"O Gott, sie-ben-hun-dert-fünf-und-acht-zig!" - Es ist eine ganz eigene Form von Prahlerei, die die Bürokultur des 21. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Wer heutzutage auch nur eine Woche Urlaub macht, dessen E-Mail-Postfach läuft währenddessen unweigerlich voll. Kehrt man an den Arbeitsplatz zurück, kann man den Kollegen dann mit resignierter Miene die unzumutbar hohe Zahl ungelesener Nachrichten nennen - "Neunhundertdreiundreißig!" - und damit aufzeigen, wie wahnsinnig wichtig und gefragt man ist.
59 Prozent rufen ihre Post sogar auf dem Klo ab
Aber mal ehrlich: Muss man das haben? Die ersten Tage nach den Ferien damit zubringen, knapp 1000 mehr oder weniger irrelevante Zuschriften abzuarbeiten? Ich hatte mich klar dagegen entschieden und mir einen radikalen Plan ausgedacht: Ich würde Urlaub machen und in dieser Zeit keinerlei Mails lesen. Mehr noch: Alle eingehenden Nachrichten würden unwiderruflich gelöscht. Für knapp drei Wochen wollte ich aus der digitalen Kommunikation aussteigen. Ob ich damit Kunden oder Kollegen vor den Kopf stoße? War mir schnuppe.
Ich wusste nämlich alle Argumente auf meiner Seite. Immer reden doch alle von Work-Life-Balance, von Reizüberflutung und Entschleunigung. Es soll der Konzentration dienlich sein, während der Arbeit phasenweise das E-Mail-Programm auszuschalten.
Trotzdem traut sich kaum jemand, dem Nachrichtenstrom auszuweichen. Nicht mal im Urlaub. Vielmehr suchen sich manche Leute ihren Ferienort extra danach aus, ob sie Zugang zu ihren Mails haben. Einer AOL-Umfrage zufolge tun das in den USA 19 Prozent der Menschen. 59 Prozent rufen ihre Post sogar auf dem Klo ab.
Die Totalblockade als probates Mittel
Das habe ich auch schon gemacht. Es ist würdelos, ebenso würdelos wie das Abarbeiten vieler Hundert aufgelaufener Nachrichten beim Wiedereintritt ins Büroleben. Wenn man damit durch ist, kann man eigentlich gleich den nächsten Urlaub einreichen. Deshalb also: Die Totalblockade als probates Mittel.
Meine Freude über die Idee währt indes nicht lang. "Also, ich könnte mir das nicht erlauben", sagt eine Bekannte. "Da würde ich ja Kunden verlieren!" Ich glaub, ich steh im Wald: Wir reden hier von zweieinhalb Wochen! Doch meine Weigerung, in der Erholungszeit zu arbeiten, stellt mich in puncto Radikalität offenbar auf eine Stufe mit Henry David Thoreau.
Quelle: ftd.de
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