Der US-Modellbahnhersteller Lionel will den insolventen schwäbischen Wettbewerber Märklin kaufen. Lionel habe "starkes Interesse" an Märklin, erfuhr die FTD aus verhandlungsnahen Kreisen. Die Amerikaner verhandelten seit zwei Monaten mit Insolvenzverwalter Michael Pluta und hätten bereits ein unverbindliches Gebot abgegeben. Neben Lionel bieten nach Financial Times Deutschland Informationen auch Finanzinvestoren, darunter der amerikanische Neckermann-Eigner Sun Capital.
Der Verkauf dürfte sich aber trotz des regen Interesses noch hinziehen. Denn Insolvenzverwalter Pluta signalisiert, vorerst keine Eile zu haben. Eine Sprecherin von Pluta sagte am Donnerstag, es gebe keinen angestrebten Termin mehr.
Zuvor hatte Pluta immer wieder Zeitvorgaben gemacht, diese aber auch immer wieder geschoben. Zuletzt hatte es geheißen, Märklin solle im ersten Halbjahr 2010 verkauft werden. Der Insolvenzverwalter will eigenen Angaben zufolge den Verkaufserlös maximieren, wovon auch seine Vergütung abhängt. Märklins Gläubiger sind ebenfalls an einen möglichst hohen Verkaufspreis interessiert: Sie haben insgesamt Forderungen in Höhe von 110 Millionen Euro angemeldet.
Pluta will mindestens 60 Millionen Euro für die insolvente Traditionsfirma, die zuletzt 110 Millionen Euro Umsatz machte - ein Preis, der in Finanzkreisen als hoch angesehen wird. Allerdings hat sich Märklin zuletzt gut entwickelt und wirtschaftet operativ mit Gewinn. Aufgrund der starken Nachfrage im vergangenen Weihnachtsgeschäft hat der Modellbahnbauer laut Finanzkreisen derzeit 30 Millionen Euro in der Kasse angehäuft, eine Summe, die zunächst sogar noch ansteigen dürfte.
Die 1900 gegründete Lionel ist mit zuletzt 80 Millionen Dollar Umsatz der führende US-Anbieter von Spielzeugeisenbahnen. Das Traditionsunternehmen gehört mehrheitlich der amerikanischen Guggenheim Partners, die ein Vermögen von 100 Milliarden Dollar verwalten, darunter auch das Familienvermögen der Stifter des Guggenheim-Museums in New York. Plutas Sprecherin wollte die Bieternamen nicht kommentieren.
Allerdings wird in Göppingen befürchtet, dass die Amerikaner womöglich die Fertigung nach Asien verlagern und somit weitere Stellen streichen könnten. Lionel produziert bereits hauptsächlich in Asien. Pluta hatte die Zahl der Beschäftigten schon um 400 auf etwa 1000 reduziert. Aus dem Umfeld von Lionel verlautet allerdings, der Standort in Göppingen werde als wichtiger Bestandteil für die künftige Märklin-Strategie angesehen. So würden die Amerikaner gern ein Erlebniszentrum am Standort Göppingen aufbauen - ein Thema, das auch die vorherigen Eigner immer wieder diskutiert hatten.
Märklin hatte im Februar 2009 Insolvenz angemeldet, nachdem das Unternehmen trotz diverser Restrukturierungsversuche durch die Eigner Kingsbridge und Goldman Sachs jahrelang Verluste in zweistelliger Millionenhöhe geschrieben hat. Der Fall erregte auch deswegen Aufsehen, weil Märklin lange satte Beraterhonorare zahlen musste und die Eigner hohe Zinsen verlangten.
Lionel steckte vor etwa zwei Jahren in einer ähnlichen Situation wie heute Märklin: Wegen falscher Modell- und Preispolitik litt das US-Unternehmen unter rückläufigen Umsätzen und hohen Verlusten. Auch Lionel hatte sich damals stark auf das Geschäft mit Sammlern konzentriert und die junge Klientel vernachlässigt.
Der frühere Präsident von Marvel Comics, Jerry Calabrese, schaffte es jedoch mit neuen, günstigeren Produkten, auch Kinder und Jugendliche wieder anzusprechen. Die Amerikaner liefern nun nicht nur die ganze Palette, von Holzeisenbahnen für Kleinkinder bis hin zu Sammlerlinien, zum Programm zählen auch Filme und DVD.
Quelle: ftd
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