So, der Alte ist da, Jean-Remy von Matt. In Jeans, Chucks, Langarmshirt. Gehetzter Blick. Er hat keine Zeit, muss an der Kampagne für Mercedes arbeiten. Aber Peter hat gesagt, es ist wichtig.
"Wie lange?", fragt der Alte. - 45 Minuten. - "30 wär mir lieber." Von Matt mustert seine Gegenüber: ein junger Werber aus der Agentur, und eben Peter. "Worum geht's?"
Ein Akkuschrauber kommt auf den Tisch, von Bosch: klein, putzig, was für die Küchenschublade.
"Es geht hier nicht ums Schrauben", sagt der junge Werber, "es geht um Leichtigkeit, Spontaneität. Also haben wir ein Experiment gewagt."
Soso. Der Alte rührt keinen Gesichtsmuskel.
"Eine neue Art der Kommunikation! Auch wenn sie zu Jung von Matt vielleicht noch nicht passt. Auch wenn es den Kunden überrascht."
Der Alte schaut unwillig. Überraschungen mag er nicht. Und diese Internetideen, nun ja, da hat er auch so seine Meinung.
"Das ist superspannend", wirft Peter ein.
Der junge Werber: "Wie lange gibt es Jung von Matt? 18 Jahre?"
"19", sagt der Alte scharf.
"Dann eben 19." Der Junge wirft ein Computerbild an die Wand. "Und wir haben das Gefühl im Bauch", hebt er an, "das sind die nächsten 19 Jahre."
Der Blick des Alten blitzt auf. Die nächsten 19 Jahre? Was gäbe er drum. Um seine Agentur herum ist die Welt zusammengebrochen. Die Krise hat das Geschäft zerschlagen, die Budgets und die Preise sind abgestürzt. Millionen hat Jung von Matt verloren. Eine Weile dachte der Alte sogar über Kurzarbeit nach, 20 Leute musste er entlassen.
Und nicht nur die Krise hat alles verändert. Da ist das Internet, in dem sich seine Generation mit den Ideen schwertut. Gute Sprüche allein reichen nicht. Jean-Remy von Matt ist 58 Jahre alt, Mitgründer Holger Jung 56. Also mussten die beiden was tun. Und sie haben etwas getan, etwas Unerhörtes: Im Juli haben sie einen Teil der Agentur hergegeben, einen Fremden zum Partner gemacht.
Peter Figge, einen, den manche Leute "Internetguru" nennen. Er soll sie in die neue Welt führen.
Es ist ein Frontalzusammenstoß der Kulturen. Auf der einen Seite Jung von Matt. Kein Name einer Agentur in Deutschland hat solch einen Klang. Slogans wie "Bild dir deine Meinung" und "Geiz ist geil" sind Volksmund. In New York wurde die Firma in diesem Jahr als "Agency of the Year" ausgezeichnet, in Cannes als "Independent Agency of the Year". Die Mitarbeiter quellen schier über vor Stolz: "Wir sind Champions League", sagen sie. Und leben auch so. Jeden Morgen wird ihnen ein Frühstück serviert. Gestresste können sich in Denkzellen zurückziehen. Und jeden Sommer kriegen sie einen Tag Hitzefrei.
Diese Leute also soll Peter Figge lehren, dass ihre Welt im Untergehen ist. Dass die kunstvollen 30-Sekunden-Filme, auf die alle abfahren, nur mehr Beiwerk sind. Und er soll diese Ikone unter den Agenturen zu einem Trendsetter machen, wie er es bei seiner alten Firma geschafft hat, Tribal DDB, die Volkswagen als Kunden gewann, Horst Schlämmer zur Werbefigur im Netz machte und zu einem solchen Internetvorreiter wurde, dass Figge zum Agenturmann des Jahres aufstieg. Kein anderer Werbechef wird derzeit so in den Himmel gehoben.
Quelle: ftd.de
© 2010 impulse.de
Ihre Meinung
Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück


















