05.03.2010

Fallstudie: Lamy - Design oder Nichtsein

Von: Nina Klöckner
Mit dem Klassiker Lamy 2000 begann 1966 eine neue Ära bei Lamy
Zoom Mit dem Klassiker Lamy 2000 begann 1966 eine neue Ära bei Lamy
© C.Josef Lamy GmbH
Stifte von Lamy sind nicht premium. Und sie sind nicht billig. Mit herausragender Produktgestaltung gelingt der Balanceakt dennoch.

Im Museum of Modern Art in New York sind Handys, ein CD-Player und ein Luftbefeuchter aus seiner Hand zu besichtigen, er räumt Designerpreise nur so ab, arbeitet selbstverständlich für Apple. Naoto Fukasawa ist ziemlich angesagt und sehr gefragt. Manchmal fragt Fukasawa selbst: Höflich klopfte der Japaner in Deutschland bei Lamy an, ob er wohl einen Kugelschreiber entwerfen dürfe. Äh, ja, natürlich, wäre uns eine Ehre. An was hatten Sie denn gedacht?

Fukasawa dachte, dass gutes Design nicht teuer sein muss. Sein Noto kostet 3,90 Euro, der Plastikkuli ist das billigste Produkt von Lamy. In den vergangenen beiden Jahren hat auch der Noto so ziemlich alle Preise abgeräumt, die es zu gewinnen gibt. Die Auszeichnungen hängen in der Heidelberger Lamy-Zentrale oben im Flur, eine neben der anderen. Nicht nur für Noto: Seit Lamy auf Design setzt, ist die Firma Stammgast bei Preisverleihungen. Die Wände des "Walk of Fame" sind inzwischen so voll, dass so mancher Preis schon im Keller verstaut werden muss.

Lamy steht für Design. So einfach ist das. Und zugleich so schwierig. Mit jedem neuen Produkt, das auf den Markt kommt, muss das Unternehmen seinen Ruf und sein Renommee bestätigen. Denn Produkte von Lamy sind nicht billig. Aber auch nicht so teuer, dass sie als Luxusgut gelten. Sie hängen irgendwo dazwischen.

Premium im Design, akzeptabel im Preis

Nicht "irgendwo", darauf besteht Bernhard Rösner. Der Lamy-Chef fühlt sich sehr wohl in der Mitte zwischen Premiumunternehmen und Billiganbieter und hat nicht die geringste Angst, dazwischen zer­rieben zu werden. Denn Lamy ist eben nicht irgendein Anbieter von Stiften. Sondern der mit dem coolen Design. Genauer gesagt: mit coolem und bezahlbarem Design.

Das ist der Balanceakt, den die Firma auf sich nimmt: premium im Design, akzeptabel im Preis. Es geht darum, keine Hürden aufzubauen, nicht auf Exklusivität zu setzen. Einen Kuli für 3,90 Euro kann sich jeder leisten. Schüler kaufen sich den Füller Safari, weil er gut aussieht, gut schreibt und mit 12,90 Euro erschwinglich ist. So lernen sie zugleich: Lamy liefert gute Qualität. Etwas, was sie später als Erwachsene bei ihren Kaufentscheidungen hoffentlich beherzigen.

Bernhard Rösner ist in dieser Hinsicht Überzeugungstäter. Zu Hause hat er eine ganze Schublade voller Lamy-Stifte. Er weiß, mit welchem er sein Abitur geschrieben hat. Und mit welchem die ersten Liebesbriefe. Doch das ist nicht der Grund dafür, dass er seit drei Jahren bei Lamy als Geschäftsführer agiert. Der Schwabe war zuvor sieben Jahre Chef bei Steiff. Er kennt sich aus mit mittelständischen Unternehmen. Und Rösner ist ein Mann mit Liebe zum Detail.

Warum ein Fremder das Familienunternehmen führt

Gefunden bei
www.ftd.de

So einen hat sein Vorgänger gesucht. Manfred Lamy hat das Unternehmen mehr als drei Jahrzehnte geführt und zu dem gemacht, was es heute ist: eine erfolgreiche Firma mit 320 Mitarbeitern und konstant rund 50 Millionen Euro Umsatz, aber vor allem eine Designmarke mit internationalem Ruf. Weit über zwölf Monate, erzählt Rösner, hätten sich die beiden immer wieder getroffen, ausgetauscht und abgetastet, ob ihre Wertvorstellungen wirklich zusammenpassen. Erst als er sicher war, zeigte sich Manfred Lamy bereit, sein Lebenswerk an einen familienfremden Manager zu übergeben. An einen, für den Design nicht unter "nice to have" fällt. Wo zuerst angesetzt wird, wenn gespart werden muss. Wo alles auch eine Nummer einfacher und billiger geht.

Das wäre zu einfach, zu billig. Das belegt eine Umfrage des Design Council unter 1522 britischen Unternehmen. Über die Hälfte sagen, Design werde immer wichtiger. 54 Prozent setzen auf Design, um besser aus der Krise zu kommen. 59 Prozent sehen einen klaren Bezug zwischen Design und Profitabilität. Design-Council-Chef David Kester bringt seine Botschaft auf den Punkt: "Wer Design nicht nutzt, riskiert zu scheitern."

Für Deutschland gibt es keine vergleichbaren Umfragen, aber Kesters Botschaft ist auch so bei Lamy angekommen. Wobei die Heidelberger wissen, dass auch Design das Risiko des Scheiterns birgt. Neuerungen sind aufwendig und teuer. Zwischen 500.000 Euro und 1 Millionen Euro kostet die Entwicklung eines neuen Produkts von der ersten Zeichnung bis zur Herstellung. "Das ist jedes Mal eine kritische Entscheidung", sagt Rösner.

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