Nicht das Ergebnis war überraschend, eher schon die Begründung. Die Hamburger Reklameschmiede Jung von Matt, verriet der Medaillenspiegel des Art-Director-Club-Wettbewerbs im Mai, ist Deutschlands kreativste Werbeagentur. In den vergangenen 15 Jahren kamen die Juroren elfmal zum gleichen Ergebnis. Doch diesmal wurde kein TV-Spot und kein Anzeigenmotiv prämiert, sondern 200 Fliegen, die mit einem Eichborn-Logo im Schlepptau durch die Hallen der Frankfurter Buchmesse surrten. Aktion statt Tradition. Genau so verfährt Deutschlands zweitgrößte unabhängige Agentur derzeit beim Vorstandsumbau.
Am Donnerstag übernimmt mit dem Kopf hinter VWss Horst-Schlämmer-Kampagne, Peter Figge, ein Onlineexperte die Position des Vorstandssprechers. Diese Nachricht allein war Ende 2009 schon eine Sensation für eine Agentur wie Jung von Matt, der man nachsagt, beim Geschäft mit den Neuen Medien und ihrer Integration in Kampagnen nicht in der ersten Reihe zu stehen.
Werbung muss heute mehr sein als ein flotter Spruch über einem Sixt-Logo
Nun geht der Traditionsbruch weiter: Mitgründer Holger Jung, 56, verabschiedet sich nach 19 Jahren aus dem operativen Geschäft und wechselt im ersten Halbjahr 2011 an die Spitze des Aufsichtsrats. Jean-Remy von Matt, zweiter Gründer, gibt die Königsdisziplin Kreation ab an das neue Vorstandsmitglied Armin Jochum und kümmert sich nun um Konzepte und Strategien neuer Kampagnen. Finanzchef Ulrich Pallas soll sich - zusammen mit Figge - zusätzlich um die deutsche und internationale Entwicklung des Unternehmens kümmern. Und Karen Heumann, bislang Strategievorstand, steuert überdies den Ausbau neuer Geschäftsfelder und Kooperationen.
Die Vorstandsrochade steht auch für einen Strategiewechsel. Werbung muss heute mehr sein als ein flotter Spruch über einem Sixt-Logo. Das weiß natürlich auch Jean-Remy von Matt, der sich viele dieser Sprüche ausgedacht hat. Kampagnen sollen über Kommunikationskanäle hinweg funktionieren, sollen im Netz, im TV und am besten auch in sozialen Netzwerken laufen.
Eben so etwas wie jene Schlämmer-Kampagne, die Figge bei seinem alten Arbeitgeber Tribal DDB ausgeheckt hatte. Dazu muss auch die Agentur integriert arbeiten: die Onliner mit den Printleuten und die Videokollegen mit den Experten fürs virale Marketing. Ebendas wird Peter Figges erste große Herausforderung werden: die horizontalen Agenturstrukturen zu vertikalisieren.
"Peter Figge hat alle Möglichkeiten, die Agentur nach seinen Vorstellungen umzubauen", sagte Holger Jung am Montag und scheint damit zu implizieren, dass er das auch erwarte. Womöglich sei aber auch gar nicht viel Umbau nötig. "Sonst stünde Jung von Matt ja nicht so gut im Saft", sagt Jung und erwähnt noch mal, dass die Agentur schließlich gerade in Cannes zur Independent Agency of the Year gewählt worden ist. Aber da spielten womöglich auch die Eichborn-Fliegen eine Rolle.
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