Management Die Kunst der Einfachheit

Technologie soll das Leben erleichtern. Tatsächlich ist sie oft verwirrend und unbeherrschbar - weil die Hersteller ihre eigenen Prozesse nicht in den Griff kriegen.

Sie kommen kaum hinterher, nie waren sie so ausgelastet. „Wir können gar nicht alle Aufträge annehmen“, sagt Tom Schönherr, 56. Er muss lauter sprechen, um den Bohrmaschinenlärm zu übertönen. Er baut gerade an, schafft Raum für die neuen Büros. Um all die zusätzlichen Mitarbeiter unterzubringen. Die Unternehmen rennen ihm die Bude ein: Bosch, Duravit, Hansgrohe, Siemens, Loewe, Viessmann, Vorwerk, von den Asiaten gar nicht erst zu reden. Sie alle leiden an einer grassierenden Krankheit: der Komplexität. Linderung erhoffen sie sich von Schönherr, dem Gründer von Phoenix Design, der zwischen Stuttgart und Tokio pendelt. Er soll alles vereinfachen. So „wie bei Apple“. Das hat er ja schließlich gelernt, damals im Schwarzwald, als er den „Apple IIc“ mitentwickelte, den ersten tragbaren Macintosh-Rechner.

Steve Jobs im Schwarzwald

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In den 80er-Jahren war das, und Schönherr arbeitete noch als Angestellter in Altensteig, bei Frog Design. Die deutsche Designfirma, die heute im Silicon Valley residiert, hatte sich damals schon einen Namen gemacht. Und so reiste Steve Jobs in das 11?000-Einwohner-Städtchen. Eine Woche lang erlebte Schönherr, was Kompromisslosigkeit bedeutet. „Steve haute alles vom Tisch, was zu kompliziert war.“

Heute treibt der cholerische Apple-Chef nicht nur die eigenen Entwickler, sondern ganze Industrien vor sich her. Plötzlich werden auch Maschinen- und Anlagenbauer von ihren Kunden gefragt, ob die Bedienung nicht „so einfach wie beim iPhone“ sein könne. Produkte sollen intuitiv verstanden werden – nicht nur von Ingenieuren oder Technikfans, sondern von jedermann. „Die Industrie legt gerade eine steile Lernkurve hin“, sagt Schönherr. „Sie wacht auf.“ Und stellt sich um. Einfache Bedienbarkeit wird zur Priorität.

Nichts schwieriger als das. Früher gab es einen Ein-/Aus-Schalter. Heute gibt es eine Flut von Funktionen. Die machen Bedienungsanleitungen so dick wie die Bibel. Seit die Menschheit an der Programmierung der ersten Videorekorder verzweifelte, ist es nicht besser geworden: Der Blu-ray-Rekorder zu Hause, das Smartphone in der Tasche, die neue Software im Büro, der Check-in-Automat am Airport – das Scheitern am Gerät ist Alltag. Fernseher sind mit dem World Wide Web verbunden und bestellen notfalls auch Pizza. Aber um die Senderreihenfolge zu ändern, muss man ein Menü-Labyrinth durchwandern.

Am schlimmsten ist es bei der Arbeit – als sei es Gesetz, dass Betriebssoftware grundsätzlich gegen alle Regeln der einfachen Bedienbarkeit verstoßen müsse. In Firmenzentralen und Fabriken gilt: Man kann sich die Technik weder aussuchen noch genervt abschalten. Da muss man durch. Für den Frust gibt es schon ein Fachwort: „Feature Fatigue“. Die Konsumenten ermüden. Zwei Drittel legen mehr Wert auf eine einfache Bedienung als auf die neuesten technischen Extras, ermittelte eine McKinsey-Studie. Puristische Produkte erleben ein Comeback, das Tivoli-Radio etwa, das ohne unnötige Knöpfe und Schalter auskommt, oder die analoge Armbanduhr, die auf Bluetooth verzichtet.

Die meisten Käufer aber wollen beides: modernste Technologie und einfache Bedienbarkeit, siehe Apple. Die Messlatte liegt hoch – gerade in Deutschland, dem Land der detailverliebten Ingenieure.

