Management Bloß nichts falsch machen!

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Wer klettert, ist auf den sicheren Aufstieg fokussiert. Auch im Job sollte man Multitasking vermeiden.

Wer klettert, ist auf den sicheren Aufstieg fokussiert. Auch im Job sollte man Multitasking vermeiden.© VRD - Fotolia.com

In kaum einem anderen Land gelten Fehler so sehr als Makel wie in Deutschland. Dabei lassen sie sich nicht immer vermeiden. impulse zeigt, wie Unternehmer dafür sorgen können, dass im Betrieb weniger schief läuft.

Es ist ein Wintertag, als Veit Herzog auf das Flachdach eines Hauses klettert. Der Schnee ist grif­fig, Herzogs Sohlen haben ein starkes Profil. Er will nur noch etwas erledigen. Der 32-Jäh­rige ist ein erfahrener Zimmermann, drahtig, sportlich, in seiner Freizeit klettert er Felswände hinauf. Mit zwei Mitarbeitern hat er sich in Dresden auf Höhenarbeiten spezialisiert. Sie beschneiden Bäume, reinigen Dachrinnen und erneuern Fassaden.

Herzog sagt, dass er ein vorsichtiger Mensch sei. Wenn er daran denke, eines Tages nicht mehr zu seinen beiden Kindern nach Hause zu kommen, werde ihm schlecht. Seine Arbeit ist gefährlich, es darf kein Fehler passieren. Schon gar nicht der, im Winter ohne Sicherung auf ein Dach zu klettern, wenn unter der Schneedecke eine unsichtbare Eisschicht liegt.

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Als Herzog merkt, dass er anfängt zu rutschen, wirft er sich auf die Knie. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf: „Ich muss mich an der Dachrinne festklammern.“ Er rutscht und rutscht, wartet auf die Kante. Dahinter geht es 14 Meter in die Tiefe.

Menschen machen Fehler. Ständig. Aus Leichtsinn, Schusseligkeit, Unwissenheit, oder weil sie unter Druck stehen. Die meisten Fehler gefährden keine Menschenleben, sondern kosten Zeit, Geld, Nerven. Jeder kennt solche Situationen: Unterlagen für den Geschäftstermin vergessen, hektisch zurück ins Büro gerast, und dabei – natürlich – direkt hineingeraten in die Radarkontrolle. Oder: Jede Menge Ausschuss in der Produktion, weil ein Mitarbeiter die Maschine nicht richtig eingestellt und es lange keiner bemerkt hat.

Wenn Veit Hermann Bäume beschneidet, darf er nicht straucheln. Der Handwerker setzt deshlab auf mehrere Sicherheitssysteme.

Wenn Veit Hermann Bäume beschneidet, darf er nicht straucheln. Der Handwerker setzt deshalb auf mehrere Sicherheitssysteme.

Es ist leicht, Misserfolge auf die Umstände zu schieben, aufs Wetter, die Kunden, die Politik oder die Unverfrorenheit der Konkurrenz. Zumal in Deutschland nicht gern über Fehler gesprochen wird – schon in der Schule lernen Kinder, sie zu vermeiden. Eine falsche Antwort wiegt im Zweifel stärker als ein kreativer Lösungsversuch. Scheitern gilt nach wie vor als Stigma. Eine internationale Studie bestätigt, dass die Angst, Fehler zu machen – und sie zuzugeben –, fast nirgendwo so ausgeprägt ist wie hierzulande. Von 62 Nationen kam Deutschland auf Platz 61.

Zeit, das zu ändern. Eigene Missgeschicke einzugestehen und die Unternehmenskultur so umzukrempeln, dass sich auch die Mitarbeiter trauen, offen über Fehler zu sprechen, lohnt sich. Der deutsche Wirtschaftspsychologe
Michael Frese hat eine Vielzahl von Unternehmen verglichen und dabei herausgefunden, dass mit einer Verbesserung des Fehlermanagements bis zu 20 Prozent Gewinnsteigerung erzielt werden können. Ermutigen Firmen ihre Mitarbeiter, Fehler einzuräumen, sinkt die Gefahr signifikant, dass erfolglose Projekte zu lange weitergeführt werden – und so Zeit verschwendet wird. „Diejenigen, die Fehler richtig managen“, sagt Frese, „haben einen enormen Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten, die das nicht tun.“

Wie aber lernen Unternehmer und ihre Mitarbeiter aus Fehlern, anstatt sie immer wieder zu machen?

Regel 1: Stress blockiert Ihr Gehirn. Bleiben Sie gelassen
Für Veit Herzog war der Beinaheabsturz ein Warnschuss. „Auf eine Dachkante zuzurutschen ist eine Erfahrung, die einschneidend ist“, sagt er. Zum Glück kam er noch vor der Kante zum Stillstand. Damals beschloss er, sich fortan im Winter immer anzuseilen. Egal, wie flach das Dach ist.“Fehler passieren meist in Stresssituationen“, sagt er heute, „wenn die Zeit drängt und der Kunde wartet. Oder wenn man ohnehin schon unter Strom steht, weil der Mitarbeiter das falsche Werkzeug mit zur Baustelle gebracht hat.“ Heute versucht der Zimmermann in hektischen Momenten, gezielt Tempo rauszunehmen, vor allem, wenn es mal wieder einen „handwerklichen Scheißtag“ gibt, wie er sagt. „An solchen Tagen fahren meine Jungs morgens zur Baustelle und können nichts machen, weil das Wetter schlecht ist. Dann wird die nächste Baustelle angefahren.“ Mit jeder Verzögerung steigt der Druck, doch noch etwas zu schaffen.

