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16.06.2010

Interview mit Jürgen Klopp: "Wer das Fressen gibt, ist der Chef"

Gelb-schwarze Wand: Jürgen Klopp, hier auf dem Trainingsgelände in Dortmund-Brackel, ist als Experte gefragt.
Zoom Gelb-schwarze Wand: Jürgen Klopp, hier auf dem Trainingsgelände in Dortmund-Brackel, ist als Experte gefragt.
© Thomas Rabsch für impulse
Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp über autoritäre Führung, emotionale Chefs, bevormundete Spieler – und warum die Wirtschaft kreativer ist als der Fußball.

Herr Klopp, wie oft kommt es vor, dass Sie in Firmen über Führung sprechen?

Klopp: Ich bekomme so viele Anfragen, dass ich täglich einen Vortrag halten könnte. De facto mache ich das fünf-, sechsmal im Jahr. Ich arbeite seit 2001 als Trainer, es verging nicht einmal ein Jahr, da meldeten sich schon die ersten Unternehmen bei mir. Meistens sind das Versicherungen und Banken.

Haben Sie zunächst gezögert?

Klopp: Nein, ich wollte es unbedingt austesten, und siehe da: Es ging problemlos. Meist ist das Thema ja Motivation. Das scheint ein dringendes Anliegen zu sein. Jeder braucht Leute, die motiviert sind, aber in der Wirtschaft ist offenbar keiner von sich aus motiviert. Als ob alle einen Trainer benötigten, der ihnen in den Hintern tritt und sagt: Los geht’s.

Teilen Sie diesen Pessimismus?

Klopp: Ich sehe das völlig anders. Bei den meisten Menschen kommt die Motivation aus ihnen selbst heraus. Jeder arbeitet doch lieber erfolgreich, als vor sich hinzuwursteln.

Wenden sich die Firmenchefs mit bestimmten Problemen an Sie?

Klopp: Ich habe vor der Führungsriege einer Baumarktkette gesprochen. Die haben vom Thema achtmal so viel Ahnung wie ich. Die wollten einfach wissen, wie es im Sport abläuft. Fußball ist in Deutschland der öffentlichste Wirtschaftszweig überhaupt. Jeder redet mit, jeder hat seine Meinung, jeder macht sich Gedanken. In anderen Branchen ist es möglich, ein Problem auch mal auszusitzen. Treffe ich als Trainer eine Entscheidung, die sich womöglich als falsch erweist, stehe ich sofort heftig in der Kritik. Damit vernünftig umzugehen ist nicht immer leicht.

Was haben Fußball und Wirtschaft denn gemeinsam?

Klopp: Es geht etwa darum, die besten Talente zu verpflichten und aus diesen wertvolle Mitarbeiter zu formen. Bei uns heißt das: Training, Training, Training. Und es ist wichtig, frech zu agieren. Das bedeutet nicht, morgens den Chef abzuklatschen, sondern Ideen zu entwickeln, kreativ zu sein. Im Fußball ist Letzteres schwieriger als in der Wirtschaft. Ich habe elf Spieler auf dem Platz, in diesem System muss ein Rad ins andere greifen. In der Firma darf einer schon mal rumspinnen, und es kann absolut förderlich sein.

Sie haben einmal gesagt, Sie plauderten vor Ihren Kunden einfach drauflos.

Klopp: Das stimmt insofern, als ich mir vorher keine großartigen Gedanken mache. Ich berichte über meine Erfahrungen als Trainer. Darüber, wie ich mit meinen Mitarbeitern umgehe, wie erfolgreiche Zusammenarbeit aussieht, wie Menschenführung funktioniert. Darauf muss ich mich nicht eigens vorbereiten. Mein ganzes Leben ist meine Vorbereitung.

Lesen Sie Motivationsbücher?

Klopp: Nein, ich habe auch noch nie ein Fußballbuch gelesen. Als ich von meinen ersten Vorträgen zurückgekommen bin und mich meine Frau Ulla fragte, worüber ich gesprochen hätte, mochte ich ihr das kaum sagen, weil ich die Reaktion befürchtete: "Also darüber redest du? Das ist doch banal." In Wirklichkeit kommt es nur auf den gesunden Menschenverstand an. Auch in Führungsfragen.

Und wie drückt der sich bei Ihnen aus?

Klopp: Mein roter Faden ist: Wie, glaube ich, sollte man mit mir umgehen, damit ich mit Freude arbeite und total leistungsbereit bin? Das ist die einzige Maxime, nach der ich handle. Vor 15 Jahren herrschten im Fußball noch ganz andere Umgangsformen. Da erteilten Trainer Befehle, und Fragen waren nicht zugelassen.

Wollen die Spieler heute mitreden?

Klopp: Fragen zulassen kannst du nur, wenn du bei den Jungs die Autorität hast. Und ihren Respekt. Oft fragt man sich ja, wie eine Führungskraft in diese Position gekommen ist. Zunächst einmal muss eine Person mehr vom Fach verstehen als die anderen. Das ist die Grundvoraussetzung für Erfolg.

Wissen ist Macht?

Klopp: Jedenfalls müssen sich Führungskräfte kontinuierlich weiterbilden. Wer in einer überkommenen Position verharrt, ist schnell weg vom Fenster. Und das vollkommen zu Recht.

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