Bei Viessmann aus Allendorf in Hessen haben sie die Herausforderung angenommen. Die 9400 Mitarbeiter des Familienunternehmens bauen Hightech-Dampfkessel, erwirtschaften so 1,7 Mrd. Euro Umsatz im Jahr. Das Innere der Kessel ist komplex, ebenso die Steuerung. Jede neue Generation an Geräten konnte mehr. Mit der Zeit ging die Übersicht verloren. Manfred Dorn – bei Phoenix Design zuständig für Displays, für Interface-Design – nahm sich der Sache an. Ein Touchscreen an sich ist für die Viessmann-Kessel nichts Neues. „Doch der war selbst für Fachleute zu technisch angelegt“, erzählt Dorn. Er wechselte die Perspektive: Nicht an das denken, was technisch möglich ist, sondern an das, was wirklich gebraucht wird. Was banal klingt, war tatsächlich ein Kraftakt, weil es jeden einzelnen Entwicklungsschritt betraf. Jetzt lassen sich selbst die großen Industriekessel weitgehend ohne Handbuch bedienen. Das fordern die Kunden von Viessmann. Denn eine einfache Bedienung senkt nicht nur die Kosten für die Ausbildung, sondern auch die Fehlerquote. Viessmann bringt die Neuerung noch in diesem Jahr auf den Markt.

Mikrochips: Meister des Immer-mehr

Die digitale Vernetzung hat die ohnehin komplexe Technik noch komplexer gemacht. Verantwortlich sind die Mikrochips, die Meister des Immer-mehr. „Bevor sie immer besser wurden, war die Welt noch verständlich: Kleine Dinge waren einfach, große Dinge mitunter komplexer“, erklärt John Maeda, der Präsident der Rhode Island School of Design (RISD). Er erforscht das Thema auch am Massachusetts Institute of Technology (MIT). „Heute können kleine Dinge wahnsinnig komplex sein.“

Umso wichtiger ist es, auch mal etwas wegzulassen. Barnes & Noble hat für diese Erfahrung zunächst viel Lehrgeld bezahlt. Die kriselnde US-Buchhandelskette forderte mit einem eigenen Lesegerät für elektronische Bücher den übermächtigen Rivalen Amazon heraus. Das „Nook“ hatte zwei verschiedene, übereinandergelagerte Displays, eines davon farbig, zig Tasten, Dutzende Optionen. Das Gerät floppte. Viel zu komplex. Eine Diät musste her. Die neue Version des Nook ist radikal reduziert – aufs Lesen. Schwarz-Weiß statt Farbe, nur ein Display, ein einziger Schalter. Der Effekt: Der Nutzer wird beim Lesen durch nichts abgelenkt. Das katapultierte den E-Reader im Juni zum ersten Mal überhaupt an die Spitze eines Vergleichstests von „Consumer Reports“, der amerikanischen Stiftung Warentest. Ein Sieg gegen Amazon. Und ein Sieg der Einfachheit. Das börsennotierte Familienunternehmen kann nun auf ein Comeback hoffen: Die Umsätze klettern, der Marktanteil steigt, der Aktienkurs verdoppelte sich seit dem Frühjahr.

Die Formel „Erfolg dank weniger Gimmicks“ wirkt. Netbooks etwa leisten zwar weniger als größere Laptops. Um im Internet zu surfen und Dokumente zu bearbeiten, reicht es aber.

Außerdem sind sie kleiner, leichter – in bestimmten Situationen also praktischer als ihre überfrachteten Brüder. Als sie auf den Markt kamen, war die Nachfrage so hoch, dass die Hersteller anfangs mit Lieferproblemen kämpften. Dabei waren die Geräte zunächst von einer gemeinnützigen Initiative als robuste Laptops für Schüler in Afrika entwickelt worden, der kommerzielle Durchbruch bei den Konsumenten in der ersten Welt überraschte die Branche.

Heute entwerfen immer mehr Unternehmen gezielt solche „Weniger ist mehr“-Produkte. Dafür analysieren sie genau die Bedürfnisse ihrer Kunden. Bei Mika Amaro lauten diese: von A nach B radeln. Der Kölner Fahrradhersteller sorgt dafür, dass seine Kunden immer als Erste von der Ampel wegkommen. Indem er sie von zu viel Technik befreit. „Die meisten Radfahrer in der Stadt brauchen keine Gangschaltung, sie nutzen sie auch kaum“, erklärt Gründer Michael Nagler. „Sie schleppen aber dieses Gewicht bei jeder Fahrt mit.“ Naglers Fahrräder haben weder eine komplizierte 28-Gang-Kettenschaltung noch eine schwere Federung. Wegen des Verzichts auf Technik wiegt das Ein-Gang-Rad weniger als zehn Kilo.

