Onlinespezial "Richtig entscheiden"
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Management Entscheiden: Nichtstun ist schlimmer als falschliegen

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Unter Zeitdruck richtig entscheiden: In den 60er- und 70er-Jahren war Fliegen noch eine gefährliche Sache. Heute liegt das Risiko,  als Passagier bei einem Flugzeugabsturz zu sterben, bei 1 zu 60 Millionen.

Unter Zeitdruck richtig entscheiden: In den 60er- und 70er-Jahren war Fliegen noch eine gefährliche Sache. Heute liegt das Risiko, als Passagier bei einem Flugzeugabsturz zu sterben, bei 1 zu 60 Millionen. © pixel974

Entscheiden unter Druck: Ex-Berufspilot und Managementtrainer Peter Brandl erklärt, was Unternehmer von erfahrenen Flugkapitänen lernen können.

Was können Unternehmer von Piloten lernen?
Peter Brandl: Ein Flugzeug wird ebenso wie ein Unternehmen von Menschen gesteuert. In der Fliegerei beschäftigt man sich sehr intensiv mit Unfällen. Meist passieren sie auf Grund von menschlichem Versagen und Fehlentscheidungen. Als Pilot muss man regelmäßig in den Flugsimulator, um diese Risiken zu minimieren. Wieso simulieren Unternehmer nicht auch Krisensituationen, um bessere Entscheidungen zu treffen?

Wie sollte so eine Krisensimulation konkret aussehen?
Ich könnte mich als Chef jedes halbe Jahr mit dem Team besprechen: Was könnte schlimmstenfalls passieren – und was machen wir dann?

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Das ist sehr spekulativ: Erst wenn es ein konkretes Problem gibt, kann ich mich doch für die beste Lösung entscheiden.
Man kann sich auf 99 Prozent aller Situationen vorbereiten – dabei gibt es unwahrscheinliche und wahrscheinliche Szenarien. Bereiten Sie Checklisten vor: Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, ist der Aktionsplan schon da und Sie können sich klarer für eine Marschrichtung entscheiden. Erinnern Sie sich an Flugkapitän Chesley Sullenberger, der 2009 eine Passagiermaschine im Hudson River notwasserte? Dass die Triebwerke ausfielen und es trotzdem keine Toten gab, ist kein Wunder, sondern der Vorbereitung des Piloten geschuldet. Er hatte sich schon vorher genau überlegt: Wenn mal beide Triebwerke beim Start ausfallen sollten, dann mache ich eine Notlandung auf dem Fluss. Eine richtige Entscheidung.

Wie kann ein Unternehmen verhindern, dass eine Entscheidung zur Katastrophe führt?

Man muss die Entscheidung konsequent überprüfen. Das bedeutet nicht, dass man sie komplett umwerfen soll. Es gilt nur, immer wieder abzugleichen: Ist das der Weg, der mich ans Ziel führt? Im Unternehmen wird oft eine Projektgruppe für Entscheidungen gegründet und irgendwann zerfasert die Diskussion und keiner hat mehr auf dem Schirm, was gerade wo entschieden wird – oder auch nicht.

Oft wird in Unternehmen bemängelt, dass niemand mehr Entscheidungen trifft …
Ja, weil dann natürlich die Gefahr besteht, falsch zu entscheiden. Und das versuchen die Verantwortlichen oft zu vermeiden. Eine fatale Risikovermeidungshaltung: Gelähmt von dem Problem, passiert gar nichts mehr. Dabei ist eine nicht getroffene Entscheidung schlimmer als eine falsche.

Warum?
Wenn ich eine falsche Entscheidung treffe, hat das Konsequenzen. Also, ein banales Beispiel: Wenn ich drei Stücke Buttercremetorte esse und mir schlecht wird, dann weiß ich warum. So kann ich aus dem Fehler lernen. Wenn ich gar nicht handele, hat das auch Auswirkungen. Aber ich nehme sie nicht so bewusst wahr.

Treffen Piloten Entscheidungen mit dem Kopf oder Bauch?
Grundsätzlich können sich Verstand und Bauch gegenseitig überprüfen. Wenn man sich aber gegen ein starkes Bauchgefühl entschieden hat, war das meistens nicht gut – im Unterbewussten sind wichtige Erfahrungen abgespeichert. Im Flugzeug kommt der Zeitdruck dazu: Als Pilot treffe ich in solchen Momenten keine Entscheidung, sondern greife auf einen vorher überlegten mentalen Plan zurück. Als Unternehmer kann ich mir mehr Zeit lassen und alle Optionen abwägen. Es muss nicht immer alles sofort entschieden werden.

Sollten Chefs im Team oder allein entscheiden?
Wenn ich Menschen bezahle, sollte ich sie um ihre Einschätzung fragen. Alles andere ist Ressourcenverschwendung. In der Fliegerei sitzen immer zwei Piloten im Cockpit. Der Kapitän hat natürlich die Entscheidungsmacht. Aber der Copilot wird immer nach seiner Meinung gefragt. Und im Notfall muss ihm blind vertraut werden. Wenn der Copilot bei der Landung das Kommando gibt: „Go around!“, startet der Pilot ohne zu Zögern wieder durch.

Ist es eine Führungsschwäche, wenn man bekennt: Meine Entscheidung war falsch, wir machen es anders?
Das gefällt niemanden, das ist klar. Aber es macht Sinn, sich den Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Das sind die Voraussetzungen für Veränderung. Mein Fluglehrer hat immer zu mir gesagt: ‚Erfahrungen sind überlebte Fehler‘. Wenn wir im Leben oder mit einem Unternehmen etwas erreichen wollen, sollten wir bereit sein, schwere Entscheidungen zu treffen und überlebbare Fehler zu machen. Sonst bleiben wir nur in der Komfortzone – und da passiert nichts.

Entscheiden-Peter-BrandlPeter Brandl ist ehemaliger Berufspilot und einer der gefragtesten deutschen Managementtrainer und Vortragsredner. 2013 erschien sein Buch „Hudson River. Die Kunst, schwere Entscheidungen zu treffen“, in dem er erklärt, wie Unternehmen von der Flugbranche lernen können.

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