• Einer für alle, alle für einen

    Schnitzeisen für Tahiti und Maurerkellen für Arabien: Die Werkzeugmacher aus dem Stubaital haben sich vor Generationen zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen. Jetzt erobern sie den Weltmarkt. Eine alpine Fallstudie.

    Diese Hand, sie fühlt sich an wie Schleifpapier. Weiß abgeschabte Haut, durchzogen von tiefen Furchen. In den Ecken der Fingernägel hängen Öl- und Metallreste, schwarz getrocknet. Karl Gleirschers rechte Hand drückt fest zu. Dann drückt er die Tür zu seiner Schmiede auf, geht einen Schritt zur Seite und gibt den Blick frei auf das, womit seine Familie seit Generationen ihr Geld verdient.

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    Trockene Hitze quillt aus der Werkstatt, heißer, immer heißer. Das Wummern des Schmiedehammers, immer lauter, je näher man dem einzigen Arbeiter im schummrigen Licht kommt. Mit gekrümmtem Rücken sitzt er da, lässt im Sekundentakt den Hammer auf ein Stück glühenden Stahl herunterdonnern, dreht es vorsichtig, wirft es dann in eine Box am Boden. Ein kleines Eisen zum Schnitzen ist entstanden.

    Abstract
    Die Fallstudie der Wirtschaftsuniversität Wien zeigt, wie es den Werkzeugmachern aus dem Stubaital gelingt, sich durch eine Genossenschaft erfolgreich auf dem Weltmarkt zu behaupten. Der Zusammenschluss bietet den Mitgliedern unter anderem günstigeren Materialeinkauf, professionelles Marketing und globalen Vertrieb sowie größere Rechtssicherheit.

    Gleirscher hebt es auf und brüllt: “Schaun`s, so was kann doch heut kaum noch jemand!” Stimmt. Wie ein Bild aus vergangenen Jahrhunderten wirkt die Schmiede mit ihren nur sieben Mitarbeitern, das kleine Haus mit dem spitzen Dach. Daneben stechen die Tiroler Berggipfel in den Himmel, und das klare Wasser des Schlickerbachs plätschert hinunter ins Stubaital. In Sepiatönen fotografiert sähe alles genauso aus wie auf den vergilbten Bildern im örtlichen Schmiedemuseum, wo sie dokumentieren, wie im 14. Jahrhundert alles begann: als die Männer im Tal in der Schlick anfingen, nach Eisen zu schürfen und es zu schmieden.

    Erfolgreicher denn je

    Aber wie um Himmels willen kann man mit dieser Handarbeit heute noch Geld verdienen? Im Jahr 2012, in Zeiten von Globalisierung, China, computergesteuerter Massenproduktion? Wer kauft noch Schnitzwerkzeug aus dem Stubaital? Gleirscher zuckt mit den Schultern: “Na ja, Leut` aus Tahiti, Italien, den USA, Südamerika, Deutschland und Finnland. Zum Beispiel.”

    So ist das bei den Werkzeugmachern im Örtchen Fulpmes. Die Gleirschers sind ja nicht die Einzigen: Der Kössl ein paar Straßen weiter macht die Blechscheren, der Hörtnagl daneben die Maurerkellen, der Pekarek die Schreinerwinkel, der Schweiger die Karabiner und so weiter. 21 kleine Werkzeugunternehmer sind sie heute. Und seit sich ihre Vorfahren 1897 zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen haben, sind sie gemeinsam mit ihrer Marke Stubai auf dem internationalen Markt unterwegs – und das erfolgreicher denn je.

    Umsatzwachstum in den vergangenen 15 Jahren: fast 200 Prozent. Umsatz 2011: 37 Mio. Euro, Gewinn: mehr als 5 Mio. Euro. Die Stubai Werkzeugindustrie exportiert in 60 Länder, als Zulieferer an Fabriken oder an Händler. Zum Beispiel an die Baumarktketten Bauhaus und Hagebau, an VW, den Motorradhersteller KTM, an den Schweizer Weltmarktführer für Hufbeschlag Mustad und den skandinavischen Werkzeughändler Luna.

    Elisabeth Reiner, Forscherin vom Institut für Kooperationen und Genossenschaften der Wirtschaftsuniversität Wien, hat sich eingehend mit dem Erfolg der Stubaier befasst. “Using Local Roots for Global Competitiveness” ist ihre Case-Study überschrieben. Es sei einzigartig, wie die Werkzeugmacher mit ihrem Zusammenschluss “die Probleme kleiner Unternehmen in Vorteile verwandelt haben”, sagt sie. Genossenschaften bilden sich meist im Dienstleistungssektor. Banken sind so organisiert, auch Handelsfirmen wie Intersport oder Rewe. In der Produktion bleiben die Zusammenschlüsse meist regional, Erzeugergenossenschaften in der Landwirtschaft zum Beispiel.