Die Reduktion macht es für die Zielgruppe, Stadtmenschen, besser: Das Rad fährt sich leichter, schneller, geht seltener kaputt. Und es passt gut zum neuen Lebensgefühl, findet Nagler: „Es ist ein nachhaltiges Produkt“, sagt der 33-Jährige. Weniger Material schont die Umwelt, spart bei der Herstellung Energie. Und was länger hält, muss erst später ersetzt werden. Wenn Nagler aus dem Bürofenster in einen dieser typischen Kölner Hinterhöfe schaut, dann sieht er den Unterschied: Die Räder, die dort unten stehen, sehen neben seinen eigenen Produkten aus wie aus einer anderen Zeit. Der Zeit des Zuviel.

Wie sich ein Gerät im Alltag schlägt, hat früher bei der Kaufentscheidung keine große Rolle gespielt. Heute kann es jeder nachlesen: In unzähligen Internetforen lassen Käufer Frust ab – und setzen die Unternehmen damit unter Druck. Herstellern bleibt keine andere Wahl. Sie müssen sich ändern.

Die neue Einfachheit ist für ihre Verfechter kein Schritt zurück, kein Retrokitsch. Im Gegenteil: Es geht um eine einfache Verpackung für hochkomplexe Technologien. Nur die Anregungen dafür holen sich die Entwickler aus der Zeit, als die Technologie eben noch nicht so komplex war. Der Chefdesigner von Apple, Jonathan Ive, schwört zum Beispiel auf die Gestaltungsprinzipien seines deutschen Vorbilds Dieter Rams. Der heute 79-Jährige prägte fast vier Jahrzehnte lang die Produkte von Braun. Sie stehen noch heute in vielen Haushalten, sind oft Teil der Kindheitserinnerung: der schwarze „AB“-Wecker, die bunten „KF- 20“-Kaffeemaschinen oder der berühmte Braun-Taschenrechner: Die Gestaltung der Tastatur fand sich später eins-zu-eins in der Rechenfunktion des ersten iPhone wieder. „Gutes Design macht ein Produkt brauchbar“, predigte Rams stets. So entstanden Alltagsgegenstände, die nur eine Funktion erfüllten – die aber perfekt.

„Wenn Funktionen miteinander kombiniert werden“, sagt Markus Neubauer, „geht alles ein bisschen und nichts richtig gut.“ Er leitet in Marktoberdorf in Bayern die Produktentwicklung bei Rösle, dem Hersteller teurer Küchenwerkzeuge. Ob schälen, reiben, hobeln, schneiden, sieben, rühren oder schöpfen – Neubauer stimmt jedes Produkt auf einen einzigen Einsatzzweck ab. Zwei Jahre dauert es, bis alles passt. „Manche Trends gehen dadurch an uns vorbei, das muss man in Kauf nehmen.“ Zwar haben seine Leute auch schon mit Multifunktionsgeräten experimentiert. Am Ende enttäuschte aber das Ergebnis. „Das hätte unsere Marke beschädigt.“

Chefsache Einfachheit

Was Mika Amaro, Rösle oder Viessmann mit völlig unterschiedlichen Produkten schaffen, daran scheitern die meisten Unternehmen: eine hohe Kundenzufriedenheit dank klarer Funktionalität und einfacher Bedienung. Der Grund: „Klassische Produktentwicklung stößt an seine Grenzen“, sagt Jasper van Kuijk von der Delft University of Technology. Er erforscht das weite Feld der sogenannten Usability, der Bedienbarkeit von Produkten. „Wenn Usability nicht in die DNA einer Firma eingepflanzt wird, bleibt sie nur ein Modewort.“

Der Strategiewechsel, das zeigen die Vorreiter, muss von oben erfolgen. Nur dann greift der Steve-Jobs-Effekt: Wenn einer an der Spitze das Sagen hat, kann er faule Kompromisse kassieren und Vereinfachungen durchsetzen. Der Umbruch ist anstrengend, es gibt viele Faktoren, die ein Endprodukt beeinflussen: Designer müssen sich von Usability-Experten reinreden lassen. Ingenieure können nicht alles umsetzen, was technisch machbar ist. Prozesse und Strukturen müssen geändert, Ressourcen anders verteilt werden. In Familienunternehmen geht das oft schneller als in Konzernen. „Wenn sich die Spitze der Einfachheit verpflichtet, ist der erste Schritt getan“, sagt Frank Maager. Der Industriedesigner aus der Nähe von Freiburg begleitet große Mittelständler bei solchen Revolutionen. „Einfachheit muss Chefsache sein.“

