Management „Eltern und Lehrer müssen streng sein“

30 Jahre lang leitete Bernhard Bueb das Internat Schloss Salem. Ein Gespräch über Reichtum, Askese – und die lästigen Rolex-Uhren.

Lichtdurchflutete Räume, Parkettboden, Wände voller Bücher – und in einer Ecke: Kinderspielzeug. Ja, das passt zu ihm. Das könnte seine Wohnung sein. Aber nein, Bernhard Bueb ist nur zu Besuch. Der 71-Jährige hat das Wochenende bei seinem Freund Götz Plessing verbracht, dem langjährigen Leiter des Birklehof-Internats. Aber die Altbauwohnung in Berlin-Friedenau ist perfekt als Kulisse für ein Interview. Über Bildung. Und reiche Kinder.

Unternehmerkinder kommen aus wohlhabenden Elternhäusern – und sollen in einem Internat wie Salem ein asketisches Leben führen. Kann das gut gehen?

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Bueb: Es gibt viele Schüler, besonders aus Unternehmerfamilien, die gehen sehr selbstverständlich und gut damit um. Es gab sogar Eltern, die ihre Kinder in Salem angemeldet haben, damit sie aus dem privilegierten Status, den sie zu Hause hatten, fliehen konnten. Wenn die Familie ein großes Unternehmen führt, werden viele Kinder ja privilegiert behandelt, dem können sie sich ganz schwer entziehen. Also bringt man sie in ein Ambiente, in dem das keine Rolle spielt – wie in Salem. Der bedeutende Name oder der Wohlstand spielen dort eine geringe Rolle.

Sie haben Salem „einen weltlichen Orden auf Zeit“ genannt. Die Zimmer sind spartanisch eingerichtet, das Essen ist einfach. Die Eltern zahlen viel Geld für wenig Komfort.

Bueb: Ich habe praktisch nie erlebt, dass Eltern den Anspruch erhoben haben, dass ihr Kind ein besonderes Zimmer kriegt. Einige Schüler haben sehr wohl aufbegehrt, aber die Eltern haben in der Regel gesagt, das musst du mit der Schule ausmachen, wir werden keinen Einfluss nehmen. An der Art und Weise, wie Eltern ihr Kind der Normalität ausgesetzt haben, konnte man viel ablesen.

Und doch kommt es auch zu Konflikten?

Bueb: Bei Klassenfahrten oder Ausflügen in Großstädte, etwa nach Rom oder London, bei denen natürlich alle in der gleichen Unterkunft absteigen, kommt es hin und wieder zu Versuchen auszubüxen: „Das ist mir zu schäbig“, heißt es dann. „Ich will ein anderes Hotel.“ Leider werden diese Vorstöße in der Oberstufe auch manchmal von Eltern unterstützt. Da hängt es dann an der Konfliktbereitschaft der Erzieher, das auszufechten. Das ist allerdings ein Dauerproblem, das es auch an staatlichen Schulen gibt. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen materiellen Bedingungen begleitet die Menschen von der Wiege bis zur Bahre. Kinder aus reichen Häusern müssen darauf in der Erziehung vorbereitet werden. Deshalb gilt: Die Eltern und die Lehrer müssen streng sein.

Und die Schüler müssen Lust haben zu lernen.

Bueb: Ja, die größte Gefahr ist, dass sie dazu neigen, sich nicht anzustrengen, weil sie es nicht müssen. Es ist ja alles da. Sie wissen, dass sie erben werden. Die Anstrengungsbereitschaft der Kinder zu fördern ist die erste Aufgabe der Eltern. Sie müssen Vorbild sein. Selbst wenn sie wohlhabend sind, müssen sie zeigen, dass ihr Selbstwertgefühl und die Achtung, die sie anderen entgegenbringen, nicht ihrem Reichtum gelten, sondern ihrer persönlichen Leistung.

Gelingt es den Eltern, dies zu vermitteln?

Bueb: Ich glaube, dass Unternehmerkinder beim Aufwachsen einen großen Vorteil haben, weil sie in verantwortungsvolles Denken hineinwachsen. Sie sehen, wie sich die Eltern auch mit der Sorge quälen, wie es mit dem Unternehmen weitergeht. Wie können wir diesen Konflikt meistern? Wie können wir ein neues Produkt erfinden, das das Überleben der Firma garantiert? Bei mittelständischen Unternehmern erfahren Kinder bei jedem Mittag- oder Abendessen, welche Mühe es kostet, ein Unternehmen am Laufen zu halten. Sie lernen, dass es wichtig ist, ein Ziel zu haben, dass man Mut, sehr viel Fleiß und auch Zuwendung zum Menschen aufbringen muss. Der Umgang mit Menschen ist sehr wichtig.

Also lauter vorgelebte Tugenden?

Bueb: Ja, schwieriger haben es Kinder aus Elternhäusern, wo ein anonymer Reichtum herrscht, wo das Vermögen nicht konkret in einem Unternehmen sichtbar wird, sondern in einem zerstreuten Aktienbesitz steckt. Tendenziell sind diese Kinder gefährdeter, sodass sie manchmal meinen, sie könnten die Welt kaufen. Sie legen oft großen Wert auf Statussymbole.

Wie kommt das in Salem an, wo ja alle das gleiche Taschengeld kriegen?

