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26.07.2011

Ende der Wegwerfgesellschaft: Nutzen statt besitzen!

Von: Hanna Grabbe und Felix Wadewitz
­Bevor sein Wagen nur ­herumsteht, vermietet der Berliner Arzt Fabian Lindner ihn lieber
Zoom ­Bevor sein Wagen nur ­herumsteht, vermietet der Berliner Arzt Fabian Lindner ihn lieber
© Andreas Chudowski für impulse
Früher galt: kaufen, verwenden, entsorgen. Heute ermöglicht das Internet intelligentere Formen des Konsums - und eröffnet Unternehmern neue Chancen.

Was für ein Wagen, dieser 3008. Ein bisschen Limousine, ein bisschen Van, ein bisschen Geländewagen. Mit 150 PS und Panoramaglasdach. Fabian Lindner, 33 Jahre alt, Arzt in Berlin, schwärmt: "Mein Traum." Ein Mann und sein Auto. Man sieht ihn vor sich, wie er den Lack seines Peugeot poliert, den Fußinnenraum mit dem Handsauger reinigt. Und niemanden ans Steuer lässt außer sich selbst.

Falsch. "Es ist totaler Quatsch, so einen Wagen allein zu nutzen", sagt Lindner. Der monatliche Wertverlust. Die Versicherung. Steuern. Parkplatzgebühren. Der Benzinpreis. Und dann wird die Karre die meiste Zeit gar nicht bewegt. Lindner teilt sich sein Auto. Statt es herumstehen zu lassen, wenn er es nicht braucht, vermietet er es. Für 40 Euro am Tag, an Franciska Obermeyer zum Beispiel. Die 28-Jährige hat kein eigenes Auto und will auch keines.

"Es gibt aber Situationen, da brauche ich einen fahrbaren Untersatz, etwa wenn es zu Ikea geht", sagt sie. Etablierte Autovermieter wie Sixt oder Europcar sind ihr zu teuer, klassisches Carsharing zu umständlich: "Die Stationen sind so weit weg. Das ist unpraktisch."

Schnell muss es gehen, unkompliziert sein. Im Internet hat sie auf Nachbarschaftsauto.de Lindner gefunden. Er wohnt nur drei Straßen weiter und hat kein Problem damit, sein Auto einer Fremden zu überlassen. "Ich habe sie mir gleich bei Facebook angeschaut, als die Anfrage kam", erzählt er. "Ich vermiete nur an Leute, die ich sympathisch finde." Nach zwei E-Mails war alles klar. Bei der Schlüsselübergabe haben sie sich zum ersten Mal gesehen.

Lindner und Obermeyer gehören zu einer neuen Generation von Konsumenten, die auf nichts verzichten wollen, aber trotzdem nicht alles kaufen. Und damit eine ebenso ökologische wie hedonistische Antwort auf den Hyperkonsum der Vergangenheit geben: teilen, tauschen, leihen. "Dafür wurde das Internet erfunden", schwärmt Rachel Botsman. Die Harvard-Absolventin und ehemalige Mitarbeiterin von Bill Clinton hat für Microsoft, HewlettPackard und Google gearbeitet. Nun bereitet sie große und kleine Unternehmen auf den neuen Konsumtrend vor. "Was in der virtuellen Welt bereits normal ist, erobert nun die Realität", sagt Botsman. Sprich: Wir teilen miteinander. Und zwar nicht mehr nur Kommentare, Statusmeldungen, Musik oder Fotos, sondern auch Autos, Fahrräder, Kleider, Handtaschen, Bilder oder Bohrmaschinen: Die Onlinewelt verbindet sich mit dem echten Leben. Selbst Forscher der Vereinten Nationen beschäftigen sich inzwischen mit dem Trend.

Längst gibt es genug von allem. Es muss nur effizient verteilt werden, verfügbar sein. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickeln Unternehmer auf der ganzen Welt neue Geschäftsmodelle. Sie produzieren nichts, sie verkaufen nichts, sie bringen Menschen zusammen, die teilen wollen, nutzen dafür soziale Netzwerke und mobile Ortungsdienste. New Yorker beispielsweise schauen bei Snapgoods nach, welcher Nachbar ihnen den Rasenmäher oder Betonbohrer leihen kann. In London vermieten Hausbesitzer die Stellplätze vor ihrem Haus an Pendler, die Plattform "Park at my house" hat 100.000 registrierte Nutzer.