Bernd Forstreuter hat das verstanden. „Einfache Bedienung hebt uns von den größeren Konkurrenten ab“, sagt der Geschäftsführer von Heldele. Das Familienunternehmen aus der Nähe von Ulm hat ein komplexes Spezialgebiet: Elektrokommunikationstechnik. Gerade neue Technologien müssen einfach zu bedienen sein. „Sonst droht ihnen ein schnelles Scheitern.“ Wenn sich Elektroautos durchsetzen sollen, braucht es zum Beispiel leicht bedienbare Zapfsäulen für Strom. Rund 30 Systeme sind zurzeit auf dem Markt. „Mit denen schaffen Sie keine Akzeptanz für die Neuheit, weil sie schlicht zu umständlich sind“, sagt Forstreuter – und hofft auf seine Chance. Seit zwei Jahren tüfteln seine Entwickler an einer eigenen Stromtankstelle. Im Oktober soll es erste Ergebnisse geben.

Dafür arbeiten bei Heldele alle Hand in Hand. „Einfache Produkte erfordern einfache Strukturen“, hat Wissenschaftler van Kuijk in erfolgreichen Unternehmen beobachtet. „Bislang wurschteln in vielen Firmen alle Abteilungen allein vor sich hin.“ Es gibt Ingenieure, Designer, Programmierer, Controller, Marketingleute. Jeder stellt spezielle Anforderungen an das Produkt. Designer hätten es gern hübsch, Controller drücken auf die Kosten. Beides kann das Produkt ruinieren. Was fehlt, ist jemand, der die Sicht des Nutzers einnimmt. „Die Frage ist, welche Instanz all das Know-how filtern und in ein klares Produkt überführen kann. Wer nimmt die Perspektive des Kunden ein? Wer ist für die Verständlichkeit zuständig?“, sagt van Kuijk.

Immer öfter gibt es Usability-Beauftragte oder eine Art Chief Simplicity Officer, das kann helfen. Besser ist es, wenn die gesamte Produktentwicklung neu organisiert wird. „Die Kommunikation zwischen den Teams ist oft viel zu komplex: Powerpoint-Präsentationen oder E-Mails sind zu formell, langsam und umständlich“, sagt van Kuijk. Er empfiehlt, Designer, Ingenieure, Marketingleute und Usability-Experten auf einem Flur unterzubringen. Sonst verkomme Usability zum lästigen Anhängsel.

Pingpong mit Produktideen

Um das zu verhindern, spielen sie bei Navigon in Würzburg Pingpong. So nennt Mathias Mühlfelder den Prozess, der beim Hersteller von Navigationsgeräten regelmäßig zum Gewinn von Usability-Preisen führt. Pingpong heißt:

Sie testen, testen, testen, jede neue Idee, jede Veränderung in der Menüführung. „Das Gerät einigen Leuten in die Hand drücken. Beobachten. Was tun sie? Wie tun sie es? Feedback direkt umsetzen. Dann von vorn“, beschreibt Mühlfelder, der die Softwareentwicklung leitet, den Ablauf. Alle zwei Wochen gibt es solche Tests in der Entwicklungsphase. „Auch wer das Gerät zum ersten Mal anschaltet, soll sich gleich zurechtfinden“, sagt Mühlfelder über die neue Generation Navigationsgeräte. Auf der Internationalen Funkausstellung im September in Berlin wird sie vorgestellt. Zugleich ist es eine Art Mitgift an Garmin, den großen US-Rivalen, der die Deutschen gerade aufkauft.

