Deutschland“, meint Falk. Erst vor kurzem hatte der Verband vor der Verödung ganzer Innenstädte gewarnt. Bis zu 50 000 Läden müssten in den kommenden fünf bis sechs Jahren um ihre Existenz bangen, hieß es.

Stärkerer Verdrängungswettbewerb statt mehr Umsatz

Flexible Ladenöffnungszeiten gelten auch nach Einschätzung des Deutschen Städte- und Gemeindebunds mittlerweile als Überlebenselixier und Vitalitätsprogramm für die bedrohten Innenstädte. „Vor dem Hintergrund des zunehmenden Wettbewerbs zwischen Onlinekäufen und stationärem Handel sind diese zusätzlichen Öffnungszeiten unverzichtbar“, sagt Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg. Mittlerweile seien bereits Lebensmittelläden mit 24-Stunden-Öffnungszeiten am Start.

Verdi-Handelsexperte Ulrich Dalibor sieht die Entwicklung kritisch. „Es wird nicht helfen, rund um die Uhr zu öffnen“, stellt er fest. Statt des versprochenen Zuwachses an Umsatz und Arbeitsplätzen sei es zu einem verstärkten Verdrängungswettbewerb gekommen. Leidtragende seien jedoch vor allem die Beschäftigten, denen die Entwicklung „richtig weh“ tue.

Die Geschichte der Ladenöffnungszeiten in Deutschland:

Das „Gesetz über den Ladenschluss“ von 1956 erlaubte Geschäften in der Bundesrepublik montags bis freitags von 7.00 bis 18.30 Uhr zu öffnen. Samstags mussten sie um 14.00 Uhr schließen.

Seit 1957 durfte am ersten Samstag im Monat bis 18.00 Uhr verkauft werden, seit 1960 auch an den vier Adventssamstagen. Danach gab es weitere Lockerungen:

1989 brachte der „lange Donnerstag“ Öffnungszeiten bis 20.30 Uhr. Seit 1996 durfte wochentags bis 20.00 Uhr verkauft werden, samstags bis 16.00 Uhr. 2003 wurde Läden erlaubt, auch an Samstagen bis 20.00 Uhr zu öffnen.

Mit der Föderalismusreform von 2006 ging die Gesetzgebungskompetenz für den Ladenschluss vom Bund auf die Länder über. Berlin reagierte als erstes Land und gab die Öffnung rund um die Uhr frei, andere Länder folgten. Viele Supermärkte und Shopping-Center haben nun von Montag bis Samstag bis 22.00 Uhr geöffnet, einige bis Mitternacht.

Ländergesetze erlauben nun auch verkaufsoffene Sonn- und Feiertage, meist zu Messen, Märkten oder Festen. Einige Städte bieten viermal im Jahr sonntägliches Event-Shopping, in Berlin sind es acht Sonntage. Meist beschränkt sich die Öffnungszeit dann auf 13.00 bis 18.00 Uhr.

In Tourismusgebieten bringt die Bäderregelung weitere Ausnahmen. Allein in Mecklenburg-Vorpommern ist in der Saison von Ende März bis Ende Oktober in 96 Küstenorten die Öffnung auch an 31 Sonntagen erlaubt, in der Regel von 13.00 bis 18.00 Uhr. In Schleswig-Holstein lässt eine vergleichbare Regelung 36 verkaufsoffene Sonntage zu.

1 Kommentar
  • Name: Wilhelm Schifferdecker 28. Oktober 2014 14:12

    Das einzige was „flexibel“ ist, sind die Geschäftebetreiber. Der Kunde geht abends durch die Straßen und sucht einen offenen Laden, nachdem er erst mal minutenlang einen Parkplatz gesucht hat. Ergebnis: Die kleinen Geschäfte haben alle zu. Der Gipfel auch noch zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Tagen. Das war bestimmt nicht der Wunsch der Kunden. Nach jahrelangen Gezeter um eine Regelung, hat man jetzt eine. Nur der Kunde muss sich vorher aufschreiben, wer wann, wie lange geöffnet hat. Selbst die Tankstellen richten sich nach ihren eigenen Erfahrungen. Wenn ab 21.00 keine Nachfrage mehr ist, dann machen die eben zu! Das kann es nicht sein. Entweder alle oder keiner. Dann darf sich auch der kleine Ladeninhaber nicht wundern, wenn eines Tages die Luft raus ist und die Kunden in die großen Einkaufs-Center fahren. Aber da ist ja auch der kleine Einzelhändler um 19.00 Uhr schon zu. Alles nicht mehr kundenfreundlich.

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