In kürzester Zeit sind Hunderte neuer Firmen entstanden, die das Teilen und Tauschen einfach und effizient machen. Auch in Deutschland kommen fast wöchentlich neue hinzu. "Es ist keine neue Hippiebewegung. Es ist gesellschaftlicher Mainstream", sagt der Konsumforscher Michael Kuhndt, Leiter des Wuppertaler Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP). "Das Teilen entwächst der Nische und wird zum Massenmarkt." Sein Institut hat im Mai innovative Unternehmer und Trendforscher in Köln zu einem Kongress zusammengebracht, um über nachhaltige Lebensstile und sich daraus entwickelnde Geschäftsmodelle zu beraten. "Es geht weg vom Hyperkonsum des vergangenen Jahrhunderts. Wir Konsumenten haben immer mehr Güter in immer kürzerer Zeit verbraucht", so Kuhndt, "das ändert sich jetzt. Wir wandeln uns von passiven Kunden zu Mitgestaltern. Das verändert die Wirtschaft."

Christian Kapteyn (l.) und Markus Altenhoff ermöglichen mit dem Portal Nachbarschaftsauto privates Autoteilen
Zoom Christian Kapteyn (l.) und Markus Altenhoff ermöglichen mit dem Portal Nachbarschaftsauto privates Autoteilen
© Anja Lehmann für impulse

Nicht nur Konsumenten teilen, auch Unternehmen schwenken um. Cloud-Computing etwa ist nichts anderes als die gemeinsame Nutzung von Serverplatz durch verschiedene Firmen. Wie im Privaten wird auch für sie die gemeinsame Nutzung von Maschinen und Fahrzeugen künftig noch schneller und einfacher. Die Plattform Milkrun etwa bringt Firmen zusammen, die ähnliche Transportstrecken nutzen, aber nichts voneinander wissen. Oft fahren ihre Laster nur halb voll. "Das macht jedes Teil im Lkw ein Stückchen teurer", sagt Milkrun-Gründer Markus Wirz. Fahrten zu teilen spare Geld.

Neuer Trend: gemeinschaftlicher Konsum

Für Privatleute wie Unternehmen gilt: Etwas nutzen zu können ist häufig besser, als es zu besitzen. "Dank der sozialen Netzwerke erlebt das Teilen und Tauschen, dieses uralte menschliche Verhalten, ein Comeback in einem nie da gewesenen Ausmaß", sagt Trendforscherin Botsman. Sie hat den Begriff geprägt, unter dem das Phänomen weltweit diskutiert wird: Collaborative Consumption, zu Deutsch: gemeinschaftlicher Konsum. Was sozialistisch klingt, ist genau das Gegenteil. Menschen werden zu Unternehmern und verdienen mit brachliegenden Ressourcen Geld. Sie vermieten das Eckzimmer, das leer steht, die Drei-Meter-Leiter, die so selten benutzt wird - oder ihren Wagen.

"Es gibt genug Autos in privater Hand, wir müssen sie nur besser nutzen", sagt Christian Kapteyn, einer der Gründer der Plattform Nachbarschaftsauto.de. Der promovierte Physiker hat für IT-Konzerne Innovationsprojekte vorangetrieben. Mit 35 kündigte er, reiste um die Welt und machte sich Gedanken, wie man aus der Mobilität des 21. Jahrhunderts ein Geschäft machen könnte. Zurück in Berlin tat er sich mit Markus Altenhoff zusammen, der zwei Jahrzehnte lang als Topmanager in Sachen Logistik und Mobilität unterwegs war, unter anderem für die Deutsche Bahn. Beide drängte es in die Selbstständigkeit. In Berlin, in der Nähe des Rosenthaler Platzes, hat das Startup ein kleines Büro bezogen. Das Geschäftsmodell ist simpel. "Nachbarschaftsauto bringt Menschen zusammen, die Autos gemeinsam nutzen wollen. Menschen, die ein Auto privat leihen oder verleihen", sagt Altenhoff.

Das Potenzial ist da. All die Autos am Straßenrand. 23 Stunden, so die Statistiken, steht der Durchschnittswagen ungenutzt herum und setzt Rost an. Gleichzeitig ächzen die Besitzer unter den Kosten. Wer seinen Wagen einmal in der Woche verleiht, kann die laufenden Kosten schnell hereinholen.

Seit März ist das Portal online, mehr als 100 neue Nutzer melden sich jede Woche an, Tendenz steigend. Das Angebot reicht vom Polo bis zum Porsche. Kein eigenes Auto zu haben lässt einem täglich die Wahl: das Cabriolet für die Pfingstfahrt ins Grüne, den Kombi für den Umzug in die neue Wohnung oder die Limousine für den Geschäftstermin.

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