Stille, absolute Stille. Für unendlich sich hinziehende Sekunden ist das Summen im Saal, das Flüstern der Aktionäre verstummt. Ihre Blicke richten sich zum Podium, erfassen die zwei Männer mit ihren sanften Jungengesichtern, die zwischen den Anwälten und Kaufleuten auf der Aufsichtsratsbank fast wie Fremde wirken: Ludwig Merckle, 44, in grauem Tuch und dezent gestreifter Krawatte, und sein jüngster Bruder Tobias, 38, ein Sozialpädagoge in schwarzem Hemd, schwarzem Sakko und rotem Schlips. Reglos stehen sie da, die Hände gefaltet, die Augen zu Boden gerichtet.
Ein Ritual. Unter dem Walmdach der Jugendstil-Festhalle von Leimen gedenken die Heidelberg-Cement-Aktionäre der toten Mitarbeiter, wie jedes Jahr zu Beginn der Hauptversammlung. An diesem Tag im Mai stehen sie auch für den verstorbenen Eigentümer der Werke auf: für Adolf Merckle, der einst bewundert, zuletzt verspottet wurde; den Multimilliardär, der sich im Januar umbrachte.
Bis vor wenigen Monaten regierte der Merckle-Clan über ein riesiges Reich, zu dem neben Heidelberg Cement der Arzneimittelhersteller Ratiopharm, der Pistenraupenfabrikant Kässbohrer und der Pharmagroßhändler Phoenix gehören. Über Jahrzehnte hatte die stille Familie eines der größten und einflussreichsten Unternehmenskonglomerate des Landes aufgebaut - mit zeitweise rund 100000 Mitarbeitern in aller Welt. Hinter den Aldi-Brüdern galt Oberhaupt Adolf Merckle lange als drittreichster Deutscher, 2007 schätzte "Forbes" sein Vermögen auf 12,8 Milliarden Dollar. Vorbei.
Ende der goldenen Ära
Die goldene Ära der Familie, begründet auf dem Handel mit Pillen und Zement, ist vorüber. Das Imperium wird Stück für Stück verkauft. Im Juli hat Merckles ältester Sohn Ludwig als Alleinerbe erste Anteile an Heidelberg Cement abgetreten, in diesen Tagen beginnen Verkaufsverhandlungen für Ratiopharm. Und langsam wird deutlich, was sich in der abgeschotteten Welt der Merckles tatsächlich abspielte, wer die Fäden zog, wer zum innersten Kreis gehörte - und wie es zur Katastrophe kam.
Die Merckle-Saga gleicht inzwischen einer modernen "Buddenbrooks"-Geschichte. "Verfall einer Familie" untertitelte Thomas Mann seinen Jahrhundert-roman über den Niedergang der hanseatischen Kaufmannsdynastie. Die Merckles liefern Stoff für eine neue Geschichte: eine Chronik über Flucht und Neubeginn, Aufstieg und Fall, Macht und Hybris, voller Winkelzüge, Übermut und Intrigen.
Stille Macht
![]() Zoom Trauerfeier nach dem Suizid: Ehefrau Ruth (M.) mit den Kindern Jutta, Ludwig, Philipp Daniel und Tobias (v.l.) |
Wie bei Schaeffler oder Porsche ist auch die Unternehmerdynastie Merckle zu einem Synonym für gnadenlose Machtkämpfe und riskante Finanzgeschäfte geworden. "Das zuvor positive öffentliche Bild von Familienunternehmen wurde durch diese Fälle geschädigt, keine Frage", sagt Brun-Hagen Hennerkes, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, der die meisten Dynastien seit Jahren persönlich kennt. "In allen Fällen waren es dieselben Fehler: Die Familien haben ihre kompletten Unternehmen verwettet - und in allen Fällen hatten externe Manager große Spielräume."
Die Familie Merckle erlebt ihren Tiefpunkt am 5. Januar 2009. An jenem Wintertag unterschreibt Adolf Merckle, 74 Jahre alt und von Krankheit schwer gezeichnet, in seinem verwinkelten Haus in Blaubeuren die seit Monaten ausgehandelten Verträge: Endlich gewähren die Banken seinen Unternehmen den Überbrückungskredit, doch die 400 Millionen Euro sind teuer erkauft: Die Firmenbeteiligungen gehen an Treuhänder, die sie verkaufen sollen. Die Familie ist entmachtet.
Merckle-Serie Teil II: Adolf Merckles komplizierte Finanzmanöver
Merckle-Serie Teil III: Die Frage der Erbfolge
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