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04.11.2010

Familienunternehmer des Jahres : Laudatio für den Preisträger 2010: Stefan Messer

Von: Nikolaus Förster
Nikolaus Förster
Nikolaus Förster
© Bob Heinemann für impulse
Von Dr. Nikolaus Förster, Chefredakteur impulse.

"Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, Ihnen heute einen Mann vorstellen zu dürfen, der Außergewöhnliches geleistet hat. Er ist ein Mann der leisen Töne, einer, der lange unterschätzt wurde – und doch für eine der spektakulärsten Unternehmensgeschichten der jüngsten Wirtschaftsgeschichte steht: Stefan Messer.

Herzlichen Glückwünsch, Herr Messer, Sie sind der Familienunternehmer des Jahres 2010.

Stefan Messer tritt, wie viele andere herausragende Persönlichkeiten, für die Tugenden und Werte ein, für die Familienunternehmen in Deutschland stehen: für Vertrauen und Maßhalten, für Tradition, Integrität und Loyalität. Aber es ist mehr als das, was diesen Unternehmer auszeichnet. Stefan Messer – und das macht ihn als Familienunternehmer so besonders – steht auch für Hartnäckigkeit und Widerstand, für die Bereitschaft, zu kämpfen, auch dann, wenn es den Anschein hat, als habe sich die ganze Welt gegen einen verschworen.

Stefan Messer
Zoom Stefan Messer
© Martin Leissl für impulse

Joachim Gauck hat heute – in seinem brillanten Vortrag – von der Normalität der Ohnmacht gesprochen, in der DDR und der Zeit danach. Von der Normalität der Ohnmacht und der Lust an Freiheit und Verantwortung. Es ist genau das, was den Kern von Unternehmertum ausmacht – und das Leben von Stefan Messer spiegelt. Manchmal muss man für diese Freiheit kämpfen.

Im Fall Messer war es ein Kampf, der sich fast über zehn Jahre hinzog und bei dem lange nicht abzusehen war, ob es ein Happy End geben werde. Heute ist klar: Stefan Messer hat gewonnen. Er hat sich durchgesetzt. Die Messer Gruppe ist heute eines der führenden Industriegase-Unternehmen, das in 30 Ländern in Europa, Asien und Peru mit mehr als 60 operativen Gesellschaften aktiv ist: Mehr als 5200 Mitarbeiter erwirtschafteten 2009 mit Sauerstoff, Stickstoff, Argon, Kohlendioxid, Wasserstoff, Helium oder medizinischen Gasen einen konsolidierten Umsatz von knapp 800 Mio. Euro.

Vor allem aber ist die Messer Gruppe heute – wieder – ein inhabergeführtes Unternehmen. Stefan Messer vertritt die dritte Generation. „Mein Lebensziel“, hat er einmal gesagt, „besteht darin, das von meinem Großvater gegründete und von meinem Vater fusionierte Unternehmen Messer engagiert fortzuführen und für die Generationen nach mir zu erhalten.“ Stefan Messer, verheiratet mit der Unternehmertochter Petra Neumann-Messer, hat zwei Kinder, Maureen und Marcel. Der Sohn hat Ambitionen, dem Vater nachzufolgen – er soll einst die Familientradition im operativen Geschäft der Messer Gruppe fortführen. Zurzeit schreibt er seine Bachelor-Arbeit – über das Thema, warum Familienunternehmen mehr Werte schaffen als Konzerne.

Stefan Messer hat einen langen Atem bewiesen. Dass sein Unternehmen auf eine 112-jährige Geschichte zurückblicken kann und die Tradition nicht in den 1990er oder 2000er-Jahre jäh abbrach, ist vor allem sein Verdienst. Den Grundstein legte Großvater Adolf im Jahr 1898 mit seinem ersten Betrieb, den er als 20-Jähriger in Frankfurt-Höchst gründete. Er experimentierte mit Acetylen – und nutzte die chemische Verbindung für Beleuchtungsbrenner. Bald kamen das autogene Schweißen und Schneiden sowie der Bau von Erzeugungsanlagen für Sauerstoff dazu. Über Jahrzehnte hinweg führte der Patriarch das Unternehmen, 1953 übergab er die Firma an seinen Sohn Hans.

Als Mitte der 1960er-Jahre klar wurde, dass das Unternehmen nur mit einem starken Partner weiter wachsen konnte, schloss sich Messer mit Teilen der deutschen Hoechst Gruppe zusammen: Messer Griesheim war geboren. Zwei Drittel der Anteile hielt Hoechst, ein Drittel die Familie. Und dennoch setzte Hans Messer durch, dass der Familie 50 Prozent der Stimmrechte gesichert wurden, samt wichtiger Vetorechte. Ein Zusammenschluss, der beiden Seiten zu gute kam: Das Unternehmen expandierte stark, entwickelte sich zum globalen Anbieter für Industriegase, Tieftemperaturanlagen und Produkte für die Schweiß- und Schneidtechnik.

