Management Der Pädagoge: Ihr schafft das schon!

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Armin Steuernagel

Armin Steuernagel

Die Serie "Junge Chefs" stellt Menschen vor, die früh den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben. Dieses Mal: Armin Steuernagel, der mit 24 bereits zwei Firmen gegründet hat. Statt am Chefsessel zu kleben, will er sich überflüssig machen.

Was treibt junge Menschen an, das zu tun, was andere selbst im hohen Alter nicht wagen: den Schritt in die Selbstständigkeit? Schüler der Kölner Journalistenschule haben Unternehmer getroffen, die genauso alt sind, wie sie selbst. In der Serie „Junge Chefs“ porträtieren sie eine neue Gründergeneration.

 

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Seine ersten Kataloge malt Armin Steuernagel mit Buntstiften: Mandeln in Schokolade, Mozartkugeln und Mocca-Sahne-Trüffel. Dann kopiert und tackert er alles zusammen und klingelt bei den Nachbarn am Stadtrand von Hannover. Hat er sich wieder einen Auftrag erschwatzt, trommelt er Neffen, Nichten und Geschwister zum Pralinengießen zusammen. Bloß die Schweinerei in Mutters Küche bekommt der 12-jährige Chef-Chocolatier nicht in den Griff.

Inzwischen ist er 24, zweifacher Unternehmensgründer mit rund 30 Mitarbeitern und mehr als drei Millionen Umsatz. Er hat Kunden in 24 Ländern, darunter China, Australien und Südafrika. Er verkauft Müsliriegel, Apfelringe und Fruchtsäfte und nahezu alles, was Kinder für die Schule brauchen.

Als Kind hat er oft den Diskussionen seiner Eltern gelauscht. Die beiden Mediziner seien immer zu dem Schluss gekommen, dass die Wirtschaft einfach zu mächtig sei, sagt Steuernagel. Viel zu selten gehe es darum, was für den einzelnen Menschen wirklich gut sei. Was die Eltern so bedrückte, wollte der Sohn besser machen.

Es geht auch anders

Vor zwei Jahren hat er mit seinem zehn Jahre älteren Geschäftspartner Emanuel Schmock die Damia GmbH mit Sitz in Berlin gegründet. Von gesunder Ernährung über pädagogisches Spielzeug bis zu Naturerlebnisparks soll das Angebot mal reichen. Der erste Schritt ist Mogli, eine Marke für Kinder-Bio-Lebensmittel. „Bis ein Kind drei Jahre alt ist, kauft zwar jede zweite Mutter Bioprodukte, aber danach kriegen sie fast nur noch Müll“, sagt Steuernagel. „Ab diesem Alter quengeln die Kinder nämlich, bis die Eltern die bunteste Packung nehmen.“ Und da steckt häufig Chemie drin.

Steuernagel und Partner Schmock brachten bunt und gesund zusammen: Sie sicherten sich die Markenrechte an dem Namen des Dschungelbuchhelden Mogli – und seitdem laufen Müslis, Smoothies, getrocknetes Obst, Nudeln und Säfte ohne Farbstoffe, künstliche Aromen und Kristallzucker tierisch gut. Ob Steuernagel ein Produkt ins Sortiment nimmt, entscheidet eine Kinderjury.

Vorbild sein und Alternativen aufzeigen, das ist Steuernagels Devise. Sicher alternativ ist, dass seine Mitarbeiter das verdienen, was sie brauchen und eine alleinerziehende Mutter mehr als ein 27-jähriger Uni-Absolvent bekommt. Alternativ ist auch der Stil: „Armin erwartet nicht, dass man sich unterordnet“, sagt Lukas Schmock, der seit anderthalb Jahren für Steuernagel arbeitet und dabei freie Hand hat. „Deshalb steht jeder von uns in einer unternehmerischen Position und Armin trägt unsere Entscheidung mit.“ Steuernagels Credo: „Wir können die Welt nur mit selbstbewussten Menschen ändern.“

Zentrallager im Kinderzimmer

Zu seinem eigenen Selbstbewusstsein hat sicher seine Zeit auf der Waldorfschule Hannover-Bothfeld beigetragen, an der er mit 15 Jahren eine Marktlücke entdeckt. Im Eurythmieunterricht dort tragen die Kinder Gymnastikschuhe und seidene Kleider, die man fast nirgendwo kaufen kann. Ständig müssen die Eltern nähen und ausbessern – und nicht nur Familie Steuernagel hat dazu eigentlich keine Zeit.

„Ich hab‘ dann Briefe mit Schnittmustern verschickt. Vor allem nach Ostdeutschland, weil ich gehört hatte, dass da billiger produziert wird“, erzählt Steuernagel und lacht. Er findet Partner. Einer davon ist eine Lohnkonfektion in Tschechien. Weil es in der Pubertät jedoch selbst an einer Waldorfschule nicht besonders angesagt ist, sein Taschengeld in Seidentücher zu investieren, hält er seine Aktivitäten zunächst geheim.

Der Laden läuft, aber die Eurythmiekleider nerven ihn bald. „Ständig hatte eine Schule Extrawünsche, wollte den Saum so und den Kragen anders“, erzählt er. Mit den Schuhen hat er mehr Spaß. Er besorgt auch Wachsmalkreide, Flöten, schließlich das ganze Schulsortiment und nennt sich Waldorfshop. Sein Kinderzimmer wird zum Warenlager. „Irgendwann“, sagt Steuernagel, „habe ich in der Abstellkammer übernachtet.“

Steuernagel sägt am eigenen Stuhl

Er braucht Mitarbeiter, die ersten sind Mitschüler. Schließlich inseriert er in der Schulzeitung einen 400-Euro-Job und lässt drei Mütter zur Probe arbeiten. Eine davon räumt dabei ungefragt sein Kinderzimmer-Warenlager auf. Die stellt er ein und gibt ihr den Wohnungsschlüssel.

Seiner Mutter ist das nicht geheuer. Trotzdem erklären die Eltern vor dem Vormundschaftsgericht, dass ihr minderjähriger Sohn ein Unternehmen führen darf. Zigaretten, Alkohol und Drogen rührt er nicht an, jongliert dafür mit Zahlen und macht Geschäftsreisen ins Ausland. Das Zentralabitur absolviert er mit Bestnoten.

Einen Studiengang, der alles beinhaltet, was er lernen möchte, findet er nicht. Er puzzelt sich seinen Lehrplan selbst zusammen und schließt seinen Bachelor schließlich an den Universitäten Witten/Herdecke und Oxford in Politik, Philosophie und Ökonomik ab. Zusätzlich studiert er ein bisschen Jura in Bochum, macht Praktika im Europaparlament in Brüssel und arbeitet für Democracy International in Köln und Berlin.

Jetzt will der 24-Jährige auf Lernreise gehen. Vor allem das Thema Self-Governance fasziniert ihn – die Möglichkeit, ein Unternehmen ohne Chef und Hierarchien zu führen. Armin Steuernagel geht es nicht um Geld, Macht oder Prestige. Er will etwas unternehmen.

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