Einfach ist einfach besser
Elf Regeln für Produkte, die perfekt funktionieren und intuitiv zu bedienen sind
1 Nicht auf die Ingenieure hören … Sie sind so stolz, die Tüftler. So viele Funktionen auf so kleinem Raum! Was technisch alles machbar ist! Blöd nur, wenn außer den Freaks keiner die Funktionsflut beherrschen kann. Nur kurzfristig kommt man damit durch, auf lange Sicht aber droht der Bumerang-Effekt: Wenn die Käufer im Alltag mit der Bedienbarkeit unzufrieden sind, greifen sie beim nächsten Mal zu einer anderen Marke.
2 … oder auf die Designer Sie sehen sich gern als Künstler. Sie wissen doch selbst am besten, was gut für die Leute ist. Die Form sollte aber der Funktion folgen. Nicht umgekehrt.
3 Mal im Handbuch nachschlagen Eigentlich ist alles klar. Die ISO-Norm 20.282 zum Beispiel regelt die Gestaltung von „leicht bedienbaren Alltagsprodukten“. Da steht drin, was es bei der Entwicklung zu beachten gilt. Gibt es auch für IT-Spezialfälle, siehe ISO 9241.
4 Ein bisschen Mitgefühl, bitte Der Kunde ist König, heißt es. Es heißt nicht: Der Kunde liest gern Bedienungsanleitungen, der Kunde verirrt sich gern in Menü-Labyrinthen, der Kunde hat ein IT-Studium hinter sich. Manchmal ist der Kunde auch kurzsichtig oder müde oder faul. Bei der Entwicklung bitte daran denken. Der Kunde ist ja der König.
5 Genug ist genug. Wirklich Die wahren Bedürfnisse der Nutzer zu verstehen ist der Schlüssel zum perfekten Produkt. Es gilt, wie so oft im Leben, die 80/20-Faustregel: 80 Prozent der Leute nutzen nur 20 Prozent der Funktionen ihrer Geräte. Alles andere erhöht nur die Störanfälligkeit und steht im Weg. Weniger ist dann mehr. Man muss sich allerdings für die richtigen 20 Prozent entscheiden. Dabei helfen Tests in frühen Entwicklungsphasen.
6 Helfer ranlassen Intern rangeln viele Interessen miteinander: der Vertrieb, der alle sechs Monate eine neue Version auf den Markt bringen will; der Vorstand, der die Kosten trotzdem senken will. Da braucht es dringend jemanden, der an die Nutzer denkt. Und selbst wenn es eigene Usability-Experten im Haus gibt: Der Blick von außen schadet nie.
7 Nicht jede Sau durchs Dorf jagen Ein neuer Chef ist manchmal das Schlimmste, was einem Produkt passieren kann. Der Neue will seine eigene Duftmarke setzen, Spuren hinterlassen, bevor er weiterzieht – schwups, gibt es neue Extras. Die sehen auf Powerpoint-Präsentationen gut aus, verwässern aber die wahren Stärken.
8 Extrawürste extra braten Ob Produkte oder Dienstleistungen: Die meisten Leute nutzen stets die gleichen Funktionen. Das sind die wichtigsten. Alles andere hat Prioritätsstufe 2 b, höchstens. Spezialfunktionen, für Technikfans etwa, wandern schön alle in den Expertenmodus. Da stehen sie den anderen nicht im Weg.
9 Mal in der Firma aufräumen Je mehr Abteilungen mitreden, desto mehr Sonderwünsche entstehen. Dann gibt es Kompromisse. Das Organigramm übersichtlich halten – weniger Abteilungen, kürzere Wege, keine Kompromisse. Einfache Strukturen = einfache Produkte.
10 Reduzieren und weglassen Je mehr ein Produkt theoretisch kann, desto größer ist die Fehlerquote, desto länger werden die Menüs, desto weniger Leute können damit umgehen. „Es geht nicht um Verzicht oder Purismus“, sagt der Buchautor Michael Hartschen. „Es geht um die Konzentration auf den Produktkern.“ Eine Sache richtig gut machen, das ist es.
11 Auf Steve Jobs machen! Intensive Marktforschung und Usability-Tests sind wichtig, ja. Trotzdem braucht es einen, der eine Vision hat. Der Kompromisse vom Tisch fegt; auch kurz vor Schluss noch mal neu anfängt. Der auch mal den Mut hat, den Kunden etwas ganz Neues vorzusetzen. Der lange Entwicklungszeiten und hohe Kosten akzeptiert, um ein perfektes Produkt zu erschaffen.

