Management Atelier zwischen Computern: Wie Kunstprojekte die Kundenbeziehungen verbessern

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Eine der Kunstaktionen greift einen Wunsch der Mitarbeitern auf: mehr Ruhe im Großraum. Künstler Walbrodt klebte dafür dem Geschäftsführer einen speziellen Akustikschaumstoff mit der Aufschrift „Stille Möglichkeit“ auf den Kopf.

Eine der Kunstaktionen greift einen Wunsch der Mitarbeitern auf: mehr Ruhe im Großraum. Künstler Walbrodt klebte dafür dem Geschäftsführer einen speziellen Akustikschaumstoff mit der Aufschrift „Stille Möglichkeit“ auf den Kopf.© Alle Bilder: Walbrodt

In der IT-Branche geht es im Alltag oft geordnet und systematisch zu. Doch wenn alles durchorganisiert ist, droht die Kreativität abhanden zu kommen. Was passiert, wenn rational denkende Menschen auf einen emotional handelnden Künstler treffen? Genau das wollte der Geschäftsführer einer IT-Firma aus Köln wissen. Und hat ein spannendes Experiment gewagt.

Alles begann hinter sterilen Betonwänden. Wie Steve Jobs und Bill Gates hat auch Ralph Friederichs zunächst in einer Garage Computer zusammengebaut und sie anschließend verkauft. 1998 gründete er seine eigene Firma, die Cyberdyne IT GmbH. Sie berät und begleitet mittelständische Unternehmen in IT-Fragen. Friederichs Firma expandierte und beschäftigt heute mehr als 25 Mitarbeiter.

Umzug ins Großraumbüro
2007 zieht Friederichs mit seiner Firma in größere Büroräume um. Endlich haben alle Mitarbeiter genügend Platz. Jeder kann eigenverantwortlich für Ordnung sorgen. Das Großraumbüro mit repräsentativem Parkettfußboden, stylischen Waschbetonwänden, weißen Schränken und Regalen ist chic, wirkt aber irgendwie steril, findet Friederichs. Und sucht nach einer Idee, wie er den puristischen 400 Quadratmetern mehr Leben einhauchen kann. Wie lässt sich die neue Umgebung kreativ befruchten?

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Der damals 34jährige Geschäftsführer holt den Bonner Künstler Daniel Hoernemann alias Walbrodt in sein Unternehmen. Auf einer ungenutzten Fläche im Großraumbüro schlägt Walbrodt zwischen Kabeln und Computern sein Atelier auf, schleppt Tischböcke und Holzplatten heran, Leinwände und Papier, sammelt Stifte und Pinsel zusammen, Farben und Lappen. Er beginnt im IT-Unternehmen zu arbeiten.

Vereinbarung
Wie bei jeder geschäftlichen Partnerschaft hält Friederichs mit Walbrodt die Rahmenbedingungen der Kooperation in einer Vereinbarung fest. Walbrodt kommt an einem Tag pro Woche ins Unternehmen, wobei es ihm überlassen bleibt, womit er seinen Arbeitstag füllt. Die Kunstwerke, die in den folgenden zwei Jahren entstehen, verbleiben in der Firma zu einem fest vereinbarten Honorar.

Ein neues Biotop wird beäugt
Die anderen Angestellten beobachten den neuen Mitarbeiter neugierig. Wie arbeitet ein Künstler so? Macht er alles spontan oder hat er einen Plan? Wie findet er seine Ideen? Und wie geht es danach weiter? Schnell wird klar: Ein festes Schema hat Walbrodt nicht. Mal geht er direkt an seinen Platz im Atelier und arbeitet über Stunden hochkonzentriert. Mal nimmt er an Teamsitzungen teil, sucht das Gespräch mit einzelnen Mitarbeitern, stellt Fragen, hört zu, lässt sich vom Arbeitsalltag der IT-Firma inspirieren.

