Management Die Unermüdliche: In der Schule Nervensäge, heute Unternehmerin

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Marlene Haas will Nachhaltigkeit in Unternehmen etablieren© privat

In der Serie "Junge Chefs" stellen Schüler der Kölner Journalistenschule Menschen vor, die früh den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben. Dieses Mal: Marlene Haas, die ein Netzwerk für Firmen etablieren will, die nachhaltig wirtschaften.

Was treibt junge Menschen an, das zu tun, was andere selbst im hohen Alter nicht wagen: den Schritt in die Selbstständigkeit? Schüler der Kölner Journalistenschule haben Unternehmer getroffen, die genauso alt sind, wie sie selbst. In der neuen Serie „Junge Chefs“ porträtieren sie eine neue Gründergeneration.

 

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Marlene Haas kauft Lebensmittel nicht beim Discounter, sondern im Bio-Laden. Ihre Pullover kommen nicht von großen Filialisten, sondern aus kleinen Läden und von Textilfirmen, die ihren Näherinnen faire Löhne zahlen. Schon in der Schule hatten ihre Klassenkameradinnen keinen Spaß daran, mit ihr shoppen zu gehen, sagt Haas.

Weil sie ihnen immer unter die Nase rieb, unter welch unmenschlichen Bedingungen die T-Shirts, die sie gerade kaufen wollten, hergestellt wurden. Sie sprach dann von der wachsenden Weltbevölkerung und knapper werdenden Ressourcen. Sie sagte Sätze wie: „Wenn immer alle mehr wollen, ist irgendwann nicht mehr genug für alle da.“

Haas schrieb stets gute Noten, aber „das System“, das ständige Lernen, machte sie unglücklich. In der 12. Klasse schmiss sie die Schule, trat gar nicht erst zum Abitur an. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie es sich noch nicht vorstellen, einmal selbstständig zu sein – doch schon damals träumte sie davon, etwas in der Gesellschaft zu ändern.

Mit einer klugen Geschäftsidee die Welt verändern

Klar war: Der klassische Karriereweg, wie ihn viele ihrer Freunde einschlugen, war nichts für sie. Haas ist keine Aussteigerin, keine radikale Öko-Aktivistin. Sie geht nicht „containern“ und sammelt Lebensmittel aus den Mülleimern der Supermärkte. Sie trägt eine modische Chino-Jeans, ein T-Shirt und eine schwarz-gerahmte Brille – in einer BWL-Vorlesung würde sie nicht auffallen.

Sie schätzt Menschen, die in ihrem Alltag beinahe fanatisch auf ihren ökologischen Fußabdruck achten. Doch sie fragt sich, ob das etwas in der Gesellschaft ändert. Sie glaubt, dass sie mit einer klugen Geschäftsidee viel mehr bewegen kann.

Zunächst machte Haas ein freiwilliges soziales Jahr beim städtischen Denkmalpfleger, dann eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau. Nach der Ausbildung, mit 21, beantragte sie einen Gewerbeschein und gründete ihr eigene Agentur für Veranstaltungsmanagement.

Für die Ideen fehlten die Kunden

Ihre Idee: Sie wollte Veranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeit organisieren und ein Bewusstsein für das Thema in der Gesellschaft schaffen. Auf ihrer Homepage textete sie damals, dass ihre Agentur ein Gegenmodell sein sollte zu „wahllosem Konsum, Hektik und Leistungsdruck“.

Doch der Alltag enttäuschte sie. Ihre Ideale interessierten nicht viele Kunden. Die meisten wollten nur, dass jemand das Catering für ihre Veranstaltung organisierte und die Gäste einlud. In Planungsgesprächen fühlte sie sich oft wie eine Angestellte behandelt.

Haas ist nun seit drei Jahren ihre eigene Chefin. „Doch ich fühle mich nicht wie eine richtige Unternehmerin, weil ich nicht gestalten und frei entscheiden kann“, sagt sie. Veranstaltungen zu Themen, die sie wirklich interessieren, kann sie nicht organisieren, weil Kunden oft andere Vorstellungen hätten. Ihrem Ziel, etwas in der Gesellschaft zu ändern, sei sie nicht näher gekommen.

Neues Netzwerk für Kleinbetriebe in Frankfurt

Das will Haas jetzt ändern. Sie sitzt im Social-Lab in Frankfurt, einem Coworking-Büro für junge Unternehmer, die sich ein Büro teilen. Die Gründer entwickeln dort soziale Geschäftsideen. Auch Haas. Unter dem Namen „Lust auf besser Leben“ will sie in Frankfurt ein Netzwerk für Kleinbetriebe aufbauen, die nachhaltig wirtschaften.

Die Unternehmen sollen sich auf der Website und einer mobilen App präsentieren, damit die Menschen in Frankfurt erfahren, wo sie in ihrer Stadt nachhaltige Produkte kaufen können. Zudem soll die Plattform zu einem „Kompetenzzentrum“ werden, sagt Haas.

Die Kleinbetriebe sollen sich untereinander austauschen und auf der Plattform lernen, wie sie besser nachhaltig wirtschaften können. Außerdem will Haas Beratungen anbieten und Treffen für die Unternehmer organisieren.

EU-Zuschuss und Erspartes als Startkapital

Finanzieren will sie ihr Unternehmen über die Beiträge der Firmen, die auf ihre Plattform aufgenommen werden. Zudem sollen Unternehmen Anzeigen schalten. Außerdem rechnet Haas mit finanzieller Unterstützung der Stadt Frankfurt. „Die Stadt hat ein Interesse daran, nachhaltiges Wirtschaften und Kleinbetriebe in ihren Stadtteilen zu fördern“, sagt sie.

Die Unternehmerin glaubt fest an ihre Idee. Vor einigen Jahren habe sie mit ihrer Anti-Konsum-Haltung noch alleine dagestanden. Doch inzwischen liege Konsumverzicht im Trend. Immer mehr Menschen kauften regionale Produkte, es sei cool geworden, auf Nachhaltigkeit zu achten.

Haas steckt viel Zeit und Arbeit in ihr neues Projekt. Nur noch zwei Tage in der Woche widmet sie sich ihrer Agentur, obwohl ihr neues Unternehmen noch keine Umsätze erwirtschaftet. Haas finanziert das Start-up mit einem EU-Zuschuss in Höhe von 50.000 Euro. Zusätzlich steckt sie mehrere Tausend Euro aus ihrem Ersparten in das neue Unternehmen.

Doch bis ihr Unternehmen Geld erwirtschaftet, können noch Monate vergehen. Haas hält trotzdem an ihrer Idee fest. Sie will endlich selbst ein Projekt auf den Weg bringen – ohne einen Kunden vorher nach seiner Meinung zu fragen. Und die Welt damit ein Stückchen besser machen.

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