14.05.2009

Tatort Firma: Die Konkurrenz hört mit

Von: Jens Brambusch
Auf jeden entdeckten Spionagefall kommen fünf unentdeckte
Auf jeden entdeckten Spionagefall kommen fünf unentdeckte
© Fotolia.com
In der Krise ist jedes Mittel recht, um an Informationen zu kommen. Vor allem der Mittelstand ist Ziel der Angriffe. Wanzen werden installiert, langjährige Mitarbeiter bestochen, Know-how abgeschöpft. Jede zweite Firma ist betroffen. Dabei könnten Unternehmer mit geringem Aufwand das Risiko minimieren.

Hätte ich eine Pistole gehabt, ich hätte mich erschossen.“ Sagt er. Der Mann, der ausspricht, worüber die anderen beharrlich schweigen. Die Opfer, die Angst vor Öffentlichkeit haben. Die einen Imageschaden fürchten. Dreimal wurde Eginhard Vietz binnen kurzer Zeit Opfer von Wirtschaftskriminalität und Spionage. Die Enttäuschung sitzt tief. Ein weltweit patentiertes Laserschweißverfahren macht den Pipelinebauer aus Hannover interessant.

Der erste Schlag: Ein chinesischer Joint-Venture-Partner, ein Staatsbetrieb, installiert in einem Werk nahe Peking gezielt Mitarbeiter, die Know-how abziehen. Ein Tresor und ein Rechner kommen bei einem Einbruch abhanden. Ein Betriebsleiter macht sich mit einem Laptop voller Baupläne davon. Dann der Schock, als Vietz sieht, was nur wenige Kilometer entfernt vor sich geht. In einer Fabrik werden täuschend echte Kopien seiner Maschinen produziert. Entnervt zieht sich der Unternehmer zurück.

Alle Verbindungen kappen

In Hannover – zweiter Schlag – enttarnt kurz darauf der Verfassungsschutz einen Eindringling in Vietz’ Computersystem. Es sind nicht die Chinesen, es ist die CIA, der befreundete Westen. Vietz kappt die Internetverbindungen der Konstruktionsabteilung, legt Faxgeräte still, lässt nur noch ausgewählte Praktikanten ins Unternehmen. Sicher ist sicher.

Das jüngste Kapitel im Krimi um den Mittelständler wird gerade geschrieben. Vor Gericht. Der 67-Jährige klagt gegen einen langjährigen Mitarbeiter. Der hatte aus privaten Gründen gekündigt. Doch statt wie angekündigt in die Lebensmittelbranche zu wechseln, ging er zu einem direkten Zulieferer. Im Gepäck, so Vietz’ Vorwurf: Kundendaten und Zeichnungen.

Lage spitzt sich zu

Auch wenn der Unternehmer einer der wenigen ist, die offen darüber reden, wie sie zum Opfer wurden – ein Einzelfall ist er nicht. Auf jeden entdeckten Fall kommen fünf unentdeckte, nach einer Studie des Wirtschaftsprüfers KPMG ist jede zweite Firma betroffen. Und die Lage spitzt sich in der Krise weiter zu. Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt, Innenund Wirtschaftsministerium schlagen Alarm. Sie warnen vor einem drastischen Anstieg von Betrug, Diebstahl, Korruption und Spionage. Schon vor der Krise bezifferte der Verfassungsschutz den Schaden durch Wirtschaftsspionage auf 50 Milliarden Euro, weitere sieben Milliarden Euro Schaden entstehen durch Wirtschaftskriminalität – Jahr für Jahr. Andere Schätzungen gehen von insgesamt 80 bis 100 Milliarden Euro aus.

Für Thomas Menk, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft (ASW) und Konzernsicherheitschef bei Daimler, steht fest: „Die verschärften Bedingungen auf dem Markt führen zu einem noch brutaleren Wettbewerb.“ Der werde mit allen Mitteln geführt. „Es geht um den natürlichen Trieb des Überlebens.“

Fahrlässig ausgeliefert

Opfer ist meist der Mittelstand: Als Zulieferer für die großen Industrien haben sie ein enormes Wissen, kennen die neuesten Entwicklungen – und Preisabsprachen. Während die Konzerne riesige Sicherheitsabteilungen aufgebaut haben, behandeln viele Mittelständler das Thema nach wie vor stiefmütterlich. „Diese Unternehmen sind oft leicht zu überwindende Einfallstore“, sagt Menk.

Es wird geklaut, Wissen abgegraben, gelauscht und bespitzelt. Nicht nur Unternehmen greifen zu härteren Bandagen, auch Mitarbeiter, die um ihren Job fürchten, werden zu einem Risiko. Sie sorgen sich um die finanzielle Absicherung der Familie, um das noch nicht abbezahlte Haus. Einst loyale Mitarbeiter werden kriminell. Ein ganz neues Profil entsteht: das des Krisentäters.

40 Prozent der Firmen haben kein Sicherheitskonzept

Eine Befragung von Führungskräften durch den ASW stützt das Schreckensszenario: Vier Fünftel der befragten Führungskräfte gehen von einer zunehmenden Gefährdung der Wirtschaft aus. Dennoch verfügen nur 40 Prozent der Firmen über ein Sicherheitskonzept. Jeder fünfte Unternehmer behauptet gar: Wir benötigen keines. Wie naiv. Kriminalität und Spionage sind Tür und Tor geöffnet.

Dieter Reitmeyer war einer der ersten Mittelständler, die das Problem erkannten. „Wie Doping im Sport zerstört Korruption das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und Moral der Eliten“, sagt der Gründer der Redi-Group, eines Dienstleisters für Qualitätsmanagement. 1996 gegründet, wuchs das Unternehmen rasch auf 1500 Mitarbeiter weltweit – und schlitterte in ein Problem. Reitmeyer sah die ethischen Richtlinien, die in seiner Firma gelten, in Gefahr und führte 2007 ein Compliance-Programm ein. Zentrale Figur ist ein externer Kontrolleur – ein Jurist.

Der betreut die anonyme Whistle-Blower-Hotline, eine Telefonnummer, unter der Mitarbeiter anonym Missstände im Unternehmen melden können. Und tatsächlich: Es gibt einiges zu berichten. Auch hat die Redi-Group einen 18-köpfigen Compliance-Rat. Mehrere Hunderttausend Euro kostet dieses Programm jedes Jahr, aber es lohnt sich, sagt Reitmeyer. Nicht nur die Kunden honorierten ein Angebot, das auf ehrlicher Leistung basiere. Auch die Mitarbeiter seien zufriedener.

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