• Die Arbeitswelt wird flexibler – was macht das mit den Menschen?

    Ingrid Hofmann ist geschäftsführende Gesellschafterin des Zeitarbeitsunternehmens I. K. Hofmann und fragt: "Wie reagieren Menschen darauf, dass die Arbeitswelt immer flexibler wird?"

    Erzwungene Flexibilität schreckt die meisten ab!

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    Der Mensch braucht Abwechslung. Flexibilität macht ihn nicht grundsätzlich krank oder schadet ihm. Viele Menschen befürworten auch im Berufsleben ein gewisses Maß an Flexibilität. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens möchten Arbeitnehmer der Monotonie entkommen. Nichts ist schrecklicher, als jeden Tag das Gleiche machen zu müssen! Zweitens wollen sich Menschen ausprobieren. Sie wollen ihre natürliche Neugier ausleben. Grundsätzlich kann Arbeit zeitlich und inhaltlich flexibel sein. Zeitlich sind flexible Arbeitszeiten wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Work-Life-Balance. Inhaltliche Flexibilisierung wird auch in der Forschung meist positiv gesehen. Ein Beispiel dafür ist Jobrotation. Viele Menschen finden es gut, dass sie gelegentlich andere Bereiche in ihrem Unternehmen kennenlernen und Neues ausprobieren können, um Einseitigkeit zu verhindern. Andere fühlen sich dagegen unwohl, wenn sie aus ihrer gewohnten Arbeitsum­gebung gerissen werden.

    Grundsätzlich können Unternehmen solche Wechsel verlangen, darin liegt auch das Hauptproblem und die häufigste Ursache für Unzufriedenheit. Der entscheidende Punkt ist, dass wir selbst die Kontrolle behalten wollen. Wird uns Flexibilität aufgezwungen, dann lehnen viele Menschen dies ab. Sie haben dann das Gefühl, dass sich ihre Arbeit verdichtet, und fühlen sich zusätzlich belastet. Das erscheint ihnen als nicht mehr zumutbar. Zwar haben die meisten mit terminiertem Bereitschaftsdienst kein Problem, aber Erreichbarkeit sollte kein Dauerzustand sein. Auch Manager dürfen ihr Handy einfach mal ausschalten.

    Prof. Dr. Manfred Bornewasser, Lehrstuhl für Sozialpsychologie, Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Greifswald

    Flexibilität muss vernünftig begründet werden!

    Die Arbeitswelt vieler Menschen hat sich stark gewandelt – für die meisten aber nicht zum Positiven. Wir haben für das Buchprojekt “Ein halbes Leben” rund 50 Menschen porträtiert, die seit mehr als 20 Jahren in ihrem Beruf arbeiten. Das Kaleidoskop aus Erfahrungen vom Chefarzt bis zur Putzfrau ergab: Von fast allen wird eine höhere Flexibilität erwartet. Aus soziologischer Sicht ist eine starke Flexibilisierung der Arbeit kritisch zu sehen. Menschen entwickeln Routinen, einen festen Habitus in ihrer Arbeit. Werden diese Gewohnheiten wiederholt von außen verändert, reißt das die Menschen aus ihrem Rhythmus. Die Arbeit läuft nicht mehr so geschmeidig ab und dauert länger. Der Arbeitnehmer gerät unter Zeitdruck und ist gestresst. Wenn die Reformen zudem vorher nicht mit ihm diskutiert wurden und für ihn nicht nachvollziehbar sind, dann steigt der Frust immens.

    Zeit ist ein wichtiger Faktor, wenn man die Flexibilisierung von Arbeit betrachtet. Eine Verkäuferin berichtete uns, dass sie immer öfter auf Abruf arbeiten müsse. Ihr Chef rufe sie regelmäßig an und bitte sie darum, kurzfristig einzuspringen. Ein Nein kommt dabei für sie nicht infrage. Die Angst vor Arbeitslosigkeit lässt ein Ablehnen kaum zu. Viele Menschen sind nicht glücklich mit dieser zeitlichen Flexibilisierung ihrer Arbeit. Das kommt in den oberen Hierarchiestufen aber oft nicht an, weil die Kommunikation über anstehende Veränderungen häufig mangelhaft ist.

