Onlinespezial "Richtig entscheiden"
powered by

Management Besser entscheiden: Eine neue Software soll helfen

  • Serie
Alles bedacht? Klug abgewägt? Eine neue Software soll bei der Entscheidungsfindung helfen - und berücksichtig dabei auch das Bauchgefühl.

Alles bedacht? Klug abgewägt? Eine neue Software soll bei der Entscheidungsfindung helfen - und berücksichtig dabei auch das Bauchgefühl.© kittitee550, fotolia

In Unternehmen werden täglich hunderte Entscheidungen getroffen – aber oft weiß schon kurz später niemand mehr, wie das Ergebnis eigentlich zu Stande kam. Die Software eines Hamburger Start-ups hilft, systematischer zu wählen und Entscheidungswege transparent festzuhalten.

Entscheidungen plagen. Zu Hause und im Büro. Und doch müssen wir täglich tausende treffen. Im Kleinen: Fahre ich mit dem Auto oder dem Fahrrad zur Firma? Und im Großen: Welchen Mitarbeiter stelle ich ein?

Wie toll wäre es da, einen Automaten zu haben, in den man eine Entscheidungsfrage hineinwirft und der am Ende die Antwort ausspuckt: „Machen!“ Oder: „Das Büro in Berlin mieten!“

Das Hamburger Start-up Vedaserve hat eine Software namens Proofler entwickelt, die zwar nicht vollautomatisch Entscheidungen für einen trifft, welche die herkömmliche Pro- und Contra-Liste aber revolutionieren könnte.

Berlin, Kiel oder Wien

Das Programm hilft, Informationen zu sammeln, zu bewerten und letztendlich eine Entscheidung zu treffen. Das Onlinetool führt einen Schritt für Schritt durch den Entscheidungsprozess und soll so die Komplexität reduzieren. Angenommen, ein Unternehmen spielt mit dem Gedanken, einen neuen Standort zu eröffnen. Die Frage ist nur: Wo soll dieser liegen? Nachdem man diese formuliert hat, kann man verschiedene Optionen anlegen. Also etwa: Berlin, Kiel oder Wien.

Nun gilt es, allgemeine Kriterien zu benennen: Hohes Pro-Kopf-Einkommen der Bewohner oder günstige Büromiete. Für diesen Schritt kann man auch Menschen einladen, die von der Entscheidung nicht betroffen sind und demnach unbefangen ergänzen. Das können Unternehmer sein, der Berater bei der Handelskammer oder einfach ein Freund. „Die meisten kommen auf neue Ideen, an die man nicht gedacht hat“, sagt Gründer Sebastian Pioch, der mit drei weiteren Mitstreitern das Tool entwickelt und für seine Doktorarbeit die Entscheidungsprozessen bei Start-ups untersucht hat.

Welche Kriterien sind wirklich wichtig?

Dann müssen die einzelnen Kriterien bewertet werden: Ist eine breite Kundenbasis vor Ort wichtiger als die günstige Miete? Schließlich verteilt man 1-5 Sterne, wie gut jeder Standort das jeweilige Kriterium erfüllt. Ganz am Schluss fragt das Programm für jede Option ab: Was sagt das Bauchgefühl? Dann wertet es aus und erstellt ein Ranking.

„Witzig ist, wenn der heimliche Favorit auf Platz zwei landet und man sich darüber ärgert, dann wissen Sie: Das ist Ihre Entscheidung“, erklärt Pioch. „Letztlich wollten Sie die ganze Zeit, dass Köln gewinnt, weil das Büro da so nett ist.“ Der Entscheidungsprozess könne dokumentiert werden. Das hilft zum Beispiel, wenn es später Ärger gibt oder man sich wundert, warum man sich nur so entschieden hat. Dann kann man nachschauen: Aha, das waren damals die relevanten Kriterien.

Die Fülle der Möglichkeiten kann hinderlich sein

Entstanden ist die Idee für das Onlinetool, weil den Gründern eine „Entscheidungs-Depression“ in der Gesellschaft aufgefallen war. „Die meisten stellen sich ständig dieselben Fragen und wollen nur Hilfe, um bei der Vielfalt der Möglichkeiten in der globalisierten und digitalisierten Welt endlich bessere Entscheidungen zu treffen“, sagt Pioch. „Es gilt, keine Option zu verpassen, aber ein gutes Gefühl bei der Entscheidung zu haben.“ Da soll Proofler Klarheit schaffen.

Die Software auf der Internetseite ist noch in der Betaphase und für private Nutzer kostenlos. Über gezielte Bannerschaltung wollen die Gründer in Zukunft Geld damit verdienen. Wenn jemand also fragt, ob er nach Griechenland oder Italien in den Urlaub fahren soll, würden Angebote von Reiseveranstaltern beworben. Unternehmer können sich eine individuelle und werbefreie Version einrichten lassen. „Das Tool kann intern zur Entscheidungsoptimierung genutzt werden oder zum Beispiel auf der eigenen Seite als Hilfe für die Kunden bei einer Kaufentscheidung integriert werden“, sagt Pioch.

Von den Entscheidungen anderer profitieren

In Zukunft sollten Nutzer auch ihre Entscheidungswege, die sie in das Tool eingegeben haben, untereinander teilen können. Denn viele Fragen, so die Idee der Gründer, stellt sich nicht nur ein Mensch. Dann ist es hilfreich zu sehen, welche Kriterien bei anderen eine Rolle spielten, oder wie sie einzelne Optionen bewertet haben. Ist der Entscheidungsprozess hinterlegt, können später alle anderen anschauen, wie der einzelne vorging und welche Ideen auftauchen.

„Für Unternehmen wird es spannend, zu wissen: Wie treffen meine Kunden Entscheidungen?“, so Pioch. Welche Kriterien spielen etwa eine Rolle, wenn man einen Urlaubsort auswählt oder sich für ein Automodell entscheidet.

Die Entwickler von Proofler haben sich längst entschieden: Sie wollen mit dem Kopfzerbrechen der anderen Geld verdienen.

 

Sebastian-PiochDer Informationswissenschaftler Sebastian Pioch lehrt an der Hochschule Fresenius in Hamburg und hat gerade seine Doktorarbeit über Entscheidungsfindung in der frühen Gründungsphase beendet. 2013 startete er mit drei Mitgründern Vedaserve, ein Start-up, das mit Seminaren und Software sowohl private als auch unternehmerische Entscheidungsprozesse verbessern will.

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.