Bueb: Gar nicht gut. Wer glaubt, durch Angeberei oder bestimmte Accessoires, etwa eine Rolex-Uhr, sich Ansehen kaufen zu können, gerät in die Kritik. Aber leider machen solche Statussymbole auf manche Mitschüler Eindruck. Deshalb müssen bewusst Gegengewichte geschaffen werden, etwa durch unsere Stipendienpolitik. Jeder vierte Schüler wird gefördert. Auch intern gibt es, unabhängig vom Einkommen der Eltern, Stipendien für begabte Schüler. Das höchste Ansehen genießt der, der etwas aus sich selbst macht. Dieser Gedanke kommt aus Amerika, ist inzwischen aber auch in Deutschland akzeptiert. Dass die persönliche Leistung höher angesehen ist als eine fremdbestimmte, etwa durch ein Erbe, dagegen kann auch niemand etwas sagen.

Welche Rolle spielen die Eltern bei der Erziehung?

Bueb: Eltern mit wohlhabendem Hintergrund sollten nicht nur Vorbild sein, sie müssen ihre Kinder auch streng erziehen, das heißt, sie sollten konsequent ihre Lebensprinzipien einfordern. Das verlangt von den Eltern Konfliktbereitschaft und liebevolle Strenge. Das ist nicht einfach: Die Welt ist ja voller Verführungen. Für Kinder und Jugendliche ist es nicht einsichtig, warum sie verzichten sollen, wenn sie sich doch eigentlich alles leisten könnten.

Bernhard Bueb
Bernhard Bueb, 71, leitete von 1974 bis 2005 das Internat Schloss Salem unweit des Bodensees, das sich mit dem Motto „Plus est en vous“ („Es steckt mehr in euch“) der Reformpädagogik verpflichtet fühlt. Unternehmerfamilien, wie etwa die Oetkers, schicken ihre Kinder zum Teil seit Generationen auf die Schule. 2006 veröffentlichte der Pädagoge, der auch Philosophie und Theologie studiert hat, die Streitschrift „Lob der Disziplin“

„Wechselbad zwischen zu Hause und im Internat ist sehr schwierig“

Viele Eltern gehen solchen Konflikten aber lieber aus dem Weg.

Bueb: Letztens erst schilderte mir die Mutter aus einer der großen deutschen Unternehmensdynastien eine Szene in München. Ihre Tochter hatte in einem Geschäft in der Maximilianstraße einen Gürtel für mehrere Hundert Euro gesehen. Die Mutter wollte ihr den Gürtel nicht kaufen, sagte Nein. Aber die Tochter beharrte und machte ihr eine Szene. Schließlich habe sie es nicht mehr ausgehalten und nachgegeben, erzählte die Frau. Bis heute könne sie sich noch für diese Schwäche ohrfeigen. Diese Alltagsereignisse sind so wichtig. Das ist ein Problem, das alle Familien haben. Aber das Problem verstärkt sich, wenn die materiellen Voraussetzungen opulent sind und die Kinder mit zunehmendem Alter eigenwilliger werden.

Die Eltern müssen also trotz Wohlstand so leben, als ob sie nicht reich wären?

Bueb: Ja, kürzlich hatte der 13- oder 14-jährige Sohn einer sehr wohlhabenden Familie in Salem einen Turnschuh verloren. Als die Eltern ihn abholten, fehlte der Schuh. Viele Eltern hätten in solch einer Situation gesagt: Egal, wir kaufen einen neuen. Aber die Eltern ließen ihren Sohn den Schuh suchen – und nahmen in Kauf, dass sich die Abfahrt um Stunden verzögerte. Das war genau richtig.

Nicht alle wohlhabenden Familien werden das so konsequent machen.

Bueb: Das Wechselbad zwischen den Verhältnissen zu Hause und im Internat ist für die Jugendlichen tatsächlich sehr schwierig. Deshalb sind begrenzte finanzielle Verhältnisse ja auch sehr nützlich, um Kinder zu erziehen. Dann spielen ständig alltägliche Fragen eine Rolle: Welche Wohnung können wir uns leisten, was für ein Auto fahren wir? Nehmen wir im Urlaub eine Ferienwohnung, oder gehen wir zelten? Fliegen wir Business- oder Holzklasse?

Für die 30.000 Euro, die die Eltern im Jahr für die Ausbildung in Salem zahlen, erwarten sie auch eine Gegenleistung.

Bueb: Ja, es gibt viele Kinder auch aus Unternehmerfamilien, auf denen ein großer Druck von ihren Familien lastet. Die haben ein Ethos, es kommt auf Leistung an: Du wirst eines Tages nur dann eine Rolle im Unternehmen übernehmen können, wenn du bestimmte Standards erfüllst, wenn du tüchtig bist, fleißig und etwas aus dir machst. Einige Unternehmerfamilien erwarten manchmal auch zu viel von ihren Kindern und fordern sie bis an die Grenze der psychischen Belastbarkeit. Das gilt auch zuweilen für Anwalts- oder Ärztekinder, also immer dann, wenn Eltern durch eigene Leistung erfolgreich waren.

Ist das Internat nicht mit den hohen Erwartungen überfordert?

Bueb: Das Internat kann nur fortsetzen, was in der Familie vorbereitet wurde. Es ist überfordert, wenn es die Erziehung der ersten zehn Jahre korrigieren soll. Die meisten Jugendlichen wollen ins Internat, weil sie Gemeinschaft, Zuwendung und Zeit von Erwachsenen suchen. Deshalb ist das schönste Geschenk, das Eltern Kindern machen können – das müssen sich auch die hoch beschäftigten Unternehmer ins Stammbuch schreiben –, Zeit für ihre Kinder.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 10/2010.

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