Leben Broterwerb oder Sinnstiftung?

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Die Zukunft der Arbeit kann einem Angst machen. Ja. Aber sie gibt uns auch Freiheit zurück.

Die Zukunft der Arbeit kann einem Angst machen. Ja. Aber sie gibt uns auch Freiheit zurück.© Getty Images/187137706

Lange wurde nur über Work-Life-Balance diskutiert. Die Generation Y geht einen Schritt weiter: Sie zweifelt das industriell geprägte Konzept der Arbeit an. Gründerin Tina Egolf über die entscheidende Frage: Wozu arbeiten wir?

Der durchschnittliche Deutsche arbeitet ca. 1.700 Stunden pro Jahr und verbringt damit gut 40 Prozent seiner wachen Zeit bei der Arbeit. Doch nicht nur die Zeit, die wir mit unseren bezahlten Tätigkeiten verbringen, sondern auch die Bedeutung, die wir ihnen beimessen, macht deutlich, welchen Stellenwert Arbeit für uns hat. Arbeit ist eine der elementarsten sozialen Determinanten moderner Gesellschaften. „Was“, „Wie viel“, „Für wen“, „Für wie viel“ bestimmen unser Pläne, Träume und Ängste spätestens seit unserer Pubertät.

Und so ist es wenig verwunderlich, dass die Zukunft dieser Arbeit plötzlich zum Salon-Thema geworden ist. Demographischer Wandel, Flexibilisierung und Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen, Wissensgesellschaft vs. Produktionsgesellschaft, Mobilisierung und Digitalisierung – Große Themen werden im Diskurs um die Zukunft der Arbeit meist mit vielen Fragezeichen und gerne mit politischer Färbung durch das deutsche Dorf getrieben.

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Die Generation Y

Ein weiteres Gespenst moderner Arbeitswelten, das vielleicht wie kein anderes beispielhaft für die Veränderung unserer Arbeit ist, scheint dabei ebenso umstritten wie ungemütlich: die Generation Y. Diese Generation ist mit dem Internet im wahrsten Sinne des Wortes (auf)gewachsen und ein Teil dieser Kohorte ist in der Lage mit der technologischen und sozialen Komplexität und Geschwindigkeit, die unsere Arbeits-Gesellschaft prägen, natürlicher und schneller umzugehen als nahezu jede Generation zuvor.

Und an diesem Punkt wird es spannend, denn hinter launigen Geschichten über mehr Work-Life-Balance, der Suche nach dem Sinn und jugendlicher Selbstüberschätzung steht eben kein Lifestyle-Trend oder Medienphänomen, sondern ein gesellschaftliches Symptom, das zu einer für viele eher unbehaglichen Erkenntnis führt: Die Wahrheiten unserer guten alten Arbeit, basierend auf 200 Jahren industrieller Prägung, verlieren mit dem Grad an technologischer Entwicklung, den wir erreicht haben und der – so sehr es sich manch einer wünschen möge – nicht mehr rückgängig zu machen ist, ihre Gültigkeit. Was gut und notwendig war, was zu Erfolg und Wohlstand geführt hat, steht plötzlich auf dem Prüfstein. Nicht mehr und nicht weniger.

Verlust von Sicherheit und Beständigkeit

Als IBM mit seinem Liquid-Programm vor nun knapp zwei Jahren die Überführung von tausenden fester Angestelltenverhältnisse in freiberufliche Verträge ankündigte, schienen sich im großen Stil die schlimmsten Befürchtungen zu bewahrheiten: Zukunft der Arbeiten, das bedeutet den Verlust von Sicherheit und Beständigkeit! Mehr Wettbewerb, weniger Zusammenhalt und das Ende vieler Arbeitsplätze! Und wissen Sie was? Es stimmt. Amazon ersetzt zunehmend Lagerarbeiter durch vollautomatisierte Logistikzentren, sich selbst steuernde Autos werden LKW-Fahrer ersetzen und Kundendienstmitarbeiter werden dank Spracherkennung und digitaler Sprachausgabe nicht mehr benötigt.

Aber die Schlussfolgerung, die sich daraus ergibt, kann und darf nicht sein: Wir müssen das verhindern. Denn mit dieser Entwicklung geht eine immense Chance einher! Das System, das wir geschaffen haben, um Stellen wie Lagerarbeiter und Kundendienstmitarbeiter überhaupt erst zu ermöglichen, fordert von uns einen hohen Preis: Burn-Out, Bore-Out, innere Kündigung, wachsender sozialer Druck, die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Von den globalen Auswirkungen auf weniger privilegierte Länder ganz zu schweigen.

Darf die Entwicklung Angst machen? Ja!

