Friedhof Essen-Bredeney, grauer Himmel, Nieselregen. Zwischen Rhododendronbüschen und alten Tannen erheben sich Mausoleen und prächtige Familiengräber, die letzten Ruhestätten von Deutschlands Dynastien. Hier sind die Gräber der Krupps, der Waldhausens, der von Bohlens, der großen Industriellenfamilien. Seit Mittwochmorgen ruht hier auch Theo Albrecht in einem schlichten Grab, ohne Aufwand, ohne Schnörkel. Im engsten Kreis haben Familie und Freunde Abschied genommen. Sechs Kränze auf Ständern, einer trägt die Schleife "Deine Cilly", ein letzter Gruß seiner Frau.
Theo Albrecht geht so, wie er sich seit Jahrzehnten gegeben hat, unscheinbar, bescheiden - und vollkommen zurückgezogen. Der Gründer der Supermarktkette Aldi, ein Pionier seiner Branche, der mit seinen Ideen weltweit den Einzelhandel revolutionierte und zu einem der reichsten Deutschen aufstieg, war ein Phantom, eine unsichtbare Legende. Nur wenige haben ihm je in die Augen geschaut. Am Samstag ist er im Alter von 88 Jahren in seiner Heimatstadt Essen gestorben.
Theo Albrecht stammte aus einfachen Verhältnissen, der Vater schuftete unter Tage, bis er an einer Staublunge erkrankte, die Mutter führte seit 1913 einen Tante-Emma-Laden in Essen-Schonnebeck, mit dem sie die Familie über Wasser hielt. Dieser Laden war die Keimzelle des späteren Imperiums, das Theo und sein zwei Jahre älterer Bruder Karl aufbauten. Hier lernten sie, nach welchen Mustern die Menschen Lebensmittel kaufen, hier entwickelten sie ihr späteres Discountkonzept.
Anfangs handelten sie aus purer Not. Sie lockten Essener Hausfrauen mit billiger Butter und erweiterten den Krämerladen um ein paar Filialen, in denen es nichts als billige Konserven und Gläser zu kaufen gab. Sie konnten nur Bruchbuden mieten, mit nackten Glühbirnen an den Decken, groben Holzregalen und Selbstbedienung, weil sie keine Gehälter zahlen konnten - Arme-Leute-Läden in den Arbeitervierteln von Essen, Duisburg und Bottrop. Die Brüder boten nur ein paar "Schnelldreher" an, Waren, die häufig nachgefragt wurden. "Seit 1950 verfolgen wir neben dem Grundsatz des kleinen Warenangebots den des niedrigen Preises", umriss Theos Bruder Karl 1953 das damals revolutionäre Geschäftsmodell.
Text
Der Brüderstreit
Es funktionierte. 1950 hatten sie 13 Geschäfte, 1953 schon 31, und 1961 waren es 300 Filialen. In dem Jahr gerieten Theo und Karl in Streit darüber, ob sie auch Zigaretten verkaufen sollten. Karl war dagegen, die Margen waren ihm zu klein, und Zigaretten würden zu oft geklaut; Theo witterte gewaltige Umsätze. Ohne sich zu einigen, teilten sie das Reich entlang dem "Aldi-Äquator" an der Ruhr: Karl kommandierte von nun an den Süden, Theo den Norden.
"Als die Albrechts anfingen, haben alle noch geschmunzelt über ihre einfachen Regale und die braunen Kartons in den Läden", sagt Hans-Joachim Körber, der frühere Metro-Chef. "Als Händler muss man aber höchsten Respekt vor der Leistung der Aldi-Brüder haben."
© 2010 ftd.de
Ihre Meinung
Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück


















