Management Autisten: die verkannten Fachkräfte

Viele Autisten wie Aleksander Knauerhase sind hochintelligent und können wertvolle Fachkräfte sein. Sie haben in Unternehmen aber auch mit besonderen Problemen zu kämpfen.

Viele Autisten wie Aleksander Knauerhase sind hochintelligent und können wertvolle Fachkräfte sein. Sie haben in Unternehmen aber auch mit besonderen Problemen zu kämpfen.© dpa

Viele Autisten sind hochintelligent und können mit besonderen Fähigkeiten punkten. Vor einem Jahr hat SAP eine Initiative zur Förderung von Menschen mit dem sogenannten Asperger-Syndrom ausgerufen. Das Interesse war groß, doch verändert hat sich nach wie vor wenig. Denn ihre Betreuung in Unternehmen ist aufwendig.

Die Kulisse, vor der Aleksander Knauerhase seinen Vortrag hält, hätte selbst einen versierten Redner aus dem Konzept gebracht. Während er spricht, setzen sich die Jalousien in Gang, Zu-Spät-Kommer drängen in den Raum, suchen Plätze in der ersten Reihe. Knauerhase blickt konzentriert auf seinen Laptop und spricht weiter. Die Situation wäre schwer zu ertragen für einen gesunden Menschen, noch schlimmer ist sie für jemanden mit Asperger-Syndrom – wie Knauerhase.

Menschen wie er haben Schwierigkeiten mit der Reizverarbeitung. Ein Vogelzwitschern sendet das gleiche Signal ans Gehirn wie eine Autohupe. Der Blogger und Autor hat trotz Abitur, Ausbildung, Diplomstudium und fast abgeschlossenem Master bislang keinen Job gefunden. Inzwischen hält er Vorträge über Menschen mit Autismus. Der 39-Jährige wird immer noch von seinen Eltern unterstützt.

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Das Problem: Autisten mit Asperger-Syndrom können hochintelligent und wertvolle Fachkräfte sein, sind gleichzeitig aber meistens unfähig, sich im sozialen Gefüge „Unternehmen“ zurecht zu finden. Die Reizverarbeitung ist nur ein Punkt. Small Talk ist vielen ein Graus, Teamarbeit fällt einigen schwer, sie sind häufig gnadenlos ehrlich – eine Eigenschaft, mit der viele Vorgesetzte nicht umgehen können.

Autisten sind oft hochintelligent

Ihre Stärke: Sie können sich in einem Fachgebiet verlieren und zu absoluten Experten werden. Diesen Vorteil versuchen sich Firmen inzwischen zunutze zu machen. Prominentes Beispiel ist SAP: Vor einem Jahr startete der Softwarekonzern die Initiative, ein Prozent der weltweiten Belegschaft sollen bis 2020 Menschen mit autistischer Störung sein. Die Idee sorgte für große Aufmerksamkeit, doch: „Es hat sich nicht viel verändert“ sagt Friedrich Nolte, Fachreferent im Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus.

Dem Verband zufolge sind in Deutschland sechs bis sieben von 1000 Menschen Autisten. Ein bis drei von 1000 Menschen haben Asperger-Autismus. Matthias Dalferth, Professor für angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule Regensburg und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Autismus-Bundesverbands, geht davon aus, dass die allermeisten Menschen dieser Gruppe mit entsprechender Unterstützung auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sein könnten. Doch drei Viertel der Menschen mit Asperger-Syndrom oder hochfunktionalem Autismus seien Untersuchungen zufolge trotz guter Schul- oder sogar Studienabschlüsse arbeitslos. „Es funktioniert nur mit Begleitung“, ist die Erfahrung von Dalferth.

Doch das können sich vor allem kleinere Firmen nicht unbedingt leisten. Im Mittelstand hänge die Einstellung manchmal einfach von einem Geschäftsführer ab, der sich für das Thema stark mache, sagt Matthias Prössl, Geschäftsführer der dänischen Firma Specialisterne in Deutschland. Specialisterne hilft SAP bei der Rekrutierung geeigneter Mitarbeiter mit Autismus. Bei den Walldorfern kümmern sich eigens Job-Coaches um die inzwischen eingestellten sieben Autisten. Noch einmal so viele will SAP in diesem Jahr werben.