Wie selbstverständlich gehen wir davon aus, dass unsere Form der Arbeitsteilung, der Arbeitsethik und des Wettbewerbs natürliche und gar optimale Zustände sind. Wir vergessen dabei, dass das, was wir Arbeit nennen, nicht älter als 200 Jahre ist und alles andere als „Gott gegeben“. Mit dem Internet und den digitalen Technologien im Allgemeinen haben wir uns eine neue gesellschaftliche Handlungsgrundlage geschaffen, die uns Freiräume aber auch Verantwortung überträgt, die weit über traditionelle Rollenbilder und Bürgerschaftsmodelle hinausgeht. Zweifelhafte Versuche eine nationalstaatliche Regulierungslogik auf diese globalen digitalen Netzwerke auszuweiten werden ebenso wenig bewirken, wie der Versuch Innovation und neue Formen der Arbeit in traditionelle Hierarchien und Organisationsstrukturen zu integrieren.

Und ja, all das darf Angst machen. Wir dürfen verunsichert sein und vielleicht auch manchmal bequem, denn das bekannte Übel ist deutlicher weniger beängstigend als das Gespenst der Veränderung. Dennoch: Wir stehen dank der Entwicklung, die wir in technologischer wie gesellschaftlicher Hinsicht in den letzten 30 Jahren geleistet haben, vor der einmaligen Gelegenheit uns fragen zu müssen, was uns als Menschen wirklich einzigartig macht! Sind wir wirklich nur reine Funktionsträger, die fleißig und routiniert immer kleiner gewordene Arbeitspakete abarbeiten? Ist dem Menschen wirklich nur so weit zu trauen, dass man ihn regulieren und steuern muss, um ihn beschäftigen zu können? Und wenn die Antwort „Ja“ lautet, woran liegt das? An der Natur des Menschen oder an der Prägung, die er (und wir, die wir dieser Einschätzung sind) erfahren haben?

Die entscheidende Frage

Worum es bei der Diskussion um die Zukunft der Arbeit gehen sollte, ist nicht die Anpassung an das gewohnte System oder die lyrische Formulierung von Arbeitsplatzbeschreibungen und Bonuspaketen. Wir haben die Möglichkeit unsere Arbeit an sich verändernde Werte und Paradigmen anzupassen. Denn nicht nur unser Einstellung hat sich geändert, das System als Ganzes hat es und daraus erwächst ein Druck, den wir als Individuen nie hätten erzeugen können. Empathie, Kreativität, Reflexionsfähigkeit, Mut …

Jeder von uns (unabhängig von Bildung und Intellekt) trägt so viel Potential in sich, das wir längst nicht vollständig in unserer Arbeit zum Ausdruck gebracht haben und das uns keine Technologie abnehmen wird. Die Entscheidung, ob und wie wir dieses Potential nutzbar machen, haben wir hingegen lange Zeit nur zu gerne abgegeben, an „den Chef“, „das Unternehmen“ oder „die Karriere“. Und auch das darf sich ruhig ein bisschen ungemütlich anfühlen, denn Verantwortung wird vor allem in Zukunft zu den Aufgaben zählen, die uns niemand mehr abnehmen wird.

Wenn wir daher über die Zukunft der Arbeit sprechen, muss die Frage zuallererst lauten: Wozu arbeiten wir? Und nicht: Wie?

3 Kommentare
  • Hugo Bühlmann, Wittenbach, Schweiz 4. Januar 2014 16:17

    Liebe Frau Egolf,

    diese Sinnfrage „Wozu arbeiten wir/ich“ müssten sich eigentlich alle Unternehmer und auch die Arbeitnehmer stellen.

    Bei vielen Menschen ist der Lebensunterhalt oder der Hang zum Materiellen, der Antrieb um zu arbeiten. Leider vergessen sie sich dabei und verlieren ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen.

    Vor ein paar Tagen, hat mir ein Kollege (Business-Plattformen-Entwickler) einen Link zu den 30 wichtigsten Ideen/Produkte für die Zukunft gesandt und ich musste mich fragen, brauchen wir das überhaupt?

    Ist weniger nicht mehr und sollten wir nicht wieder zu unseren Wurzeln zurückkehren und authentisch sein?

    Nun, auch ich stelle mir solche Sinnfragen. Damit unser Leben auch einen Sinn hat 🙂

  • Anette Bürgel 12. Dezember 2013 08:24

    Letztendlich braucht man die bezahlte Arbeit aber (leider) immer noch, um den Lebensunterhalt zu finanzieren. Die Unsicherheit der Menschen in der sich immer schneller verändernden Welt entsteht doch zunächst in bedrückender Weise dadurch, das durch Rationalisierung und Technologisierung immer mehr Menschen „frei gesetzt“ werden. Sinnfindung, Kreativität und Potenziale entwickeln ist gut. Aber es ist wichtig, dass neue Ideen auch den Lebensunterhalt finanzieren können und dazu braucht es auch ganz viele Menschen, die Geld verdienen können, um diese neuen Arbeiten zu kaufen.

  • Andreas Dietze 26. November 2013 22:55

    Verehrte Frau Egolf,

    was für vortreffliche und subversive Gedanken zu unserem bestehendem Bild der Arbeitsgesellschaft bzw. Leistungszwangsgesellschaft! Bitte stiften Sie weiterhin Unruhe!

    Andreas Dietze

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