Management Das neue Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer

Die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern steigt - und damit auch die Verhandlungsbasis der Arbeitnehmer.

Die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern steigt - und damit auch die Verhandlungsbasis der Arbeitnehmer.© pekkic - Fotolia.com

Es ist nicht lange her, da bangten viele um ihren Job. Chefs konnten poltern und strafen. Die hohe Arbeitslosigkeit machte die Untergebenen demütig. Jetzt hat sich der Wind gedreht.

Jeder achte Arbeitnehmer in Deutschland würde seinen Chef rauswerfen – wenn er es nur könnte. So mächtig sind einfache Angestellte in Deutschland nicht. Aber eins hat sich verändert: Die Beschäftigten sind deutlich selbstbewusster geworden. Die Angst vor dem eigenen Rauswurf ist nach einer Umfrage des Beratungsunternehmens Gallup so gering wie seit vielen Jahren nicht. Das dürfte Folgen haben: für die Führungskultur in Büros und Werkshallen ebenso wie für die Tarifabschlüsse.

„Die Arbeitnehmer nehmen wahr, dass ihr Unternehmen Schwierigkeiten hat, den Bedarf an Arbeitskräften zu decken“, sagt Marco Nink. Zwei Drittel der Angestellten sehen nach der repräsentativen Umfrage des Soziologen gute bis sehr gute Chancen, eine neue Stelle zu finden, wenn sie gefeuert werden – fast doppelt so viele wie noch vor acht Jahren. Nur noch 15 Prozent halten sich für chancenlos.

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„Die Beschäftigten werden untreuer“, hat Nink beobachtet. Der Wettkampf um die Talentierten sei in vollem Gange. Bei 13 Prozent der Befragten hat seiner Umfrage zufolge im vergangenen Jahr ein Headhunter angerufen.

Fachkräftemangel und immer weniger Selbstständige

Auch wenn nach Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Beschäftigten ihren Brötchengebern zumindest bis 2012 noch recht treu waren – mit konstant durchschnittlich 11,2 Jahren im Betrieb – verweist die Gallup-Umfrage darauf, dass der Fachkräftemangel die Gewichte auf dem Arbeitsmarkt verschiebt.

„Wenn ich mir die Beschäftigungsentwicklung ansehe, dann beurteilten die Leute ihre Situation durchaus rational“, sagt Karl Brenke, der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Er verweist auch darauf, dass die Zahl der Selbstständigen sinke. Auch weil nun diejenigen eine Anstellung fänden, die sich früher in die Selbstständigkeit flüchteten, um nicht arbeitslos zu sein.

Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit beinahe einem Vierteljahrhundert nicht. 42,5 Millionen Menschen sind erwerbstätig, und die Unternehmen stellen weiter ein. Gefragt sind Ingenieure und Elektromechaniker, Ärzte, Altenpfleger und Erzieher – um nur einige zu nennen.

Mehr Geld für die Beschäftigten

In den Tarifabschlüssen schlägt sich das aus Brenkes Sicht bislang nicht sonderlich nieder, für den Ökonomen ist das aber nur eine Frage der Zeit. Bei den Tarifverhandlungen in der Chemieindustrie, dem Einzelhandel und dem öffentlichen Dienst in diesem Jahr seien durchaus mehr als drei Prozent mehr Geld für die Beschäftigten drin.

Doch nur mit Geld werden die Betriebe ihre Leute nicht halten. Das IAB rät in einem aktuellen Bericht auch zu guten Arbeitsbedingungen. Das hauseigene Institut der Bundesagentur für Arbeit fand heraus: „Ungünstige Arbeitsbedingungen wie häufiger Termindruck, körperliche Belastungen oder Schicht-/Nacht-/Wochenendarbeit gehen mit einem höheren Anteil schwieriger Stellenbesetzungsprozesse einher.“

Führungskräfte: Oft fehlen die Kompetenzen

„Der Kündigungsgrund Nummer eins ist die Führungskraft“, sagt Gallup-Mann Nink, dessen Unternehmen mit Führungskräfte-Schulungen Geld verdient. Trotz Verbesserungen würden noch immer zu oft die Falschen befördert: die, die ihr Fach gut beherrschen, oder die, die lange dabei sind – aber nicht die, die gut führen können. Zu viele Chefs knauserten mit Lob, interessierten sich zu wenig für die Arbeit ihrer Leute und bänden sie zu wenig ein.

69 Prozent der Befragten sind dennoch mit ihrem Chef zufrieden, 24 Prozent unentschlossen. Das Ergebnis ähnelt einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom vergangenen Jahr. Demnach waren 78 Prozent der Beschäftigten zufrieden mit ihrem Chef. Die meisten bescheinigten ihren Vorgesetzten Fairness und Verantwortungsbewusstsein.

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