Management Alle Jahre wieder: Mitarbeiterbindung im Saisongeschäft

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Flexibel: Im Sommer verkauft Esther Weeber-Kirschenlohr Eiscreme, im Winter Schokonikoläuse. Um die schwankende Nachfrage bedienen zu können, muss sie auf ganz besondere Mitarbeiter zurückgreifen: die Familie.

Flexibel: Im Sommer verkauft Esther Weeber-Kirschenlohr Eiscreme, im Winter Schokonikoläuse. Um die schwankende Nachfrage bedienen zu können, muss sie auf ganz besondere Mitarbeiter zurückgreifen: die Familie. © Christa Roth

Organisation ist alles – vor allem wenn man Skiliftbetreiber, Strandkorbvermieter oder Glühweinverkäufer ist. Wenn der Laden brummt, müssen genug Mitarbeiter zur Verfügung stehen, wenn die Saison zu Ende geht, muss man das Personal wieder los ein. Aber wie hält man die guten Leute, wenn man sie, wie Eiscafébetreiberin Esther Weeber-Kirschenlohr, jedes Jahr nur ein paar Monate beschäftigt?

Im Sommer, wenn draußen die Sonne scheint, stellt sich Esther Weeber-Kirschenlohr hinter ihre Theke mit den 26 selbstgemachten Eissorten und bedient wässrige Mäuler. „Wenn schönes Wetter ist, habe ich nie frei“, erzählt die 47-Jährige und lacht. Anders kennt sie es nicht. Seit 1986 gibt es das Eis-Bistro „Pinguin“ am Stuttgarter Eugensplatz. Bis er 70 Jahre alt war, gehörte es ihrem Vater, einem ehemaligen Schausteller. Doch 2009 übernahmen Weeber-Kirschenlohr und ihre jüngere Schwester das Geschäft der Eltern.

Wenn Ausbildung und Studium es zulassen, helfen auch die beiden Söhne der Stuttgarterin mit. „Und wenn es mal ganz eng wird, ruf ich geschwind meine Mutter runter“, sagt Weeber-Kirschenlohr, „schließlich wohnt die im gleichen Haus“. In der Regel greift die Unternehmerin aber auf einen Pool von acht zusätzlichen Hilfskräften zurück, die alle auf 450-Euro-Basis arbeiten. Wer 17 und älter ist, kann sich um einen Job im „Pinguin“ bewerben.

„Optimal ist natürlich, wenn die sich bis zum Studium halten“, sagt die Schwäbin über ihre jungen Mitarbeiter. Dann muss sie zu Anfang der Saison nicht so häufig ihr Schild mit der Aufschrift „Aushilfe gesucht“ hinter die Theke klemmen. Und vor allem spart sie sich so die mühselige Einweisung in den Betriebsablauf. „Eine Kugel Eis richtig zu portionieren, zum Kopfrechnen fähig und immer freundlich zu den Kunden zu sein, das können nicht alle“, sagt Weeber-Kirschenlohr. Wer in den drei Tagen Probearbeit nicht von sich überzeugen kann, wird immerhin bezahlt.

Saisonarbeiteranbindung – aber wie?

Dass Weeber-Kirschenlohr als Chefin überaus fair und unter anderem deshalb beliebt ist, bestätigt eine ihrer Mitarbeiterinnen. „Wenn ich kurzfristig mal nicht arbeiten kann oder tauschen will, geht das bei Esther immer irgendwie in Ordnung“, sagt Gymnasiastin Sarah. Was sie neben flexiblen Arbeitszeiten sonst noch an ihrem Job schätzt? „Es gibt klare Ansagen, wie was gemacht werden soll und wenn was nicht passt“, antwortet Sarah und fügt verschmitzt hinzu, „außerdem liebe ich Eis“.

Wie wichtig gute Arbeitsbedingungen gerade für Saisonarbeiterkräfte sind, weiß auch Kristin Butzer-Strothmann. Die Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Leibniz-Fachhochschule in Hannover hat letztes Jahr zusammen mit zwei ihrer Studentinnen einer der ersten Aufsätze überhaupt zum Thema „Möglichkeiten und Grenzen der Talentbindung im touristischen Saisongeschäft“ verfasst. Butzer-Strothmann kommt darin zu dem Ergebnis, dass es verschiedene Typen von Saisonarbeitern gibt: Diejenigen, denen nichts Anderes übrig bleibt, als ein solches unstetes Arbeitsverhältnis einzugehen bis hin zu denjenigen, denen genau diese Art von Arbeit Spaß macht.

„Dementsprechend zielgruppenspezifisch reagieren diese Typen auf unterschiedliche Anreize, um auch über die Saison hinaus an das Unternehmen gebunden zu bleiben“, erklärt die Professorin. Während die einen über die materielle Anreize und besondere Bonussysteme gehalten werden können, steht bei den anderen der finanzielle Aspekt nicht unbedingt im Vordergrund. „Da geht es vielmehr um eine positive Arbeitsplatzgestaltung, wie etwa verlässliche Arbeitszeiten“, sagt Butzer-Strothmann. „Und nicht zuletzt gibt es organisatorische Maßnahmen, um Mitarbeiter an sich zu binden. Also genaue Arbeitsvorgaben und –bereiche oder eindeutige Kompetenzverteilungen“.

Auf Familienmitglieder ist diese Kategorisierung nur zum Teil anwendbar. Ihre Motivation speist sich vor allem auch aus der emotionalen Bindung an das Unternehmen. Ohne ihre Kinder und ihre Mutter wäre das Geschäft von Esther Weeber-Kirschenlohr wohl kaum zu stemmen. Die Familie bleibt als Konstante, wenn das Personal zur neuen Saison wechselt, eingearbeitet werden muss und durch den Wechsel fachliches und unternehmensspezifisches Know-How verloren geht. „Ein Saisongeschäft als Familienbetrieb zu führen ist eine typische Vorgehensweise – auch weil die Höhe der Umsatzerlöse es manchmal erfordern“, sagt Forscherin Butzer-Strothmann. Das funktioniere aber nur so lange gut, wie die Familie zusammenhalte.

In Stuttgart gelingt das Zusammenspiel von Familie und externen Mitarbeitern nicht nur während des Sommergeschäfts. Auch im Herbst und Winter, wenn Weeber-Kirschenlohr mit ihrem fahrbaren Biergarten ein paar Wochen auf dem Stuttgarter Volksfest „Cannstatter Wasen“ vertreten. Im Winter hat sie dann einen Weihnachtsmarktstand, in dem die gelernte Konditorin selbst kreierte Pralinen und Schokonikoläusen verkauft. Das System funktioniert – aber nur weil sich Familie und externe Mitarbeiter überdurchschnittlich stark einbringen. Und natürlich die Chefin selbst. Aber sie nimmt es mit Humor. „Als Selbstständige arbeitet man eben selbst – und ständig“.

 

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