Das Pingpong-Prinzip löst bei Herstellern technisch komplexer Geräte zunehmend das Wasserfallprinzip ab. Dabei wird erst alles fertig entwickelt. Kurz vor Verkaufsstart gibt es einen Test, bei dem die Probanden mit allen Neuerungen auf einmal konfrontiert werden. Zeit für Änderungen bleibt dann aber kaum. „Viele Entwicklungschefs fangen mit dem Testen zu spät an. Sie bauen erst einen Prototyp, wenn sie meinen, am Ziel zu sein“, sagt Leif Huff. Er leitet die deutsche Dependance der internationalen Innovationsberatung Ideo, deren Psychologen, Designer und Ingenieure weltweit Unternehmen in Usability-Fragen unterstützen. „Mit Pappe, Papier und Styropor kann man viel machen“, findet Huff. Das ist billig und erfüllt oft seinen Zweck, wenn es um die Ergonomie von Produkten geht. So ist die Hürde, alles umzuwerfen, niedriger, als wenn 100?000 Euro in ein Versuchsobjekt gesteckt wurden.

Probanden unter Beobachtung

Rund um diese Tests entsteht in Deutschland gerade eine schnell wachsende Branche. In Hamburg hat sich die SirValUse-Gruppe mit einem Umsatzwachstum von 70 Prozent in drei Jahren und 130 Mitarbeitern zu einem der größten Anbieter in Europa entwickelt. In Süddeutschland boomt User Interface Design; aus anfangs vier Mitarbeitern sind inzwischen rund 80 geworden. Das Unternehmen arbeitet eng mit Maschinen- und Anlagenbauern zusammen. Daneben tummeln sich Hunderte kleinere Agenturen und selbstständige Berater auf dem Markt. Hochschulen begegnen der Nachfrage nach Fachleuten mit neuen Studiengängen. Deren Job: Sie konfrontieren Menschen mit Geräten, fragen und beobachten. Zum Beispiel in Hamburg, in der ersten Etage eines unscheinbaren Bürohauses in der Innenstadt.

Der Raum, vor dem sich Produktmanager fürchten, sieht aus wie ein Krisenreaktionszentrum. An der Wand hängen drei riesige Flachbildschirme, es gibt Computer, eine Sprechanlage, und in der Mitte steht ein Tisch mit elf Stühlen. Regelmäßig sitzen hier die Abgesandten großer Unternehmen und würden am liebsten in die Tischkante beißen. Was sie durch einen Polizeispiegel hindurch beobachten, sind Usability-Tests. Im Nachbarraum probieren Menschen die Produkte aus. Ohne Vorwissen, wie im echten Leben. Dann sitzen hier die stolzen Tüftler und müssen mit ansehen, wie Probanden verzweifeln. So wandelt sich der Beobachterraum schnell zur Arena der Schuldzuweisungen. „Wenn das passiert, hat man mit dem Testen zu spät begonnen“, sagt Tim Bosenick. Der Gründer von SirValUse hat Physik, Biochemie und Soziologie studiert, genau das Richtige, wenn man verstehen will, wie Menschen mit Technik umgehen. Bei Bosenick gibt es täglich Stresstests.

Ohne die verlässt auch bei Phoenix Design in Stuttgart kein Produkt das Haus. Böse Überraschungen soll niemand erleben. Auch dann nicht, wenn es sich um eine „Revolution“ handelt. So trommelt Hansgrohe für die von Tom Schönherr gestaltete Hightech-Dusche „Raindance“. Die hat fünf verschiedene Brausen, kann einen Sommerregen und Wasserkaskaden simulieren. Und via Bluetooth erklingt Musik vom MP3-Player in der Dusche. Um all die Technik zu steuern, braucht es einen eigenen Touchscreen. Die Bedienung soll trotzdem so intuitiv sein, dass sich auch ein betrunkener Hotelgast nachts um drei nicht verbrüht.

