23.04.2010

Sanierungsfall Hoppegarten: Die Retter der Berliner Galopprennbahn

Von: Stefan Adrian
Galopprennbahn Hoppegarten steckt schwer in der Krise
Zoom Galopprennbahn Hoppegarten steckt schwer in der Krise
© Hoppengarten
Bis vor Kurzem galt die Galopprennbahn in Hoppegarten als Sanierungsfall. Jetzt sollen zwei Männer die Anlage zum Erfolg führen - und damit einer ganzen Branche auf die Beine helfen.

Stolz schreitet er durch den Führring, der neue Hoffnungsträger aus Ungarn. In den zwölf Rennen seiner bisherigen Karriere hat der Wunderhengst Overdose stets als Erster den Zielpfosten passiert - eine eindrucksvolle Quote. Natürlich, zurzeit ist er außer Gefecht, wegen einer komplizierten Hufverletzung. Aber heute wird er schon mal dem Publikum in Hoppegarten präsentiert und darf stolzieren: Das ist etwas, was Gewinner nicht verlernen.

Ein paar Hundert Zuschauer sind bereits da an diesem Sonntag Anfang April, eine Stunde vor dem ersten Rennen der Saison. Sie bestaunen den Wunderhengst und hören, wie Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck spricht - von seinen Bahnbesuchen zu DDR-Zeiten. Hoppegarten! Das war mal was besonderes, was richtig Großes. Die bedeutendste und schönste Galopprennbahn Deutschlands, nach Pariser Vorbild gestaltet, 1868 von König Wilhelm I. eröffnet.

Fast anderthalb Jahrhunderte später ist es eine Herkulesaufgabe, diese Anlage zu retten. Dass heute Platzeck und Wunderpferd Overdose vor Ort sind, ist schon mal ein gutes Zeichen, und vielleicht steht Gerhard Schöningh deshalb daneben und lächelt so zufrieden. Im März 2008 bekam er den Zuschlag für den Kauf der maroden Galopprennbahn, bei 3 Millionen Euro lag der Kaufpreis. Seither ist das Hippodrom nicht nur die einzige deutsche Rennbahn in Privatbesitz - sondern auch ein Hoffnungsschimmer für einen Sport, der um seine Existenz kämpft. Man könnte auch sagen: Es ist die Geschichte eines ungleichen Duos, das den Karren aus dem Dreck ziehen soll.

Da ist zunächst mal Schöningh, ein höflicher Mensch, aber auch jemand, der präzise Fragen und klare Antworten schätzt. In London hat er ein Fondsunternehmen gegründet, aufgebaut und teuer verkauft. Finanziell hat er ausgesorgt, aber der 48-Jährige ist kein Zampano, der sich eine Rennbahn als Spielzeug hält. Als Kind ist er in Krefeld neben einer Bahn aufgewachsen; er besitzt mehrere Rennpferde und weiß nicht nur, wie sexy der Galoppsport sein kann, sondern auch, wie man ihn erfolgreich vermarktet. "In Hoppegarten haben sich schon einige versucht", sagt er. "Mich hat diese unglaubliche Ausstrahlung der Bahn gereizt. Aber ich wusste, hier wartet knochenharte Arbeit."

Urgestein des Sports

Als "ehemaliger Fondsmanager" wird Schöningh in den Medien beschrieben, als er die Rennbahn 2008 übernimmt. Es ist eine Zeit, in der sein Berufsstand nicht das beste Ansehen genießt: Man assoziiert ihn eher mit gierigen Insekten, die in Schwärmen einfallen. Genau genommen ist es aber nicht sein Beruf, "den ganzen Tag Börsenorder in den Hörer zu bellen", wie er es ausdrückt, sondern in Unternehmenskonzepte zu investieren, die an der Börse unterbewertet sind. So jemand sieht auf den ersten Blick, was für eine Perle da vor den Toren Berlins verkümmert.

Dass Hoppegarten Anfang 2008 überhaupt noch in Betrieb ist - dafür ist jemand anderes verantwortlich. Die andere Hälfte des Duos.

Dieser Mann heißt Artur Boehlke, und der 72-Jährige ist das, was man als Urgestein des Galoppsports bezeichnet. Er kennt die Bahn noch von Zeiten, als Trainer, Jockeys und Journalisten hier gemeinsam Karten spielten. Als die DDR zusammenbrach, war er Direktor des VEB Vollblutrennen und zuständig für den Rennbetrieb auf den Bahnen des Ostens. Heute trägt er das schüttere graue Haar nach hinten gekämmt, eine Brille mit silbernem Rahmen und eine Fleecejacke. Während Schöningh seine Fakten in Powerpoint-Dateien verpackt, findet sich in Boehlkes Büro nicht mal ein Computer. Der eine spricht Hochdeutsch und ist in London reich geworden; der andere berlinert und hat den längsten Teil seines Lebens in einem sozialistischen Staat verbracht. Gemeinsam ist ihnen die Liebe zum Galoppsport.

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