Herzog hat sich angewöhnt, an solchen Tagen bewusst „Stopp!“ zu rufen. „Man muss die Fehlerkette durchbrechen“, sagt er mit seinem sächsischen Akzent. „Anhalten, runterkommen, nachdenken. Manchmal heißt das auch, dass man Feierabend macht oder das Lager aufräumt.“

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass unter Stress ganze Hirnregionen ausfallen können. Die Wahrnehmung verengt sich, es fällt schwer, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Gestresste Menschen handeln unüberlegt und impulsiv. Die Konsequenz ist fatal. Eine Kleinigkeit ist schiefgegangen, schon steigt der Stresspegel, der erste Fehler geschieht und zieht den nächsten nach sich.

Stress zu vermeiden hilft daher, Fehler zu reduzieren. Biologen haben untersucht, wie unser Gehirn arbeitet. Das Ergebnis: Menschen – und das gilt für Frauen wie für Männer – sind lausig darin, mehrere Dinge zur selben Zeit zu tun. Wer seine Arbeit immer wieder unterbricht, wer immer wieder angesprochen und gestört wird, benötigt am Ende 50 Prozent mehr Zeit und macht im Schnitt rund 50 Prozent mehr Fehler. Die Konsequenz klingt simpel, ist im Alltag aber eine Herausforderung: Wer seine Arbeit möglichst schnell und fehlerfrei erledigen will, muss die Dinge nachein­ander tun. Nicht gleichzeitig.

Regel 2: Spielen Sie Krisen durch
Bevor Veith Herzog eine Hauswand hinauf­klettert, spielt er mögliche Krisensituationen im Kopf durch. „Ich versuche, mir immer einen Plan B zu überlegen“, sagt der Zimmermann. „Dann muss ich in einer Notlage nicht mehr groß nachdenken.“Das Vorgehen ist aus der Luftfahrt bekannt. Piloten üben im Flugsimulator, sie spielen Stresssituationen durch, um im Ernstfall klüger zu reagieren. Feuerwehren trainieren schwie­rige Einsätze. Wenn in der Krise das Denken schwerfällt, ist es wichtig, auf Erfahrungen zurückgreifen zu können, weil das auch unter Stress noch funktioniert.

„Warum gibt es eigentlich keinen Krisensimulator in der Managerausbildung?“, fragt der Ex-Berufspilot und Unternehmer Peter Klaus Brandl. Die Luftfahrt hat es wie kaum eine andere Branche durch kluges Fehlermanagement geschafft, die Zahl der Unglücke dramatisch zu senken. Brandl ist überzeugt, dass Unternehmen von Flugzeugbesatzungen lernen könnten. Angesichts von rund 30.000 insolventen Firmen jährlich, sei es doch angebracht, mögliche Krisen durchzuspielen, bevor sie eintreten.

„Was spricht dagegen, sich einmal im Jahr aus der Alltagsroutine auszuklinken und für den Worst Case zu planen?“, fragt Brandl. Firmen könnten dabei etwa üben, was passiert, wenn der wichtigste Kunde abspringt. Oder sich an so einem Tag überlegen, wie sie Fehler besser kommunizieren, damit alle daraus lernen können. Viele Fluggesellschaften sammeln zum Beispiel die dümmsten Missgeschicke, schreiben sie unterhaltsam auf und verschicken sie an alle Mitarbeiter.

Regel 3: Haken Sie Checklisten ab
Piloten arbeiten mit Checklisten, die sie vor jedem Flug durcharbeiten müssen, um nichts zu vergessen. Die Fluggesellschaften wissen, dass Mitarbeiter gerade bei einfachen Aufgaben die Konzentration verlieren. Routinen sind eine stete Quelle für kleine Fehler, die sich später summieren – und eine Krise auslösen.
In der Zimmerei Herzog gibt es keine Listen, aber Kisten: Im Lager steht eine Korrosionsschutz-Kiste, eine Vogel-Abwehr-Kiste, eine Holzschutz-Kiste – säuberlich beschriftet. Hier finden alle Geräte ihren Platz. Regelmäßig müssen Herzogs Mitarbeiter die Kisten überprüfen, Werkzeuge reinigen, zum Baumarkt fahren, nachkaufen, auffüllen. „Man denkt als Arbeitgeber schnell: Ich schicke die lieber auf die Baustelle, das bringt mir wenigstens Geld. Aber ich verpulvere viel mehr Geld, wenn ich beim Kunden bin, und dann fehlt die rich­tige Lasur.“ Mit 700 Euro Umsatz kalkuliert Herzog pro Tag. Man kann sich leicht aus­rechnen, was es ihn kostet, wenn eine Baustelle wegen eines vergessenen Werkzeugs eine Stunde stillsteht.

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Verlagshinweis:

„AUS FEHLERN LERNEN“ – Die impulse-Konferenz:

In der Wirtschaft ist ein offener Umgang mit Fehlern sehr selten, oft sogar ein Tabu-Thema. Doch wer unternehmerisch erfolgreich sein will, sollte sich nicht nur an vermeintlichen Erfolgsrezepten orientieren, sondern sich intensiv mit Fehlern auseinandersetzen – den eigenen und denen anderer Unternehmer. Genau dies steht im Mittelpunkt der impulse-Konferenz. Lassen Sie sich zu den unterschiedlichsten unternehmerischen Themen inspirieren, tauschen Sie sich aus und stärken Sie Ihr Netzwerk!

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