Management Das können Unternehmer von Spitzensportlern lernen

Offensivspieler Thomas Müller

Offensivspieler Thomas Müller© dpa

Enormer Erfolgsdruck und Millionen Zuschauer: Wie haben es die deutschen Fußballspieler geschafft, in Brasilien so gelassen zu bleiben? Thomas Baschab betreut als Mentaltrainer zahlreiche Sportstars und erklärt das Geheimnis des "Nicht-Denkens".

Herr Baschab, wenn ich vor vielen Leuten sprechen muss, sehe ich mich oft regelrecht von außen. Ich denke darüber nach, wie das Publikum mich sieht. Geht es den Fußballern heute Abend ähnlich?

Nein. Wenn das passiert, ist mental schon dramatisch viel schief gelaufen. Der Fokus liegt dann auf dem Publikum, nicht darauf, was man tut. Ein Fußballer, dem es so ergeht, schafft es nicht bis in die Nationalelf.

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Bei der WM gucken zuweilen über eine halbe Milliarde Menschen zu. Wie kann man denn da nicht ans Publikum denken?

Der Druck ist in der Tat extrem. Macht ein Fußballer einen Fehler, wird der nicht nur gezeigt, sondern öffentlich seziert. Daher ist es wichtig, über mögliche Fehler überhaupt nicht nachzudenken.

Die Lösung lautet also Verdrängung?

Ja. Nach dem Spiel kann man Fehler analysieren. Vor dem Spiel sollte man keineswegs an Fehler denken, dann erreicht man genau das Gegenteil: Je mehr ich mich bemühe, einen Fehler zu vermeiden, umso wahrscheinlicher wird er.

Warum?

Das liegt am menschlichen Gehirn. Machen wir einmal das alte Experiment: Denke Sie NICHT an einen rosa Elefanten, auf dem ein gelber Affe sitzt. [Pause] Und, an was denken Sie?

An einen rosa Elefanten.

Genau. Unser Unterbewusstsein kann Negationen nicht verarbeiten. Wenn man daran denkt, keine Fehler zu machen, ist das, als ob man an „Fehler machen“ denkt. Wer auf den Platz geht und sagt: „Heute bloß keinen Fehler machen“ – hat schon verloren.

Denken stört also.

Das gilt für alle Lebensbereiche. Denken stört sogar beim Denken. Jeder kennt die Situation, dass einem ein Wort nicht einfällt oder ein Name. Und je mehr man darüber nachdenkt, desto weiter entfernt man sich von der Lösung. Wenn man aber loslässt, was anderes tut, macht es auf einmal „Bing!“ und das Wort ist da. Wenn man etwas zu sehr will, führt das zu Verkrampfung.

Wie macht man sich dann locker?

Das Problem ist: Man kann nicht nicht denken. Sobald man wach ist, denkt man. Das Gute ist aber: Man kann auch nicht an zwei Dinge gleichzeitig denken. Nicht einmal Frauen können das, die im Gegensatz zu den meisten Männern mehrere Dinge gleichzeitig tun können. Wenn man also an das Richtige denkt, kann man nicht mehr an das Falsche denken.

Wenn Philipp Lahm auf den Elfmeterpunkt zu rennt, muss er also denken: rein, rein, rein.

Am besten stellt man sich ein Bild vor, visualisiert die Situation. Das bildhafte Vorstellen ist ein Denkprozess, man kann also an nichts anderes mehr denken. Auch nicht an die Millionen Fans vorm Fernseher.

Gibt es einen Spieler, der das besonders gut kann?

Thomas Müller. Er ist ein intelligenter Spieler mit einem grandiosen Talent, das Denken zu unterdrücken. Dadurch ist er für Verteidiger schwer auszurechnen, weil er selbst nicht weiß, was er gleich tut. Intuition ist als Stürmer ganz wichtig. Man muss entweder in der Lage sein, das Denken einzustellen – oder aber man ist erst gar nicht in der Lage, sich groß Gedanken zu machen. Je cleverer die Spieler sind, desto weiter hinten spielen sie üblicherweise in der Mannschaft. Die intelligentesten Spieler findet man meist in der Innenverteidigung und im defensiven Mittelfeld.

Die mentale Belastung muss doch für einen Verteidiger viel belastender sein als für einen Stürmer.

Genau. Ein Stürmer kann 89 Minuten über den Platz laufen wie Falschgeld. Dann macht er am Schluss das Tor und ist der Held. Ein Verteidiger hat eine völlig andere mentale Situation. Der kann 89 Minuten Weltklasse spielen, macht einen Fehler und ist der Depp. Daher kommen zu mir viel mehr Verteidiger als Stürmer. Verteidiger haben mental die größere Belastung.

