In List, am nördlichsten Zipfel Deutschlands, liegt die Forschungsstation Naturgewalten. Den Namen muss man an der sturmumtosten Nordspitze von Sylt wörtlich nehmen. Anfang des Jahres fegten hier zwei Orkane mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometern pro Stunde Schauer über die Küste. Wenige Tage später stand Philipp Graf von Hardenberg im Keller des Verwaltungsgebäudes des Nordsee College knietief im Wasser. "Ich war ganz schön geschockt", sagt er. Die Orkane haben solche Wassermassen in das Haus gedrückt, dass es Monate dauern wird, bis die Wände trocken sein werden. Das Internat, das diesen Sommer mit 130 Kindern eröffnen sollte, kann nun erst ein Jahr später starten.
Zeit nutzen, um Angebot weiter auszubauen
Ein schwerer Rückschlag für ein ambitioniertes Projekt. Mit dem Nordsee College Sylt (NCS) will Hardenberg neue Maßstäbe setzen in der deutschen Internatslandschaft. Über 500 Kinder sollen hier 2017 zur Schule gehen. Das ist sehr viel, gemessen an der durchschnittlichen Größe deutscher Internate, die zwischen 100 und 250 Kindern liegt. Wenn Hardenbergs Plan aufgeht, wäre das NCS das größte Internat bundesweit nach Schloss Salem mit etwa 700 Internatsschülern. Bis zum Orkanschaden habe es knapp 50 Anmeldungen gegeben, sagt Hardenberg, nur drei davon seien abgesprungen. Das Interesse bei den Informationsveranstaltungen sei "sehr groß". Jetzt will der Schulgründer die ungewollt gewonnene Zeit nutzen, um sein Angebot weiter auszubauen und 2013 möglicherweise sogar mit 150 Schülern zu starten.
Platz genug würden sie haben: Das Gelände mit den rotgeklinkerten Gebäuden ist so groß wie 30 Fußballfelder. Die Räume, in denen früher Soldaten der Bundeswehr ausgebildet wurden, werden jetzt zu Schlafräumen und Klassenzimmern umgebaut. Auf dem Exerzierplatz wird bald Hockey gespielt, statt Drill gibt es Coaching für die Schüler.
"Was Eigenes machen, was Besseres"
Der gelernte Koch und Luxushotelmanager Hardenberg hat die Deutsche Entertainment an die Börse gebracht und die Shoah Foundation in Deutschland etabliert. Ein Machertyp, bestens vernetzt. Sechs Jahre lang war er Vorstandsvorsitzender des Internats Louisenlund und schaffte es nach eigenen Angaben, die Schülerzahl dort um fast 20 Prozent zu steigern.
Das hat ihn mutig gemacht. Als Hardenberg Louisenlund im Streit verließ, wollte er "was Eigenes machen, was Besseres". 2007, im Urlaub auf Sylt, hörte er, dass die ehemalige Kaserne in List zum Verkauf steht.
Doch es sollte noch vier Jahre dauern bis zur Genehmigung des Bauantrags. Erst musste er die Nutzung mit der Gemeinde klären, dann zogen sich die Verhandlungen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hin. Und Hardenberg musste Investoren finden. Die Banken drängten schließlich auf eine Zweitnutzung der Kaserne, falls der Schulbetrieb nicht läuft. Das wiederum sorgte in List für Aufruhr. Die Einwohner fürchteten wahlweise eine Eliteeinrichtung oder eine riesige Investorenbrache, falls das Geld ausgeht. Nun ist alles geklärt, Anfang November rückten die Handwerker an und begannen mit der Renovierung von zunächst zwölf Gebäuden, bis die beiden Orkane kamen.
Quelle: ftd.de
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