    Ganz anders im Stubaital: Die Werkzeugmacher wirtschaften in einer knallharten Industrie, sind international erfolgreich. Und bleiben ihrem Tal und ihrer Tradition doch treu. “Diese Kombination macht Stubai so besonders”, sagt die Wissenschaftlerin.

    Man kann die Erfolgsfaktoren theoretisch erklären, so wie Reiner in ihrer Studie: die kurzen Kommunikationswege, die hohe Solidarität, die starke Marke, das Qualitätsbewusstsein zum Beispiel. Aber selbst die nüchterne Akademikerin sagt: “Man muss hinfahren, dann spürt man sofort, wie es funktioniert.” Karl Gleirscher grinst. Er kennt das. Gerade lehnt er in seiner blauen Latzhose am Zaun vor dem Schlickerbach und sagt: “Ein jeder bewundert uns, und alle wollen wissen, wie wir das machen.” Da ist zum Beispiel der Mann, der dafür zuständig ist, dass es die Schnitzeisen bis nach Tahiti schaffen. Er steht neben Werkzeugmacher Gleirscher und passt irgendwie nicht ins Bild mit seinen Lackschuhen, dem dunklen Anzug und dem immer griffbereiten iPhone.

    Alexander Durda weiß das. Er weiß auch, wie die Arbeiter, “die Lackeln”, in den Werkstätten über ihn reden, wenn er mal wieder mit Kunden vorbeispaziert: “Typisch”, sagen sie dann, “der schöne Max aus der Tintenburg! Hat nix Besseres zu tun, als uns beim Arbeiten zuzuschauen.” Der schöne Max grinst. “Aber des basst scho.” So sind sie eben, die Leut in den Bergen, sagt er, “hübsch grob”. Er klopft sich den Metallstaub vom Jackett, steigt in seinen Audi Q5, gibt Gas. Durda ist 41, Marketingleiter, Vertriebsleiter und Vorstandsassistent der Genossenschaft. Er fährt in die Tintenburg, so nennen die Arbeiter die Zentrale, auch wenn dort keiner mit Tinte schreibt. Durda pointet mit Laser.

    Im obersten Stockwerk riecht es neu. Für knapp 2 Mio. Euro haben sie renoviert und dieses edle Konferenzzentrum auf die alten Mauern gesetzt, für Kunden und Tagungen. Glas statt Wände, alle Stühle in Richtung des Gletschers ausgerichtet. Durda lässt eine Leinwand aus der Decke fahren. Präsentation an. Laserpunkt auf das Wichtigste.

    Neun Segmente hat Stubai: von Schrauben- über Forstwerkzeug bis Schneidewaren und Bergsport. Klick, nächste Folie. 5000 Produkte, die alle eines gemeinsam haben: Hauptrohstoff ist Stahl. Die Genossenschaft kauft für alle Mitglieder ein, dann wird es für den Einzelnen günstiger. Insgesamt arbeiten in den Betrieben mehr als 500 Menschen, davon 30 in der Tintenburg. Der kleinste Betrieb hat nur einen Mitarbeiter, der größte 120. Klick. Die Marke steht für drei Dinge: Qualität, Langlebigkeit, Hochpreisigkeit. Die Genossen setzen darauf, dass Berufshandwerker wie Spengler und Maurer ein robustes Werkzeug wollen und passionierte Hobbyhandwerker auf genau das Gleiche achten. Vertrieb und Marketing übernimmt die Zentrale.

    Gerade ist eine Kollegin losgefahren zu einer Holzmesse in Rimini, im Erdgeschoss sitzt Verkaufssachbearbeiterin Mina Zmani, gebürtige Marokkanerin, die auf Arabisch Maurerkellen nach Dubai verkauft, auf Italienisch Schnitzwerkzeug nach Italien, auf Französisch Spenglerwerkzeug nach Frankreich.

