Es war ein schwüler Nachmittag im Spätsommer, aber ich zitterte vor Kälte: Dort an der Wand des Uni-Instituts für Elektrotechnik sah ich hinter meiner Matrikelnummer eine Zahl: 5,0. Durchgefallen! In erinnerte mich sofort an diesen einen Satz meiner Mutter, mit dem sie mir in meiner Kindheit täglich gedroht hatte: "Wenn du das nicht tust, wirft Gott einen Stein auf dich!"
Eine lange Zeit ließ mich dieser Satz unbekümmert, auch weil ich nirgendwo jammernde Kinder in Kratern entdecken konnte. Also spielte ich weiter mit meinem Physikbaukasten und verbrachte eine glückliche Kindheit als Faulenzer, das Wort "Deadline" war mir nicht geläufig. Und genauso hatte ich diesen Sommer vor der Klausur verbracht. Ich hatte an den Prüfungstermin möglichst nicht gedacht, mich braun gebrannt über die Klausur gebeugt und mich statt auf die Formelsammlung auf himmlische Hirnstromstöße verlassen. Und nun - vor dem Unibrett - spürte ich plötzlich die Wucht eines riesigen Felsens, der mich unter sich begrub.
Seit dieser göttlichen Strafe bin ich ein unsympathischer Streber geworden. Ich habe auf jede Prüfung gelernt, rechtzeitig, angemessen, panisch, aber auch einigermaßen erfolgreich. Ich verspreche nichts, was ich nicht zu leisten imstande bin. Stress entsteht aus Arroganz. Ich weiß gut, was ich leider nicht kann. Und bei Zusagen schiebe ich den Abgabetermin so weit wie möglich hinaus, um ihn einhalten zu können. Seither habe ich gelernt, meine Deadlines mit Respekt und Ehrfurcht zu lieben.
Klar, es gibt diese Momente, in denen Abgabetermine nur hassenswert sind. Wenn die Powerpoint-Präse bis gestern fertig sein muss. Wenn nachts um 3 Uhr das Licht der Schreibtischlampe die müden Augen blendet, der Computerbildschirm flimmert - und man genau weiß, bis zum Meeting um 9 Uhr sollen die Unterlagen zusammengestellt sein, nein müssen zusammengestellt sein. Und trotzdem: Man sollte die Deadline respektieren, ihren glückstiftenden Sinn akzeptieren lernen.
In ihrer Doktorarbeit zum Thema "Zielbindung und Zielplanung" beschreibt die Psychologin Anja Dargel, wie wichtig es ist, bei Projekten eine positive Einstellung zur Deadline zu entwickeln. Studien würden belegen, "dass Personen, die in Gedanken ihre positiven Zukunftsfantasien der negativen Realität gegenüberstellten, zu verbindlichen Zielsetzungen gelangten. Sofern sie die Erfolgserwartungen als hoch einschätzten, legten sie damit die Grundlage für eine effektive Zielrealisierung."
Sprich: Gerade in Momenten, in denen der Termindruck besonders groß ist, hilft es, über all die positiven Augenblicke zu reflektieren, die eintreten, nachdem man die Deadline erfolgreich eingehalten hat. Wer sage: "Ich will die Prüfung erfolgreich bestehen", wisse genau, dass er intensiv lernen muss, um sein Ziel zu erreichen, so Dargel. Lautet das Ziel jedoch: "Ich will bei der Prüfung nicht versagen", werde das Denken und Handeln in eine negative Richtung gelenkt, ohne eindeutige Kriterien für die Vermeidung eines Misserfolgs zu definieren. Wie gesagt, man muss seine Deadline lieben können. Nicht romantisch-verspielt. Sondern wie einen strengen Gott, den man zugleich fürchtet.
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