Interventionen im Raum
Nach einiger Zeit beginnt Walbrodt zu intervenieren. Er hängt Plastikfolien in den Raum, teilt das riesige Büro neu auf und verordnet den Mitarbeitern, neue Wege zu gehen. An Kopiergeräte heftet er gelbe Post-it-Aufkleber mit irritierenden Botschaften und verteilt auf dem Boden kleine Plastikfiguren, über die die Mitarbeiter buchstäblich stolpern.

Walbrodt mischt Strukturen auf. Während einer Teambesprechung installiert er ein „Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen“. Er regt die ITler an, offen für Unerwartetes zu sein und gerade besprochene Probleme kreativ zu lösen. Die Software-Experten sollen das „Ungesuchte“ finden. Kunst spielt sich nicht isoliert vom Tagesgeschäft jenseits von Zahlen und Bilanzen ab, sondern ist mittendrin.

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Mit einem Puzzle regt Walbrodt die Mitarbeiter zur Zusammenarbeit im Team an. Über einen Zeitraum von drei Wochen tragen sie die einzelnen Teile zusammen, die auf der Rückseite durchnummeriert sind. Was das Gesamtkunstwerk darstellt, werden die ITler erst am Ende wissen.

Nicht jede Intervention lässt sich enträtseln. Walbrodt geht es um den Perspektivwechsel, um das Stolpern, Aufhorchen, das ganz bewusste Hinsehen, das Neu-Ordnen nach der Irritation. An der Wand des Großraumbüros hängen Scrabble-Buchstaben. Einen Sinn ergeben sie nicht, mögen die IT-Spezialisten noch so lange tüfteln. Was soll der kleine rote Plastik-Cowboy mit Lasso auf der Lampe im Besprechungsraum? Anarchie zwischen Computertastatur, Kabeln, Steckleisten und „To-Do“-Listen.

Reaktion der Mitarbeiter
Nach anfänglicher Zurückhaltung fassen die Mitarbeiter Vertrauen. Walbrodt nimmt bewusst Anteil an ihrem Arbeitsalltag, verschafft sich mit Fragen Klarheit über Abläufe und Zuständigkeiten, hört aufmerksam zu, fasst nach. Ein viel diskutiertes Problem im Großraumbüro thematisiert er auf seine Weise: Er klebt dem Geschäftsführer eine schwarze Pappe mit weißer Aufschrift an den Kopf: „Stille-Möglichkeit“.

Walbrodt stellt Themen zur Debatte, die maßgeblich für das Wohlbefinden, die Motivation und die Produktivität der Mitarbeiter sind. Sie spüren: Der Künstler nimmt sie ernst. Nach wenigen Monaten ist Walbrodt ein Teil der Firma geworden. Ein Mitarbeiter formuliert es so: „Wenn er heute gehen würde, dann würde etwas fehlen.“

Zuversicht des Geschäftsführers
„Er kam, er war da und ich hatte keine Angst, dass es schlimm wird“, erinnert sich Geschäftsführer Friederichs rückblickend. Man sei sich von Anfang an sympathisch gewesen, beschreibt er sein Verhältnis zum Künstler. Sympathie und Vertrauen sind die Basis für eine erfolgreiche künstlerische Intervention.

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Routinen müssen auch mal durchbrochen werden, wenn man konkurrenzfähig bleiben will, findet Friederichs. Dass ein Künstler einfach nur ein Werk in seinem abgeschiedenen Atelier schafft, das später einen repräsentativen Ort im Unternehmen ziert, erschien Friederichs immer zu wenig. „Kunst soll bei uns nicht nur dekorativ sein“, meint der Geschäftsführer. „Sie soll einen direkten Bezug zum Unternehmen haben“.

