Das nächste große Ding, Spencer Silver glaubt es in der Hand zu halten. Aus Acrylteilchen hat der amerikanische Chemiker 1968 ein Haftmittel entwickelt, das Dinge zusammenhält, aber problemlos wieder zu entfernen ist. Silver streicht den Kleber auf eine Holztafel und pappt Zettel darauf, auch sie lassen sich leicht ablösen - ohne zu zerreißen. Der Forscher will seine Erfindung als Spray auf den Markt bringen, doch sein Arbeitgeber, der Technologiekonzern Minnesota Mining and Manufacturing Company (3M), lässt mit dem Kleber eine Haft-Pinnwand ohne Pins entwickeln.
Chemie-Ingenieur Fry verbringt seine Freizeit im Kirchenchor
Das Neue Produkt wird ein Flop. Silver ist frustriert. Er hat doch ein perfektes Produkt entwickelt. Gleichzeitig ist ihm bewusst: Es gibt einfach kein passendes Problem, das der Kleber löst. Statt die Papiere mit dem Kleber in einen Ordner zu heften und nach hinten in sein Regal zu schieben, geht er jedoch in die Öffentlichkeit. Er erzählt jedem Kollegen von seinem Kleber, in Kaffeepausen, beim Mittagessen und auf Seminaren, jahrelang. Irgendeinem, hofft Silver, wird doch wohl die zündende Idee für seinen genialen Einfall kommen.
Auch Art Fry hört von der Erfindung. Während Silver als Ausgleich zum Arbeitsleben das Malen mit Ölfarben für sich entdeckt, verbringt Chemie-Ingenieur Fry seine Freizeit im Kirchenchor. Eines Sonntags verpasst er seinen Einsatz, denn die Papierschnipsel, die er sich in sein Gesangbuch gelegt hat, fallen immer heraus. Wie nervig, denkt Fry, wenn sie doch nur an ihrem Platz blieben. Da erinnert er sich an den Klebstoff. Am nächsten Morgen in der Firma holt sich Fry bei Silver ein Produktmuster. Er streicht den Kleber auf Papierstreifen, so bastelt er Lesezeichen, die zuverlässig an der richtigen Stelle bleiben und beim Wiederabnehmen keine Spuren oder Schäden hinterlassen.
Das Management von 3M ist skeptisch. Man ist zwar offen für Neues, auch die ersten Klebebänder für den Overheadprojektor hat sich der Konzern ausgedacht. Aber das hier ist nur ein klebriges Stück Papier, sagen die Chefs, so was kauft niemand. Fry ist verzweifelt. Wie soll er sie von seiner Idee überzeugen? Als er eines Tages einen Bericht abgeben muss und dazu noch eine Frage an seinen Vorgesetzten hat, schreibt er sie auf einen der Klebezettel und pappt ihn auf die Mappe. Minuten später bringt der Bürobote sie zurück, auf dem Deckel klebt der Zettel - mit einer Antwort vom Chef. Fry ist elektrisiert. Eine Haftnotiz, das ist es! Um die Prototypen reißt sich die ganze Firma, ob Sekretärin oder Vorstandschef, die Leute können nicht genug bekommen von dem neuen Kommunikationsmittel.
Das digitale Post-it lässt sich an Textdateien heften
Kurz darauf startet 3M einen Feldversuch und verteilt Gratismuster der Klebeblöcke in einer Kleinstadt in Idaho. Dort entpuppen sich die Post-its als Renner: 95 Prozent der Nutzer sind begeistert. 1980 kommt die erste Version in die Geschäfte, kanarienvogelgelb und 76 mal 76 Millimeter groß. Schnell erobern sie die Büros im ganzen Land, ein Jahr später auch in Kanada und Europa.
Als das Basispatent ausläuft, entwickeln sich aus der Urform des Klebezettels Hunderte weitere Varianten, in schrillen und sanften Tönen, in Herzchen-, Schweinchen- und Weihnachtsbaumform, vom Indexstreifen bis zum 61 mal 51 Zentimeter großen Meeting-Chart. Zuletzt vollzog das Konzept sogar einen radikalen Wandel, denn 3M verzichtete auf Papier und Klebstoff: Das digitale Post-it lässt sich an Textdateien heften.
Quelle: ftd.de
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