    Ein weiteres Beispiel: Ein Postbote arbeitet seit rund 30 Jahren immer auf einer festen Route. Wenn ihm eine neue Route zugeteilt wird, dann kennt er dort nach einiger Zeit alle Adressen, die Arbeit geht schnell und unkompliziert. Plötzlich verändert sein Arbeitgeber das System und setzt ihn auf vier bis fünf Routen ein, je nach Bedarf. Er kann sich nicht an Abläufe gewöhnen, sondern soll flexibel auf neue Situationen reagieren. Der Postbote ist zwar viel flexibler, aber unmotiviert. Es ist wichtig, dass solche einschneidenden Veränderungen vorsichtig umgesetzt werden. Die Kommunikation zwischen den Hierarchiestufen ist in vielen Fällen schlecht. Das hat zur Folge, dass Arbeitnehmer die Veränderungen nur widerwillig akzeptieren und den Sinn dahinter nicht verstehen.

    Prof. Dr. Franz Schultheis ist Ordinarius für Soziologie an der Universität St. Gallen. Er habilitierte bei Pierre Bourdieu

    Im besten Fall machen Sie es wie am Flughafen!

    Wir haben uns intensiv mit der technischen Flexibilisierung von Arbeit beschäftigt. Die Anforderungen an Flexibilität sind stetig gestiegen. Nach der Krise, als Unternehmen schnell und flexibel zunächst auf wegbrechende und dann auf wieder eintreffende Aufträge reagieren mussten, hat sich das besonders stark gezeigt. Hier waren flexibel einsetzbare Mitarbeiter ein zentraler Schlüssel, um Qualität zu halten. Stellschrauben für einen flexiblen Einsatz sind zum Beispiel die Arbeits- oder Anwesenheitszeiten von Mitarbeitern. Um Schwankungen in der Auftragslage ausgleichen zu können, sollten Unternehmen weg von starren Arbeitszeiten gehen. Nicht alle Mitarbeiter machen das ohne Murren mit. Ein Inter-essenausgleich ist zwingend notwendig. Das kann zum Beispiel Geld sein, bei jüngeren Arbeitnehmern wäre das ein guter Anreiz. Ältere Mitarbeiter wünschen sich dagegen oft lieber Ausgleichszeit.

    Ein interessantes Beispiel für perfekte Arbeitsorganisation sind Flughäfen. Dort gibt es irrsinnig hohe Schwankungen, aber dank guter Organisation läuft meist alles reibungslos. Da spielt vor allem der geschickte Einsatz von Software eine wichtige Rolle. Mitarbeiter sind mit Mobile-Devices ausgestattet, immer erreichbar und somit flexibel einsetzbar. Ihr Einsatz kann je nach Bedarf gesteuert werden.

    Auch bei der Büroarbeit ist Flexibilität in vielen Fällen zwingend notwendig. Das “Arbeiten in Einzelhaft” ist nicht sehr kommunikativ und auch nicht sehr beliebt. Teamarbeit benötigt eine kommunikationsförderliche Umgebung. Das schätzen auch die meisten Mitarbeiter. Aber sie sollten nicht dazu gezwungen sein. Jeder sollte die Möglichkeit zum Rückzug haben, um dort gelegentlich in Ruhe konzentriert arbeiten zu können. In einigen Fällen sind aber nonterritoriale Büros sinnvoll. Dort habe ich keinen festen Arbeitsplatz, sondern entscheide jeden Tag neu, wo ich arbeite. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Man muss die passende Infrastruktur dafür schaffen und die Mitarbeiter daran gewöhnen. Alles andere führt zu Unmut und Chaos. Nicht für alle Unternehmen ist das praktikabel. Aber da man nie weiß, wie die Arbeitswelt sich in Zukunft verändern wird, sollte man früh genug die baulichen Voraussetzungen schaffen.

    Prof. Dr. Dieter Spath leitet das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart

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