Absolventen sind knapp, und neue Mitarbeiter müssen langwierig eingearbeitet werden - vor diesen Problemen stand auch Rainer Köhler, Personalmanager bei BP Europa. "Das Studium ist so verschult, dass keine ausreichende Zeit für Betriebspraktika bleibt", sagt Köhler. Deshalb entschied sich BP vor fünf Jahren dazu, die fehlenden Ingenieure einfach selbst heranzuziehen: Abiturienten können bei BP eine Ausbildung zum Facharbeiter absolvieren und gleichzeitig an einer örtlichen Fachhochschule ihren Ingenieurabschluss machen. Die Initiative kooperative Ingenieurausbildung (KIA) ist ein großer Erfolg: "Intern reißen sich die Fachabteilungen um die Leute", sagt Köhler. Derzeit verdoppelt sich die Zahl der KIA-Absolventen jährlich.
Das Beispiel BP illustriert einen wichtigen Trend: Die klassische Bildungsbiografie Abi, Studienabschluss, Jobeinstieg wird bald die Ausnahme sein. Denn die Trennung zwischen Studium, Berufsausbildung und Weiterbildung verschwimmt. "Lernen und Beruf werden immer stärker vernetzt", bestätigt Karlheinz Schwuchow, wissenschaftlicher Leiter der Limak Austrian Business School in Linz, und Kenner der deutschen Bildungslandschaft.
Ausbildung und Studium parallel
Ein Indikator für diesen Trend ist der Vormarsch der dualen Studiengänge, eine Mischung aus Ausbildung im Betrieb und Hochschulstudium. Zwischen 2004 und 2009 ist die Zahl dieser Angebote deutschlandweit von 512 auf 712 gestiegen, hat das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ermittelt. Knapp 50.000 Studenten fahren mittlerweile zweigleisig, das sind 19 Prozent mehr als noch 2004. Die Programme sind deshalb so beliebt, weil sie das Grundlagenwissen eines Bachelor mit den praktischen Erfahrungen im Betrieb kombinieren.
Neu ist die Idee allerdings nicht: Schon in den 70er-Jahren gründeten Unternehmen in Baden-Württemberg gemeinsam die ersten Berufsakademien. In den vergangenen Jahren sind andere Hochschulen auf den Zug aufgesprungen und haben duale Studiengänge aufgelegt. Zu den Anbietern gehören beispielsweise die Leibniz-Akademie in Hannover oder die Nordakademie in Elmshorn.
Private als Vorreiter
Allerdings haben noch nicht alle Hochschulen die Zeichen der Zeit erkannt. "Die Privaten waren einfach schneller", sagt Branchenkenner Schwuchow, "bei den staatlichen Hochschulen bindet gegenwärtig immer noch die große Zahl der Vollzeitstudenten die knappen Kapazitäten."
Was der offizielle Bildungsbetrieb nicht lehrt, wird selbst vermittelt - nach diesem Motto verfahren immer mehr Unternehmen. "Vielen Auszubildenden fehlt es an Handlungskompetenz", sagt Michael Stammberger, Ausbildungsleiter der Brose Gruppe, aus der täglichen Praxis. Deshalb gründete der Automobilzulieferer an vier deutschen Standorten eine sogenannte Junior Company.
Dort proben Azubis und duale Hochschulstudenten den Arbeitsalltag, treffen Entscheidungen und stellen Produkte mit hoher Qualität für die internen Kunden her. "Hier müssen sich die jungen Menschen von Minute eins an bewähren", sagt Ausbildungsleiter Stammberger.
Quelle: ftd.de
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