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Management Entscheiden unter Stress: So vermeiden Sie Fehler

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Unter Stress  kann Entscheiden unmöglich erscheinen. Was jetzt am besten hilft: abschalten - zumindest kurz.

Unter Stress kann Entscheiden unmöglich erscheinen. Was jetzt am besten hilft: abschalten - zumindest kurz.© Light Impression / fotolia

Wenn Stress das Nachdenken blockiert, wird Entscheiden schwierig. Wie Sie einen klaren Kopf bekommen - und warum Sie Ihrer Erfahrung vertrauen sollten, aber nicht ihrem Bauchgefühl.

Wenn Kreißsaalärztin Susanne Aue in einer Notsituation gerufen wird, muss sie oft innerhalb von Sekunden lebenswichtige Entscheidungen treffen. Notkaiserschnitt – oder abwarten? Wehenhemmer – oder nicht? Fatal wäre es, jetzt dem Stress zu verfallen und nicht mehr denken zu können. „In Notsituationen hilft es mir, dass ich ein Standardverfahren im Kopf gespeichert habe, das ich abrufen kann“, sagt die Ärztin. „Ich entscheide dann auf Basis meines Fachwissens, aber auch meiner Erfahrung und Intuition.“

Ihre wichtigste Regel: sich voll auf die Frau und das Problem zu fokussieren und keine Nebenschauplätze aufzumachen. „Alles andere blende ich aus“, sagt Aue. Zentral sei es, nicht alles selbst machen zu wollen, sondern die Übersicht zu bewahren. Das Team braucht in solchen Momenten Führung, kurze verständliche Anweisungen. „Wichtige Dinge delegiere ich“, sagt Aue, „alles Unwichtige lasse ich liegen.“ Patientinnen in nicht akut bedrohlichen Situationen müssen warten.

Stresshormone machen Entscheiden schwierig

Zeitdruck und Stress gehören in vielen Jobs dazu, auch wenn es nicht um Leben und Tod geht. Bei einem Werkzeughersteller kann Panik ausbrechen, wenn mitten in der Produktion eine Maschine ausfällt und alles ins Stocken gerät. In der Eisdiele wird es stressig, wenn im Hochsommer zwei Aushilfen ausfallen. Beim Messebauer kommt Hektik auf, weil ein Großkunde abspringen will, wenn der Stand nicht innerhalb der nächsten 24 Stunden steht. Wenn Dinge schiefgehen, wenn Routinen nicht mehr funktionieren, dann sind Chefs besonders gefragt.

Ihr größtes Problem: Sie müssen nachdenken und Entscheidungen treffen. Studien zeigen aber, dass die Voraussetzungen für beides unter Stress denkbar ungünstig sind. „Am wichtigsten bei Entscheidungen unter Stress ist es, Zeit zu gewinnen“, rät daher Gerhard Roth, Professor für Neurobiologie am Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen. „Man muss den Stress abbauen und Raum für das Nachdenken bei einfachen Problemen oder für die Intuition bei komplexen Problemen schaffen.“

Im Kreißsaal ist ein Aufschub oft schwierig, in der Unternehmenswelt aber realistischer. Es gilt, in Extremsituationen rational zu bleiben. „Stress hängt im Gehirn mit der Ausschüttung von Noradrenalin und Cortisol zusammen, die beide das Nachdenken blockieren“, sagt Neurobiologe Roth. Die Stresshormone sorgen dafür, dass sich die Aufmerksamkeit verengt. Was sonst sofort auffällt, nimmt man nicht mehr wahr, man kann sich nicht mehr so viele Informationen merken.

Klaren Kopf bekommen – und dann der Intuition folgen

Um gute Entscheidungen zu treffen, muss man zunächst wieder – wie der Volksmund sagt – einen klaren Kopf bekommen. Das beste Rezept: Abschalten, nicht mehr über das Problem nachdenken und „eine Nacht darüber zu schlafen“, rät Neurobiologe Roth.

Anschließend solle man kurz überlegen und seiner Intuition folgen – nicht zu verwechseln mit einer reinen „Bauchentscheidung“. „Dieser Aufschub gibt unserem vorbewusst arbeitenden Erfahrungsgedächtnis Gelegenheit, eine Lösung zu erarbeiten. Dieses umfasst alle Inhalte unseres Langzeitgedächtnisses, die aktuell nicht bewusst sind, aber bewusst gemacht werden können. Wir erleben diese Inhalte meist als ‚Intuition‘ oder ‚Ahnung‘ “, sagt Roth.

Könne man nicht 24 Stunden warten, so reichten manchmal schon zwei Stunden, die man herausschinden sollte. Wichtig sei es dann aber, keinesfalls über das Problem zu grübeln, sondern sich von ruhigen Dingen ablenken zu lassen. Danach sollte man kurz überlegen – und entscheiden. Spontane Entscheidungen „aus dem Bauch heraus“ seien meist falsch, da uns hierbei starke Affekte und Emotionen beherrschen.

Speichern Sie Ihre Erfahrungen: Was hat funktioniert? Was nicht?

Für Stresssituationen, in denen gar keine Zeit zum Abschalten bleibt, hilft nur eins: Übung. Denn während Nachdenken nur noch bedingt funktioniert, kann man Erfahrungen noch abrufen. Frauenärztin Aue etwa ist viele Situationen schon vorher durchgegangen, manche praktisch, andere im Kopf. „Ich habe gelernt, meine Aufmerksamkeit voll zu fokussieren. Das Adrenalin hilft mir dabei, hellwach zu sein. Und dann arbeite ich eine Prioritätenliste ab, mache eins nach dem anderen.“

Die Situationen bleiben stressig, aber die Ärztin hat gelernt, wie man damit umgeht. Am Ende des Tages steht dann oft eine Evaluation an: Wenn sich der Adrenalin-Rausch gelegt hat, geht Aue noch einmal alle Entscheidungen durch. Wie ein Flashback tauchen dann die Momente vor ihrem inneren Auge auf, werden als Erfahrung abgespeichert: Was hat funktioniert? Was muss nächstes Mal anders laufen?

Auf Stresssituationen kann man sich vorbereiten

 Neben Erfahrung hilft eine gute Vorbereitung. Auch wenn Stresssituationen oft unvorhersehbar auftauchen, kann man sich in ruhigen Zeiten darauf einstellen. Dazu gehört, die eigene Nervenstärke und innere Haltung zu schulen. Die Ärztin Susanne Aue macht das durch Meditation und Achtsamkeitsübungen.

Auch Neurologe Gerhard Roth empfiehlt, sich vor jeder zu erwartenden Entscheidungssituation mental auf den aufkommenden Stress vorbereiten und genau festlegen, wie man damit umgeht. „Man muss auch immer daran denken, dass diejenigen, die einen bei Entscheidungen in Stress bringen, dies oft absichtlich tun“, so Roth. „Es kann schließlich durchaus Menschen geben, die wollen, dass man irrational, also aus dem Bauch heraus entscheidet – und damit meistens falsch liegt.“

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