Gibt es in Unternehmen ähnliche Positionen?

Der Vertriebsmitarbeiter ist der Stürmer. Die Marktfolgemitarbeiter, etwa Kreditprüfer oder Controller, sind die Verteidiger. Ein Fehler eines Verteidigers ist immer folgenreicher als der eines Stürmers. Das gilt auch für Unternehmen.

Warum haben wir eigentlich so große Angst vor Fehlern?

Das lernen wir schon in der Schule. Schon dort geht es darum, Fehler zu vermeiden anstatt Leistung zu erzielen. Die Leistungsbewertung in der Schule erfolgt fast ausschließlich auf der Grundlage von Fehlern. Wenn Sie aber durch Ihr Leben gehen, um Fehler zu vermeiden, dann werden Sie zu ganz anderen Ergebnissen kommen, als wenn Sie versuchen, Leistung zu erzielen. Menschen, die ihr ganzes Leben versuchen, Fehler zu vermeiden, begrenzen sich unglaublich.

Nehmen wir an, Manuel Neuer passiert heute Abend nach zehn Minuten ein schlimmer Fehler. Wie schafft er es, danach wieder die volle Leistung abzurufen?

Sportler müssen lernen, Fehler zu verarbeiten, so schnell wie möglich. Ich betreue viele Biathleten. Wenn ein Biathlet einen Fehler geschossen hat, muss er eine Strafrunde laufen. Wenn ihn das zu sehr frustriert, schießt er wieder vorbei und muss noch eine Runde laufen. Weltklasseathleten stehen nach einem schlechten Schießen auf, als hätten sie alle Scheiben getroffen.

Wie lernt man das?

Auch da hilft die Technik der Visualisierung: Wenn etwas Negatives passiert ist, bildet das in einem eine negative Energie. Stellen Sie sich diese negative Energie vor wie einen grau-braunen, schmutzigen Nebel in ihrem Körper. Dann stellen Sie sich vor, dass der Nebel seine Farbe verändert, von grau-braun auf orange. Und plötzlich ist das in Ihnen eine positive Energie. In einer Sekunde geht es einem besser.

Man hat den Eindruck, dass Männer diese Technik besser beherrschen als Frauen. Die bauen einen Autounfall und halten sich trotzdem für die weltbesten Fahrer.

Männer haben in der Tat mehr das Talent, Fehler zu verdrängen. Das ist zumindest im Sport ein Vorteil, denn ein verdrängter Fehler belastet nicht. Viele Frauen haben das Bedürfnis, perfekt zu sein. Aber wenn man ständig einen Anspruch hat, dem man immer unterliegt, ist das schlecht fürs Selbstwertgefühl. Das ist der Grund, warum Frauen sich ständig selbst in Frage stellen, obwohl sie keinen Grund dafür haben und Männer sich nicht hinterfragen, obwohl sie Grund dafür hätten. Ein Beispiel dafür ist Tommy Haas.

Warum Tommy Haas?

Den habe ich mal als 16-Jährigen erlebt, da hat er hier in München in der zweiten Bundesliga Tennis gespielt und 0:6, 1:6 verloren. Als er vom Platz ging, hat er jedem nur erzählt, wie schlecht sein Gegner war, „eine Pflaume, der konnte gar nichts“. Das war das einzige, womit er sich beschäftigt hat. Dass er gerade die Hucke vollgekriegt hat, hat er völlig verdrängt. Das ist eine Fähigkeit, die im Sport durchaus hilfreich ist.

Was können Unternehmer von Sportlern lernen?

Sie können lernen, dass sie ein Programm brauchen, mit dem sie Fehler schnell verarbeiten und die gemachte Erfahrung in einen positiven Impuls umwandeln können. Dass der Fehler sie nicht lange belastet und dann an weiterer Leistung hindert. Es gibt Leute im Berufsleben, die machen Fehler und kommen damit nicht klar, bekommen ein Burnout oder werden gar depressiv. Die Lernfähigkeit, mit Fehlern umzugehen, ist für alle, auch für Unternehmer, von großer Bedeutung.

 

Mentaltrainer Thomas Baschab Anfang der 90er Jahre war Thomas Baschab einer der ersten professionellen Mentaltrainer Deutschlands. Heute coacht er nicht nur die Mitarbeiter von zahlreichen Konzernen und Unternehmen, sondern auch Spitzensportler wie den Fußballer Holger Badstuber, den US-Nationalspieler Fabian Johnson oder den Biathleten Andi Birnbacher. Seit 2012 bildet er in seiner Akademie auch Mentalcoaches aus.

 

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