Viele Konzerne engagieren sich für Autisten

Der Softwarekonzern ist nicht das einzige Unternehmen, das sich für das Thema engagiert. L’Oreal arbeitet in Italien mit Autisten zusammen. Die Telefonkonzerne Vodafone und Telekom, aber auch die BayernLB beschäftigen Mitarbeiter von Auticon. Die Berliner Firma hat Dirk Müller-Remus aus eigener Betroffenheit gegründet. Sein 21 Jahre alter Sohn hat das Asperger-Syndrom.

Auticon verleiht seine Mitarbeiter betreut durch einen Coach – bislang nur für Aufgaben in der Informationstechnologie. Die Firma expandiert: Aktuell hat sie 24 Mitarbeiter, 2016 sollen es 100 sein.

Die Nachfrage bei der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit bestätigt das. Aktuell bestehe im Feld der Software-Prüfung eine hohe Nachfrage nach Menschen mit Asperger-Autismus, sagt Klaus Schuldes vom Arbeitgeberservice für schwerbehinderte Akademiker. Darüber hinaus sei die Vermittlung aber nach wie vor schwierig. Gerade mal eine Person mit Autismus betreut die Stelle aktuell in Deutschland.

Die Stärken von Menschen mit Asperger-Syndrom

Auticon-Gründer Müller-Remus will das ändern: „Wir müssen nach und nach Geschäftsfelder entwickeln, die Sinn machen“, sagt Müller-Remus. Er flöht die Lebensläufe seiner Bewerber nach möglichen neuen Aufgaben, wie beispielsweise Übersetzung. Mustererkennung ist die große Stärke von Menschen mit Asperger-Syndrom, sagt er: „Das wird stark nachgefragt in der Wirtschaft.“

Aleksander Knauerhase hilft sich inzwischen selbst. Der Blogger will sich jetzt selbstständig machen – und als Berater über Autismus aufklären. Das ist sein Spezialgebiet. Sein erstes Ziel: Die Politik müsse aufhören, andere Menschen als autistisch zu bezeichnen. Denn: „Solange das Wort als Schimpfwort gebraucht wird, kann es keine Inklusion geben“, sagt Knauerhase.

 

Autismus: Wenn die Verbindung zur Außenwelt gestört ist

Die sogenannte autistische Störung beginnt in der Regel als Entwicklungsstörung im frühen Kindesalter. Betroffene Kinder vermeiden zum Beispiel Körper- oder Blickkontakt. Sie verstehen bestimmte Signale wie Lächeln oder Gesten oft nicht und kapseln sich deshalb ab. Sie reagieren auch heftig auf Veränderungen. Stattdessen wiederholen sie häufig Worte oder bestimmte Bewegungen.

Das heißt allerdings nicht, dass Autisten automatisch geistig behindert sind. Sie können normal intelligent sein oder besondere Begabungen in bestimmten Bereichen entwickeln. Dazu gehören Mathematik, Technik oder Musik. Autisten zeichnen sich beispielhaft durch eine besondere Akribie und Detailverliebtheit aus.

Das sogenannte Asperger-Syndrom gilt als eine leichte Form des Autismus. Menschen mit dieser Ausprägung entwickeln besondere Fähigkeiten, haben aber häufig wenig Interesse an ihren Mitmenschen. Ein bis drei von 1000 Menschen leiden laut dem Verband zur Förderung von Menschen mit Autismus am Asperger-Syndrom. Bei allen autistischen Spektrumsstörungen liegt der Anteil bei sechs bis sieben von 1000.

Woher Autismus kommt, ist noch unklar. Bekannt ist, dass es sich um eine Entwicklungs- und Wahrnehmungsstörung im Gehirn handelt. Laut dem Bundesverband gibt es aber bislang noch kein Erklärungsmodell, das die Entstehung vollständig belegt. In Deutschland sind Schätzungen zufolge mehr als eine halbe Million Menschen mehr oder weniger stark betroffen.

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