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Serie: Beobachtungen

Sie haben die Welt beobachtet. Im Kleinen und im Großen. An dieser Stelle geben die impulse-Essayisten Einblicke in ihre Sichtweisen zu wissenschaftlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Phänomenen und Entwicklungen.


28.06.2010

Wertewandel: Der Reichtum einer neuen Unternehmergeneration

Von: Emmanuel Vayleux
Im Mittelpunkt steht ein anderes Wertesystem, das auf Glück und Erfüllung zielt
Im Mittelpunkt steht ein anderes Wertesystem, das auf Glück und Erfüllung zielt
© Getty Images = Getty Images
Leben, um zu arbeiten - oder arbeiten, um zu leben? Eine Generation junger Unternehmer misst ihren Wohlstand nicht mehr in Euro oder Dollar, sondern an einem vergessenen Wert: freier Zeit.

Wenn Sie jeden Tag schön brav acht Stunden arbeiten, bringen Sie es irgendwann vielleicht zum Chef und dürfen täglich zwölf Stunden arbeiten. Das wusste schon der amerikanische Dichter Robert Frost. In seinem Buch "Die 4-Stunden-Woche" stellt Timothy Ferriss eine neue Gattung des Unternehmers vor. Eine, die in den vergangenen zehn Jahren still und heimlich in Geschäftsvierteln, Business-Schools und Vorstadtgaragen entstanden ist. Frauen und Männer aller Altersklassen und unterschiedlichster Herkunft gehören dazu. Und sie unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht vom traditionellen Bild eines Unternehmers: Freizeit und Spaß sind ihnen wichtiger als Gewinnmaximierung, sie stellen geografische Mobilität über das Anhäufen von Vermögen und regelmäßigen monatlichen Cashflow über die unsichere Aussicht, in 20 Jahren mit einem Börsengang reich zu werden. Ihr Onlineunternehmen steuern sie nicht vom Geschäftsviertel einer westlichen Großstadt aus, sondern von einer Skipiste in Argentinien oder einem Küstendorf in Thailand.

Über den Autor

 

Emmanuel Vayleux, 23, hat an der Management-Uni HEC Paris und der Uni Bocconi studiert. Er arbeitete als Steward für Air France, entwickelte den Businessplan einer Designer-Website in New York, war Teil eines Werbeagentur-Strategieteams in Rio de Janeiro und gründete in Paris eine Blutspenderorganisation. Er reichte diesen Text beim Essaywettbewerb St. Gallen Wings of Excellence Award ein.

Die Philosophie und das Lebensmodell dieser Unternehmer dürften für einige von uns die Sicht auf die eigene berufliche Laufbahn revolutionieren. Dennoch finden sich auf dem überschwemmten Markt für Wirtschaftsbücher kaum Titel, die sich mit dieser Gruppe neuer Unternehmer befassen. Willkommen in der Subkultur der Neuen Reichen!

Die Neuen Reichen nennen sich nicht reich

Der Amerikaner Douglas Price verkauft Musikern und Filmproduzenten über das Internet akustische Effekte, die schwer zu finden sind. So verdient er mit wenigen Stunden Arbeit pro Monat im Schnitt 10.000 Dollar. Seine Hauptbeschäftigung ist Reisen und Blogs schreiben.

Der Australier Dale Begg-Smith, 2006 Goldmedaillengewinner im Moguls-Freestyle-Skifahren bei den Olympischen Spielen in Turin, führte während der Olympia-Vorbereitung nebenbei als Co-Chef eine Onlinewerbeagentur.

Die Neuen Reichen nennen sich nicht reich, weil sie Wohlstand herkömmlicher Definition anhäufen, gemessen in Euro oder Dollar. Zwar geht es einigen von ihnen dank ihrer Unternehmen finanziell sehr gut, aber als reich betrachten sie sich aus einem anderen Grund: weil sie jede Menge Zeit haben und mobil sind. Das ist die Art von Lohn, die sie von einer harten unternehmerischen Tätigkeit erwarten. Der überarbeitete, erschöpfte, aber erfolgreiche Unternehmer, der in den paar freien Stunden, die er sich pro Monat gönnt, einen italienischen Luxusschlitten vor dem Golfklub parkt, ist nach dem Wertesystem der Neuen Reichen kein erstrebenswertes Ziel. Und genau diese unorthodoxe Philosophie, die auf dem scheinbar vergessenen Wert der Freizeit aufbaut, macht das Neue dieses Unternehmertums aus. Dabei sind die Regeln, nach denen die Neuen Reichen leben, wahrscheinlich so alt wie der Kapitalismus selbst.

Im Mittelpunkt steht ein anderes Wertesystem, das auf Glück und Erfüllung zielt und der in den westlichen Gesellschaften vorherrschenden Meinung widerspricht, Zeit sei weniger wert als Einkommen. Im Gegensatz zu Geld ist Zeit aber keine erneuerbare Ressource. Und doch wird sie von vielen in nicht erfüllenden Aufgaben, Jobs und Beziehungen verschwendet. Die Doktrin der Neuen Reichen erinnert an die antiken Prinzipien der Stoiker: "Das Leben ist lang, wenn man es zu gebrauchen weiß", schreibt Seneca in seiner berühmten Schrift "Von der Kürze des Lebens". "Den einen hält unersättliche Habsucht gefangen, ein anderer verausgabt seine Geschäftigkeit in überflüssigen Anstrengungen", heißt es darin weiter. Natürlich müssen wir für uns und unsere Familien ein komfortables Einkommen sichern. Doch man sollte überwiegend das tun, was einen im Leben am meisten begeistert. Optimal ist es natürlich, wenn diese Begeisterung durch den Beruf entsteht, aber für die Mehrzahl von uns wird die Arbeit nie zum endlosen Quell der Erfüllung werden.

Das Leben genießen

Doch die etablierten und sich gegenseitig verstärkenden gesellschaftlichen Normen tragen dieser Tatsache offenbar nicht Rechnung und führen uns auch nicht zu dem, was wirklich am wichtigsten ist. Selbst die erfolgreichsten Unternehmer wünschen sich, sie verbrächten mehr Zeit mit Dingen, die ihnen wirklich Spaß bereiten, und die meisten vertagen die Erfüllung ihrer Träume – auf die Zeit nach einem möglichen Börsengang oder wenn endlich der Ruhestand erreicht wurde. Haben sie denn alle vergessen, dass sie möglicherweise keinen dieser Punkte erreichen werden? Wir müssen dieses erlernte Schuldgefühl ablegen, das uns überkommt, wenn wir unser Leben in vollen Zügen auskosten – denn das Leben ist schnell vorbei. Seneca schreibt, nichts beschäftige den Geschäftigen so wenig, wie zu leben, und nichts sei schwieriger zu erlernen. Für die Neuen Reichen besteht das Ziel darin, das Leben zu genießen, während sie gleichzeitig ein Unternehmen führen.

Aber wie? Wie schaufeln wir uns Zeit frei für Beschäftigungen, die uns erfreuen, während wir uns gleichzeitig die Grundlage für ein sehr bequemes Leben sichern? Vor zehn Jahren war es für viele noch ein Traum, mittlerweile ist es dank einer Reihe von Faktoren, in deren Mittelpunkt das Internet steht, in greifbare Nähe gerückt. Die Neuen Reichen sind allesamt Eigner von Unternehmungen, die einzig im Internet existieren. Im Gegensatz zu traditionellen Unternehmen ermöglichen Onlinefirmen zwei Dinge, die die Spielregeln grundlegend verändern.

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