07.09.2009

Merckle-Serie Teil II: Adolf Merckles komplizierte Finanzmanöver

Von: Lukas Heiny, Heimo Fischer, Benno Stieber
Adolf Merckle auf einem undatierten Foto
Adolf Merckle auf einem undatierten Foto
© reuters
Für Adolf Merckle zählte allein der Ausbau des Imperiums. Wie besessen achtete er darauf, Steuern zu sparen, schluckte beinahe unbemerkt Unternehmen. Über Jahre hat der Ratiopharm-Gründer ein hochkompliziertes Beteiligungsnetz gesponnen, undurchsichtig für Außenstehende - am Ende auch für ihn selbst.

Ihren Reichtum zeigt die Familie nicht, sie kapselt sich ein in ihrem schwäbischen Pietismus. Bloß keine Statussymbole. Die Söhne verheimlichen lange, dass ihre Eltern auf einem Milliardenvermögen sitzen. "Es war ihm unangenehm, als wir herausfanden, wer seine Familie ist", sagt die ehemalige WG-Mitbewohnerin von Tobias Merckle, Beate Newiger, einmal. "Er wollte sich von ihr lösen." Ähnliches erzählen alte Freunde des älteren Bruders: "Dem Philipp war das wohl immer ein bisschen unangenehm", sagt Peter Zintl, ein Freund aus Bundeswehrzeiten. "Der wollte immer nur so gesehen werden, wie er als Person war."

Auch die Eltern sind scheu und sparsam. Der Vater fährt bis zu seinem Tod einen Mercedes 500 Euro, Baujahr 1994, gilt als knauserig. "Merckle war nicht kleinkariert, sondern kleinstkariert", sagt Alfred Stulz, sein früherer Partner bei Ratiopharm, der sich im Streit von Merckle trennte. "Er hatte immer das Gefühl, andere leben auf seine Kosten, und eine krankhafte Gier nach Geld." Nicht mal ein Kaffee wurde bei Treffen angeboten, erinnert sich ein anderer Manager.

Der einzige Luxus: ausgedehnte Klettertouren

Der einzige Luxus sind ausgedehnte Klettertouren in den Alpen, Anden und dem Himalaja. Mit seiner Frau besteigt Merckle mehrere 6000er-Gipfel, gelegentlich fliegen sie zum Helikopter-Skiing nach Kanada, mehr nicht. "Geld war für Adolf Merckle selbst nicht wichtig, dafür aber der Erfolg, ein unternehme­risches Imperium zusammengebaut zu haben", sagt Lothar Späth, seit den 70er-Jahren ein Freund der Familie.

Die extreme Sparsamkeit spiegelt sich auch in der Unternehmensführung wider. Stundenlang diskutiert Merckle mit seinen Wirtschaftsprüfern kleinste Details. Wie besessen achtet er darauf, Steuern zu sparen. Das sei sein Hobby, sagt er gelegentlich. Er kauft Firmen, einige nur wegen hoher Verlustvorträge, gründet Tochter- und Holdinggesellschaften. Er spinnt ein hochkomplexes Netz aus mehr als 100 Gesellschaften, verbunden durch verschachtelte, teils über Kreuz laufende Beteiligungen, Pachtverhältnisse, Gewinn­abführungsverträge, Mieten.

In den 90ern siedelt er etliche seiner Unternehmen in Norderfriedrichs­koog an, einem Steuerparadies in Schleswig-Holstein, von Deichen umgeben. Zwei Straßen gibt es hier, die Koogstraat und die Diekstraat, 40 Einwohner auf fünf­einhalb Quadratkilometern und viele Schafe. Um die Reetdächer der Bauernhäuser pfeift der Wind, an den Zäunen hängen Briefkästen der hier angesiedelten Firmen.

Merckle-Serie Teil I: Das Erbe des Patriarchen
Merckle-Serie Teil III: Die Frage der Erbfolge

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