Management Der Kaltstarter: Aus dem Hörsaal ins Chefbüro

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Robin Hellwinkel

Robin Hellwinkel© Henriette Jedicke

Die Serie "Junge Chefs" stellt Menschen vor, die früh den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben. Dieses Mal: Robin Hellwinkel, der nach dem Tod des Vaters von heute auf morgen den Familienbetrieb übernehmen musste und jetzt erfolgreich Back- und Grillgeräte für die Gastronomie produziert.

Was treibt junge Menschen an, das zu tun, was andere selbst im hohen Alter nicht wagen: den Schritt in die Selbstständigkeit? Schüler der Kölner Journalistenschule haben Unternehmer getroffen, die genauso alt sind, wie sie selbst. In der Serie “Junge Chefs” porträtieren sie eine neue Gründergeneration.

 

Robin Hellwinkel saß in einer Vorlesung im französischen Lille, als er vom Tod seines Vaters erfuhr. An einer Wirtschaftsschule wollte er den Master machen. So weit der Plan. Die Realität sah dann anders aus: Von einem auf den anderen Tag übernahm der damals 23-Jährige im Sommer 2013 die Geschäftsführung von Neumärker. Das Familienunternehmen im sauerländischen Hemer stellt Geräte für die Gastronomie her. Sohn Robin Hellwinkel sagt rückblickend: „Chancen sollte man annehmen. Schließlich sollte unsere Firma ein Familienunternehmen bleiben.“ Mit Geschäftsführern von außen hatte die Firma keine guten Erfahrungen gemacht.

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Robin Hellwinkels Ur-Urgroßvater hatte Neumärker 1894 gegründet. Er kaufte eine Eisengießerei in Hemer und stellte mit mehr als 1000 Mitarbeitern in mehren Ländern Europas Sargbeschläge her. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es jedoch bergab, Ende der 60er-Jahre drohte sogar der Bankrott. 1968 übernahm Robin Hellwinkels Vater und spezialisierte sich auf Gastronomiegeräte: Neben Waffeleisen sind das heute vor allem Crêpesgeräte, Currywurstschneider, Grills und Kühltheken, die in ganz Europa und im Nahen Osten verkauft werden.

„Ich habe mich unsicher gefühlt“

Robin Hellwinkels Bindung an die Firma ist eng. Als er klein war, sei sie sein Spielplatz gewesen, erzählt er. Andrea Hückelheim, seit 26 Jahren Buchhalterin bei Neumärker, kann sich daran gut erinnern: „Morgens vor dem Kindergarten ist er mit seinem Vater durch alle Räume gegangen und hat jedem einen guten Morgen gewünscht.“ Das macht er heute wieder so. Dabei sei es nicht leicht gewesen, plötzlich Chef zu sein, sagt Hellwinkel junior: Sein Vater sei ein starker Mann gewesen, ein Unternehmer vom alten Schlag. Es sei ihm schwer gefallen, etwas weiterzugeben. Robin Hellwinkel gibt zu: „Ich habe mich unsicher gefühlt.“

In der 5. Generation: Robin Hellwinkels Ur-Urgroßvater hatte Neumärker 1894 gegründet

In der 5. Generation: Robin Hellwinkels Ur-Urgroßvater hatte Neumärker 1894 gegründet© Unternehmen

Das Verhältnis zu seinen 35 Mitarbeitern vergleicht er mit dem zu seiner Familie. „Gegen ein Familienmitglied ist es manchmal schwer, sich durchzusetzen“, sagt der über 1,90 Meter große Mann, der im Büro Jeans und Sakko trägt und im Betrieb mit Abstand der Jüngste ist. „Man muss als Chef aber auch sagen können: Du machst das jetzt.“ Die unangenehmste Sache am Chefsein: einem Mitarbeiter zu kündigen. Genau wie er neue Arbeitskräfte eingestellt hat, hat er in seinem ersten Jahr als Chef auch schon Leute entlassen. „Das ist genauso wie Schlussmachen in einer Beziehung“, sagt er. Dafür gebe es weder den richtigen Zeitpunkt noch die richtigen Worte. „Das ist immer eine unangenehme Sache.“ Will Robin Hellwinkel, der ins Haus seines Vaters eingezogen ist, mal eine Auszeit von Firma und Verpflichtungen, dann trifft er sich am Wochenende in Düsseldorf mit alten Studienfreunden.

Zwischen Alt und Neu

Seine Geschäftspartner empfängt der Junior in einem Raum voll dunkler Eichenmöbel. Auf dem schweren Tisch und den stabilen Stühlen liegen grün-weiß gemusterte Decken und Kissen. Auf dem Fensterbänken und den Regalen stehen alte Bügel- und Waffeleisen. Ins Büro seines Vaters ist er aber nicht eingezogen, sondern hat sich für etwas Modernes entschieden, mit einer schicken Sitzgruppe und einem großen, aufgeräumten Schreibtisch. „Ich wollte mich nicht als Kopie meines Vaters sehen“, sagt er. Von hier aus kümmert sich Robin Hellwinkel um Vertrieb, Marketing, Produktgestaltung und Personalführung des 35-Mann-Betriebs.

Hellwinkel genießt seine neue Rolle, doch manchmal, sagt er offen, zweifle er an sich selbst. Ganz weg sind die Selbstzweifel, wenn er eine neue Idee hat, die die Firma voranbringt. Zum Beispiel die Waffel zum Befüllen. „Zwischen Ober- und Unterteil kann man so schöne Sachen reinmachen wie Marmelade, Grütze und Sahne“, schwärmt der junge Erfinder. „Innen voller Geschmack, außen bleiben die Hände sauber“, heißt das im Firmenkatalog. 725 Euro kostet ein solches Industrie-Eisen. Bei nur 50 verkauften Waffeln pro Tag, rechnet Hellwinkel vor, rentierten sich die Investitionskosten nach elf Tagen.

In Bewegung bleiben

Bald will er auf Geschäftsreise gehen, die Kontakte seines Vaters weiter pflegen. Spätestens, wenn seine Masterarbeit fertig ist. Sich abends zu motivieren, weiter an der Arbeit zu schreiben, fällt ihm schwer. Ganz fern von seinem Unternehmensalltag ist die Masterarbeit aber nicht: Es geht darin um neue Geschäftsmodelle rund um Waffeln; mehr will Hellwinkel nicht verraten. Zum Geldverdienen braucht er den Universitätsabschluss eigentlich nicht mehr, möchte ihn aber unbedingt. „Die Firma ist eine Sache, die mein Vater mir ermöglicht hat; jetzt möchte ich auch mein Studium vernünftig zu Ende bringen“, sagt er und schaut sich auf dem etwas in die Jahre gekommenen Betriebshof um. In der nächsten Zeit muss hier einiges getan werden. Er sei stolz auf das, was seine Vorfahren in die Wege geleitet haben. Sich auf dieser Tradition auszuruhen, sei aber gefährlich. „Wir müssen darauf aufbauen und in die Zukunft blicken.“

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