    Hier gehen die Bestellungen ein, jeden Tag liefern Lastwagen Ware im Wert von 100.000 Euro aus. Mehr als die Hälfte wird exportiert, Hauptabnehmer neben Österreich sind Deutschland und die skandinavischen Länder. Sie wollen in ihrer Nische wachsen, tun das aber langsam. Eine große Expansion verwehrt die Tradition – in den Statuten steht geschrieben, dass nur Unternehmer Genossen werden dürfen, die ihren Grund und Boden in eben diesem einen Ort haben, Fulpmes, 4500 Einwohner. Was wirkt wie eine Wachstumsbremse, war in der Vergangenheit auch ein Erfolgsfaktor, ist die Forscherin Reiner überzeugt. Erfahrungen und Wissen wurden so über Generationen persönlich weitergegeben. Eng ist das Tal 20 Autominuten südwestlich von Innsbruck, steil und verwinkelt die Gassen. Abends, wenn sich der Nebel über Fulpmes legt, trifft man weniger Menschen als steinerne Figuren. Sie wachen in kleinen Kapellen und grüßen von Brückengeländern.

    Neben den Heiligen finden sich in Fulpmes häufig auch andere Bildnisse. Nackte Frauen. Auf Postern. Sie wachen über die Werkstätten, die Betriebe, die auf nur fünf Quadratkilometern verteilt liegen. Über die Welt der Männer. Viele Ehefrauen führen nebenbei eine Pension, etwa 400.000 Übernachtungen zählt das Tourismusbüro jedes Jahr. Direkt unter Durdas Büro steigen im Winter die Skifahrer in den Bus zum Gletscher. Als er vor 20 Jahren bei der Genossenschaft anfing, sah es nicht gut aus. Der Zusammenhalt war zerbrochen. Den Jungen, die die Betriebe übernahmen, war nicht mehr bewusst, dass sie nur gemeinsam bestehen konnten. Das Geschäft lief schlecht. Obi zum Beispiel wollte einen Zulieferer, der ein ganzes Sortiment liefern konnte – nicht nur wenige Regalmeter.

    Aber dann, sagt Durda, machten sie vieles richtig, was heute den Erfolg garantiert: Sie gaben sich strenge Regeln, kurbelten die interne Konkurrenz an und setzten noch stärker auf Qualität. Durda steigt in den Audi, auf zu dem Mann, der Stubai wieder zum Erfolg geführt hat: Johann Hörtnagl. Vor zwölf Jahren haben ihn die Genossen zum Vorstandschef gewählt. Er hat auch einen Betrieb für Maurerkellen, 550 Kellenformen, ein Weltmarktführer.

    Hörnagl ist ein hagerer Mann, 58 Jahre alt, in grauer Weste und Jeans, die Brille mit einem Band um den Hals gehängt. Einer, der nachdenkt, bevor er spricht, dem es um die großen Linien geht: “Diese ganze Clusterbildung, von der man jetzt redet, haben unsere Vorfahren schon vor 100 Jahren erkannt”, sagt er.

    Einer der wichtigsten Vorteile der Genossenschaft ist, dass die Mitglieder selbstständig bleiben. Wer will, kann auch andere Produkte herstellen und selbst vertreiben. Wer aber nicht die zugesagte Qualität oder Menge an die Stubai-Zentrale liefert, dem wird der Artikel entzogen. Dann darf ein anderer die Zangen herstellen. Wenn die Zentrale mit einem Kunden ein neues Werkzeug entwickelt hat, schreibt sie die Produktion unter den Mitgliedern aus. Das beste Angebot gewinnt. Für Forscherin Reiner ist diese Konkurrenz ein wesentlicher Grund für den Erfolg des Ganzen: “Das bewahrt die Genossenschaft vor Stagnation, weil jedes Mitgliedsunternehmen konstant im Wettbewerb mit den anderen steht.” Eine gesunde interne Konkurrenz kann nur helfen, gegen die externe zu bestehen, sagt auch Hörtnagl.

    Die heißt zum Beispiel: China. Stubai setzt auf Qualität. Die Unternehmer könnten den Preiskampf um Massenprodukte eh nicht gewinnen, aber Hörtnagl regt etwas ganz anderes auf: der Ideenklau. Gerade haben sie gegen Norma prozessiert, die deutsche Supermarktkette. Hörtnagl hatte einen leichten Astheber patentieren lassen und auf den Markt gebracht. Norma habe ihn in China in Masse und in schlechterer Qualität nachgebaut, sagt Durda, und ihn für ein Drittel des Preises für Hobbygärtner in die Supermärkte gehängt. Jetzt musste Norma den Verkauf stoppen.