Eine Familie und ein Konzern – eine ungewöhnliche Allianz, aber eine erfolgreiche, solange das Familienoberhaupt im Amt war. 1993 gab Hans Messer mit 68 Jahren den Chefposten des Unternehmens an einen jüngeren Manager ab: einen Mann seines Vertrauens. Herbert Rudolf, 52, hatte immerhin 28 Jahre im Unternehmen gearbeitet, zuletzt als Leiter der amerikanischen Tochtergesellschaft.

Doch dann begann der Kampf. Der Vater erkrankte an Krebs, starb 1997. Und Herbert Rudolf setzte zusammen mit dem Hoechst-Vorstand Mitte der 90er-Jahre auf aggressive Expansion - koste es, was es wolle. Er beschleunigte den Globalisierungskurs, machte hochriskante Zukäufe und Neugründungen und nahm eine enorme Verschuldung in Kauf. Das Schicksal von Messer Griesheim stand auf dem Spiel. „Mit einer hohen Selbstüberschätzung, betriebswirtschaftlichem Missmanagement bis hin zu kriminellen Handlungen führte er [Herbert Rudolf] das Unternehmen in nur wenigen Jahren an den Rand des finanziellen Ruins“, hat Stefan Messer im vergangenen Jahr in impulse geschrieben, als wir ihn nach seinem „größten Fehler“ befragten. Stefan Messer hatte zu lange den falschen Leuten vertraut.

Die Familie, zu der in den Jahrzehnten zuvor stets ein gutes Verhältnis bestanden hatte, wurde von den neuen Managern an den Rand gedrängt. „Sie behandelten mich und den Rest der Familie wie kleine, ahnungslose Kinder, statt auf meine warnenden Hinweise zu hören“, so Stefan Messer. Er wurde offen angefeindet – wohl weil die Manager glaubten, die Familie werde klein beigeben. Und im Streit nachgeben.

Nur: Klein beigeben. Das ist nicht die Sache von Stefan Messer.

Fast alle haben ihn damals unterschätzt. Und Stefan Messer hat ihnen allen Grund gegeben, dies zu tun. Dass er einmal eine zentrale Rolle im elterlichen Unternehmen spielen würde, das konnte lange keiner ahnen. Mit dem Studium in Mannheim wusste er nicht so recht etwas anzufangen. Nebenher betrieb er zusammen mit seinem Bruder einen kleinen Musikverlag, organisierte Gitarrenkonzerte und produzierte Schallplatten. Stefan Messer spricht selbst von einer „unbekümmerten Jugendzeit“. Hin und wieder stand er vor dem Kaufhof und verkaufte Wurli-Würmer. Das Studium schmiss er, er ging als Lehrling und Mitarbeiter zu IBM, machte eine schweißtechnische Ausbildung, begann eine „Ochsentour“ durchs elterliche Unternehmen – vom kaufmännischen Sachbearbeiter über den Gebietsverkäufer und Vertriebsleiter bis zum Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft.

Trotz dieser Erfahrung: Er wird damals nicht ernst genommen, er wird unterschätzt. Und so kommt es zum Schlagabtausch, zu persönlichen Attacken: Herbert Rudolf sperrt sich dagegen, Stefan Messer in die Unternehmensleitung aufzunehmen – obwohl sich die Familie vertraglich ausbedungen hatte, einen der Geschäftsführer der Messer-Gruppe ernennen zu dürfen. Mit dem Rückzug des Vaters Hans soll sein Sohn Stefan an die Stelle rücken. Doch Hoechst sperrt sich. Das sei – so schreibt Herbert Rudolf damals wörtlich an Stefan Messer – „schädlich“ für das Unternehmen. Zitat: „Bezüglich Wertminderung bei Messer Griesheim darf ich Sie darauf hinweisen, dass z. Zt. die größte Wertminderung von Ihnen zu vertreten ist, während wir uns Mühe geben, unsere Konkurrenten … abzuhängen.“ Die Familie fordert die Abberufung Herbert Rudolfs – ohne Erfolg. Der Hoechst-Vorstand steht hinter ihm. Stefan Messers Mutter schreibt damals, 1998, an einen Gesellschafter, den damaligen Nestlé-Chef Helmut Maucher: „Ich halte es für einen Skandal. Stefan soll mit allen Mitteln gedemütigt werden… Uns ist regelrecht Krieg erklärt worden.“

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