„Die Dusche“, schwört Schönherr, „ist idiotensicher.“

 

Usability: Make it simple!
Rund 70 Agenturen haben sich in Deutschland auf Usability spezialisiert. Sie helfen Unternehmen dabei, Produkte benutzerfreundlich zu entwickeln. Ein Überblick über Anbieter, Methoden und Bücher über die neue Einfachheit.
Bislang ist es für Firmen schwierig, den passenden Usability-Dienstleister zu finden. Der Verband der Branche UPA baut deshalb eine Datenbank auf.
Ab Jahresende soll sie unter www.germanupa.de zu finden sein. Vom 11. bis 14. September veranstaltet German UPA zudem die größte deutschsprachige Praxistagung zum Thema in Chemnitz.
DIENSTLEISTER
UID Die User Interface Design GmbH mit Hauptsitz in Ludwigsburg ist baden-württembergischer „Dienstleister des Jahres 2010“. Das Unternehmen betreut Kunden wie Vaillant und Continental. www.uid.com
SirValUse Die Agentur bezeichnet sich selbst als „Europas größte Usability- und User-Experience-Beratung“, hat Büros in Hamburg, Berlin, München sowie Peking und ist Gründungsmitglied der Uxalliance, eines internationalen Netzwerks von Usability-Dienstleistern. Zur Gruppe gehört auch Useeds in Berlin. www.sirvaluse.de, www.useeds.de
Scoreberlin Die inhabergeführte Agentur aus Berlin bietet die ganze Palette an Usability-Dienstleistungen. Auf der Kundenliste stehen auch Bosch und Volkswagen. www.scoreberlin.de
E-Result Die Agentur aus Göttingen mit Filialen in Hamburg und Frankfurt am Main erarbeitet rund 200 Usability-Studien pro Jahr. www.eresult.de
Ergosign B. Braun, Leica und Carl Zeiss zählen zu den Auftraggebern der Usability-Agentur, die in Hamburg, München und Saarbrücken ihre Dienste anbietet. www.ergosign.de
Eye Square Die weltweit tätige Marktforschungsagentur arbeitet mit neuropsychologischen Methoden. So sollen Unternehmen mehr über ihre Kunden erfahren, als sich mit Fragebögen erfragen lässt. www.eye-square.com
Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik Das FIT hat sein „Kompetenzzentrum Usability“ auch auf die Bedürfnisse von Unternehmen ausgerichtet, berät, testet und bildet weiter. www.usability.fit.fraunhofer.de
METHODEN Zahlreiche Ansätze haben sich etabliert, um die Nutzer besser zu verstehen. Tests mit geringem Aufwand können bereits ab 500 Euro gebucht werden. Die Kosten hängen davon ab, wie groß der personelle und zeitliche Aufwand für Vor- und Nachbereitung ist, wie viele Testpersonen teilnehmen und welche Technik eingesetzt wird. Ein eigenes Usability-Labor im Unternehmen kostet mindestens 50?000 Euro, plus fachkundiges Personal.
Eye-Tracking Eine Kamera beobachtet den Blickverlauf der Probanden, erkennt, was nur gestreift und was tatsächlich gelesen wird. Alles wird auf Video aufgezeichnet.
Fokusgruppe Der Klassiker. Ein Interviewer diskutiert mit Nutzern über die Erfahrungen mit einem Produkt oder einer Dienstleistung. Es kommt stark auf die richtige Auswahl der Probanden an.
Fünf-Sekunden-Test Zehn bis 50 Testpersonen wird nacheinander eine Website gezeigt. Nach nur fünf Sekunden sollen sie berichten, was ihnen im Gedächtnis geblieben ist.
Out-of-the-Box Usability-Experten beobachten ganz normale Nutzer beim Auspacken eines Produkts, beim Anschließen oder Installieren – schnell sind die Schwächen aufgedeckt.
Rapid Prototyping In jeder Entwicklungsphase werden einfache Modelle, etwa aus Pappe oder Papier, von möglichst unvoreingenommenen Testpersonen ausprobiert. Das Feedback wird direkt umgesetzt. Dann wird ein neuer Prototyp gebaut.
Use-Cases Fachleute entwickeln Szenarien für unterschiedliche Zielgruppen. Die Leitfrage: Wer will das Produkt wozu nutzen? Darauf aufbauend wird die Menüführung entwickelt.
LITERATUR
„Simplicity. Prinzipien der Einfachheit“. Die Autoren Chris Brügger, Michael Hartschen und Jiri Scherer erläutern „Strategien für einfache Produkte, Dienstleistungen und Prozesse“. Gabal, 19,90 Euro, Oktober 2011
„Einfach managen. Klarheit und Verzicht – der Weg zum Wesentlichen“. Ratgeber von Dieter Brandes. Redline, 14,90 Euro
„The Laws of Simplicity – Design, Technology, Business, Life“. Das Standardwerk von John Maeda. MIT Press, 16,95 Euro
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 08/2011.

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