Kompliziert sind die Produkte, mit denen sich Miltenyi Biotec beschäftigt. Das Unternehmen stellt Nachweisstoffe und Geräte für die Zellforschung her - größtenteils basierend auf einem vom Firmengründer entwickelten Verfahren, das Zellen durch an Magnetpartikel gebundene Antikörper trennt.
Wer so etwas kann, ist weltweit gefragt. Obwohl drei Viertel der weltweit 1000 Miltenyi-Mitarbeiter in Bergisch Gladbach beschäftigt sind, gehen die Produkte zu mehr als 90 Prozent in den Export. "Der Großteil der Ausgaben erfolgt in Euro, der Großteil der Einnahmen in Fremdwährungen", sagt Norbert Hentschel, kaufmännischer Leiter bei Miltenyi. Das birgt ein immenses Risiko: Bricht eine relevante Währung massiv ein, geht prompt die Bilanz in die Knie. Darum müssen sich die Biotechniker mit einer weiteren komplizierten Materie auseinandersetzen: mit systematischem Risikomanagement.
Jeden Monat erhält Hentschel darum einen Report von seiner Bank. Der analysiert, welche Währungen gerade wackeln. Abhängig von Grenzwerten, die Miltenyi vorgibt, ordnen die Banker die Forderungen und Guthaben in ausländischen Währungen in ein Ampelsystem ein. Stehen die Signale auf Rot, diskutiert Hentschel mit der Firmenleitung, ob man sich der Einschätzung anschließt. Und was in diesem Fall zu tun wäre.
Mangelndes Bewusstsein im Mittelstand
Mögliche Szenarien sind bereits im Vorfeld durchgespielt. Deuten die Analysen darauf hin, dass der Dollar schwächer wird, kämen feste Termingeschäfte infrage, sagt Hentschel. Prognostizieren die Analysen, dass der Dollar sich dauerhaft stabilisiert, seien Optionsgeschäfte die Anlage der Wahl. Dabei wird allerdings eine Optionsprämie fällig, die 500 bis 1000 Euro im Monat kosten könnte: "Dann kann die Absicherung unverhältnismäßig teuer werden", warnt der Miltenyi-Experte.
Ebenso wichtig für die Kalkulation: Anders als bei Standard-Termingeschäften, bei denen die Marge der Banken die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs beträgt, sind bei Optionen die Margen der Banken variabel. Hentschel empfiehlt darum, die Angebote mehrerer Geldhäuser zu vergleichen: "Ich habe schon innerhalb weniger Minuten Offerten eingeholt, die sich um bis zu 80 Prozent unterschieden."
diese Voraussicht ist im Mittelstand nicht die Regel. Dabei bedrohen unterschiedlichste Risiken die Unternehmen: Kunden werden zahlungsunfähig, Rohstoffe verteuern sich, Zinsen steigen, Wechselkurse ändern sich. "Dann brechen auf einmal wesentliche Teile des Ergebnisses weg", sagt Ulrich Schürenkrämer, Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank.
Anforderungen an das Risikomanagement steigt mit Unternehmenswachstum
Den Führungskräften ist die Bedeutung von Vorsorge bewusst. Bei einer Umfrage der Deutschen Bank unter den Finanzverantwortlichen von 400 Unternehmen hielten 82 Prozent der Befragten ein Risikomanagement für wichtig oder sehr wichtig. Nur genügend darum gekümmert werde sich nicht, sagt Schürenkrämer: "Gerade bei kleineren Unternehmen gibt es Nachholbedarf."
Der Mittelstand löse Probleme eher "informell", sagt Oliver Engels, Partner bei der Beratungsgesellschaft KPMG. Das heißt: Die Geschäftsführer sind sich der Gefahren bewusst und werden auch aktiv - aber lehnen sich zurück, wenn sie etwas angeschoben haben. Ob ihre Maßnahmen befolgt werden und inwieweit sie überhaupt greifen, das wird selten überprüft.
"Wenn Unternehmen wachsen, sich diversifizieren oder verstärkt in neue Länder expandieren, kann solch ein Risikomanagement nicht Schritt halten", sagt Engels. "Informell ist das nicht mehr in den Griff zu bekommen." Das hat auch Miltenyi Biotec irgendwann gemerkt. Lange Zeit wurde von Fall zu Fall entschieden, "eher aus einem Bauchgefühl heraus", sagt Norbert Hentschel. Die Notwendigkeit, Risiken ernsthaft strukturiert anzugehen, musste erst wachsen.
© 2010 ftd.de
Ihre Meinung
Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück


















Diesen Artikel bookmarken bei...