    Einen einzelnen Werkzeugmacher hätten allein die Prozesskosten komplett ruiniert. Die Genossenschaft hat`s bezahlt und überlebt. Die Rechtsform möge ein wenig schwerfällig sein, weil alle wichtigen Entscheidungen demokratisch getroffen werden müssten, sagt Hörtnagl, aber besonders in Krisenzeiten habe sie sich bewährt. Forscherin Reiner sagt, es sei genau dieser Rechtsform zu verdanken, dass es unter den Betrieben ein so “hohes Maß an Vertrautheit und Solidarität” gebe. Das hat dem Tal schon oft Arbeitsplätze gerettet.

    Fulpmes ist untrennbar, untrennbar mit der Genossenschaft verbunden”, sagt Robert Denifl. Er weiß das aus eigener Erfahrung, seit 35 Jahren ist er abwechselnd Bürgermeister oder Stellvertreter. Sein Gesicht ist weiß eingerahmt von Bart und Haar, seine Weste blau, seine Stimme tief und ruhig. In den vergangenen Jahrzehnten hat ihn am meisten beeindruckt, sagt er, was nach dem großen Feuer geschah. Ende der 90er brannte der Krösbacher, einer der Mitgliedsbetriebe im Ort, komplett nieder. Nichts war mehr zu retten. “Aber da haben sie alle zusammengehalten, in einer gewaltigen Anstrengung”, sagt der Bürgermeister. Die Anstrengung trägt heute das Kürzel KSHB, Kompetenzzentrum Schmieden, Härten, Bearbeiten. Eine GmbH unter dem Dach der Genossenschaft, gemeinsam gegründet nach dem Brand. Eine Erfolgsgeschichte:

    In den großen Hallen macht sie die Grundlagenarbeit. Hier kommen jedes Jahr Tausende Tonnen Stahl und Aluminium an, werden bearbeitet und gehen etwa als gegossene Werkzeugteile zur Endproduktion an die Mitgliedsbetriebe.

    Das KSHB fertigt mit seinen modernen Maschinen aber auch direkt für große Konzerne, zum Beispiel Kickstarter für den Motorradhersteller KTM. Die GmbH erwies sich 2008, als die Wirtschaft einbrach, als Stabilitätsfaktor: Dort produzierten sie auch Teile für Straßenbaumaschinen, und weil Deutschland zu dieser Zeit viel investierte, um die Wirtschaft anzukurbeln, war die Produktion in Fulpmes gut ausgelastet. 25 Mio. Euro setzt das Kompetenzzentrum mittlerweile um, es sei “ein wichtiges zweites Standbein” für Stubai, schreibt Reiner. Noch 2012 werden 2000 Quadratmeter angebaut.

    Etwas Neues wagen, investieren, darauf kommt es an, sagt Hörtnagl. Die Genossen haben sich selbstbewusste Ziele gesetzt: jährlich zweistellig wachsen. Das haben sie in den vergangenen beiden Jahren geschafft. Auch für dieses sieht es gut aus. Doch die Wiener Genossenschaftsforscherin Reiner hat in ihrer Analyse weiter in die Zukunft geschaut. Sie sieht eine große Gefahr: Was, wenn die Jungen nicht weitermachen wollen?

    Marco Gleirscher, 27, der Sohn von Werkzeugmacher Gleirscher, schaut ein wenig verständnislos. “Freilich übernehmen wir alle den Betrieb.” Er lehnt in blauer Latzhose am Eingang zur Schmiede und blinzelt in die letzten Sonnenstrahlen, die es über die Gipfel schaffen. Wie auch so viele andere Unternehmersöhne hat er an der Höheren Technischen Bundeslehranstalt mitten im Ort den Meister in Maschinen- und Fertigungstechnik gemacht. Seit mehr als 100 Jahren gibt es die Ausbildungsstätte, sie wird von der Genossenschaft unterstützt.

    Nach der Schule verließ er das Tal, Erfahrungen sammeln bei einem anderen Maschinenbauer. Aber es war immer klar, dass er zurückkommt. Auch sein jüngerer Bruder wird daheim einsteigen. “Die Tradition schmeißt keiner weg”, sagt Marco. “Wenn es die im Tal nicht gäbe, dann gäbe es uns alle nicht.”

    Literatur
    Elisabeth Reiner: The Stubai Co-operative: Using Local Roots for Global Competitiveness. Euricse Working Paper No. 28/2012.
    Mag. Elisabeth Reiner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Kooperationen und Genossenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien. Zurzeit promoviert sie über Genossenschaften und freie Berufe.

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse
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