Marenis residiert in einer schmucken Gründerzeitvilla mit Blick auf den Fluss Nahe. Am Ufer gegenüber liegen die rheinhessischen Rebhänge, gleich nebenan das Finanzamt Bingen. Zehn Mitarbeiter in schlicht eingerichteten Büros, dazu ein großer Server und hinter seinem Schreibtisch der Gründer und alleinige Gesellschafter Harry Marx.
Das ist die Pharmafirma Marenis. Mehr gibt es nicht. Kein Labor, keine chromblitzende Großanlage zur Katalyse irgendwelcher Wirkstoffe, nur emsige Ruhe hinter Computermonitoren in den Büros. Fehlt da nicht was? Wo wird denn produziert? "In Indien und Lettland", sagt Harry Marx, "mit Rohstoffen aus den USA und Kanada."
Ein globales Unternehmen also, auf drei Kontinenten unterwegs. Und doch kein Riese. Marenis hat im vergangenen Geschäftsjahr 4,5 Millionen Euro erwirtschaftet und ist damit ein Winzling in der von Konzernen dominierten Pharmabranche. Marx sagt: "Das ist ja erst der Anfang." Er vertraut auf sein Netzwerk, das er in zwei Jahrzehnten aufgebaut hat, auf externe Berater und nicht zuletzt auf die Geheimnisse der Ochsengalle. Damit liefert er den Beleg dafür, wie wenig Größe heutzutage eine Rolle spielt bei weltumfassenden Geschäften.
Nische zwischen forschender Pharmaindustie und Generikahersteller
Es ist kaum zwei Jahre her, da kam Harry Marx nach Hause und verkündete seiner Frau Anita, dass sie jetzt gemeinsam eine Pharmafirma gründen würden. Damit hatte sie nicht gerechnet.
Ihr Mann, dieser leise und zurückhaltende Mensch, ein Gründer? Mit 46 Jahren, nach einem ganzen Berufsleben als angestellter Pharmamanager? Könnte das gut gehen? Immerhin: Wenn ihr Mann von etwas überzeugt ist, dann bringt er das rüber. Bis es durchdringt.
Davon überzeugt sich Anita Marx in den folgenden Tagen. Denn sie hat Fragen über Fragen: Trägt die Idee? Ja, antwortet ihr Mann, ein Unternehmen in der Lücke zwischen forschender Pharmaindustrie und Generikahersteller, das gibt es so noch nicht. Was soll das produzieren? Bekannte Wirkstoffe, aber besser und günstiger als die anderen, antwortet ihr Mann, und dann an die Medikamentenhersteller verkaufen.
Wie soll das gehen, ganz ohne Labors? Woher sollen die Rohstoffe kommen? Wer soll die verarbeiten? Kein Problem, antwortet ihr Mann, dafür gibt es Netzwerke. An einem Ort sitzen die Produzenten, an einem zweiten die Verarbeiter und am dritten die Abnehmer. Und Harry Marx sitzt in Bingen und steuert das Ganze und braucht dafür nicht mehr als Telefon und Computer. Ohne dass auch nur ein Pharmazeut oder Chemiker fest angestellt wäre. "Wir haben das Know-how" und nutzen die Produktionsanlagen, die andere gebaut und bezahlt haben.
Gut verdrahtet zum Erfolg
Aber Harry, so was hat noch nie jemand probiert; kann das überhaupt funktionieren? Genau das, Anita, wollen wir herausfinden. Bist du dabei? Monatelang geht das so. Bis Anita Marx, ausgebildete Versicherungskauffrau, nickt. Sie ist dabei. Auch die 17-jährige Tochter Stephanie zieht mit. Familie Marx stellt Schreibtische, Computer und Telefone in ihr Dachgeschoss und macht sich gemeinsam an die Arbeit. Die Bank zeigt sich großzügig und nimmt das (noch nicht abgezahlte) Haus als Pfand.
Wie in "Ocean's Eleven", dem Hollywoodfilm, in dem George Clooney als Danny Ocean einen großen Coup plant und eine Schar von Spezialisten um sich sammelt. Freunde und Verbündete von früher plus - auf Empfehlung - einige neue Bekannte. Auch Harry Marx plant einen großen Coup, auch Marx zapft sein Netzwerk an, Partner, Kunden und Geschäftsfreunde aus zwei Jahrzehnten in der Pharmabranche.
Allein kann Marx seinen Marenis-Coup nicht landen, das ist ihm von Anfang an klar. Es geht schon damit los, dass er kein Pharmazeut ist. Chemie hat er vor dem Abitur abgewählt, weil er die Sache mit dem Periodensystem und den Reaktionsgleichungen nie so richtig verstanden hat. Der Mann mit dem grauen Schnurrbart ist gelernter Kaufmann. Während der 15 Jahre beim Pharmazieriesen Boehringer im benachbarten Ingelheim hat er noch ein BWL-Studium draufgesattelt und sich doch noch mit der Chemie versöhnt. Alles, was er heute über Wirkstoffe und Medikamente weiß, hat er sich in seiner Zeit als Manager angeeignet.
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