Über allem steht die Frage: Was passiert beim täglichen Aufeinandertreffen zwischen IT-Spezialisten und kreativem Freigeist? Welche Veränderungen treten ein? „Das Spannende ist, dass wir – anders als bei unserer Arbeit – bei diesem Projekt kein klares Ziel haben. Wir möchten etwas Neues probieren und ausgetretene Pfade verlassen.“

Intentionen des Künstlers
„Natürlich prallen hier erst einmal zwei Welten aufeinander“, sagt Walbrodt. „Eine Grundvoraussetzung ist die Bereitschaft aller, offen mit der neuen Situation umzugehen und die Andersartigkeit des Gegenübers zu akzeptieren.“ Walbrodt war sich von Anfang an sicher, dass Unternehmer Friederichs jemand sei, „der auch mal etwas wagen würde“.

Mit den Mitteln der Kunst, auf das Tagesgeschäft einzugehen und zu erfahren, wo vielleicht der Schuh drückt, macht den besonderen Reiz einer künstlerischen Intervention aus. „Kunst birgt mindestens drei Chancen für den Menschen“, sagt Walbrodt:
– die Entdeckung der eigenen Einzigartigkeit
– die bewusste und angstfreie Auseinandersetzung mit dem Irrationalen
– den Impuls, eigenverantwortlich zu handeln.“

Kreative Impulse für die Kundenbeziehung
Bei Cyberdyne sind heute 26 IT-Spezialisten für über 50 Unternehmen tätig. Die gewonnenen Erfahrungen aus dem Kontakt mit dem Künstler Walbrodt werden auf den Umgang mit den Kunden übertragen. Um passgenaue Lösungen anbieten zu können, müssen unaufhörlich Fragen gestellt werden. Auf der Website schreibt Cyberdyne über das Selbstverständnis der Firma: „Wir sind bereit, zu verstehen, Beziehungen herzustellen und gemeinsame Chancen zu erkennen. Die Zukunft hat schon begonnen!“

Nachhaltigkeit
Zwei Jahre arbeitet Walbrodt im firmeneigenen Atelier von Cyberdyne. Der Erfolg spricht sich herum. Das Projekt wird 2010 von der Städteregion Aachen mit dem Preis „economy meets art“ ausgezeichnet – als Teil des gleichnamigen Modellprojektes EMA, 2010-2013 gefördert vom Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes NRW.

Geschäftsführer Friederichs ist vom Verlauf und den Ergebnissen des Projektes so begeistert, dass er in seinem IT-Unternehmen eine weitere Aktion mit Walbrodt folgen lässt: Der Künstler entwickelt gemeinsam mit der Tanz-Choreografin Jennifer Hoernemann das Konzept T.A.N.Z. GmbH = „Tänzerische Aktionen für nachhaltige Zusammenarbeit“. Auch das neue Projekt bringt ungewohnte Perspektiven in das IT-Unternehmen. Stillstand gibt es für Friederichs nicht.

Quellen und Inspirationstipps:

• CommunityArtWorks – Walbrodt: Künstlerische Prozesse und Interventionen in Kontexten gesellschaftlicher Entwicklung: www.communityartworks.net
www.walbrodt.org
• Cyberdyne – Informationstechnologie GmbH: http://www.cyberdyne.de/unternehmen/it-service-philosophie/

In ihrer Blog-Reihe „Kreativität für Wirtschaft“ stellt Antje Hinz Best-Practice-Beispiele für „Künstlerische Interventionen“ zwischen Unternehmern und Kreativschaffenden vor. In der nächsten Folge berichtet sie über Filmhelden und Gemeinschaftsgefühle in einem Servicebüro.

1 Kommentar
  • Rosemarie Geise 10. September 2015 14:11

    Guten Tag,
    ich bin ganz begeistert von solchen Ideen. Ab November 2015 beginne ich an der Uni Hannover das Zertifikat Ästhetische Bildung, Dauer 2 Jahre.
    Für Praxisprojekt(e) in diesem Kontext suche ich Kooperationspartner/innen.
    Mögliche Projektideen: Klanginstallation, Märchen, Fotografie, Video, Stoff u.a..
    kreative Grüße
    Rosemarie Geise

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