• Es kommt auf die Zahlen an

    Mit DDR-Know-how und viel Enthusiasmus erhielt Sigrid Hebestreit die Konsumgenossenschaft Weimar und schaffte nach der Wende den Übergang in die Marktwirtschaft - mit großem Erfolg. Porträt einer ungewöhnlichen Frau.

    Jeden Morgen vor der Schule melkt das Mädchen die Kühe. Mittags, zurück auf dem Hof, wirft es den Ranzen hin, geht aufs Feld. Abends Hausaufgaben. Ihre Mutter ist jung gestorben. Das Mädchen muss sich um die beiden Geschwister kümmern. Selbst als der Hof der Familie in Ottstedt bei Magdala in Thüringen in den 60er-Jahren kollektiviert wird, bleibt viel Arbeit. Der sozialistische Staat erlaubt weiter ein paar Kühe, Schweine, Enten, Gänse und einen Gemüsegarten: Arbeit für das Mädchen. Als der Vater schwer krank wird und die Landwirtschaft aufgeben muss, verlässt das Mädchen die Schule. Sie beginnt eine Lehre bei der Konsumgenossenschaft Weimar.

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    Rund 40 Jahre später, auf der Überholspur der A 4 von Weimar nach Chemnitz. Das Mädchen von damals ist nun 57 Jahre alt. Sie sitzt, mit Glitzermotiven auf der schwarzen Bluse, in die wild frisierten schwarzen Haare graue Strähnen gefärbt, auf dem Beifahrersitz und telefoniert. Sigrid Hebestreit ist heute Vorstandsvorsitzende der Konsumgenossenschaft Weimar. Ihre Assistentin jagt den silbernen, flachen Audi A 7 zum Chemnitz Center, einem großen Einkaufszentrum direkt an der Autobahn. Hebestreit erzählt, wenn sie gerade nicht telefoniert, von ihrer Kindheit. “Das war eine harte Zeit”, sagt sie. “Trotzdem war es eine behütete Kindheit.”

    Ihr Telefon klingelt wieder: “Ahhh, hallo. Ihr habt am Samstag das Schillerkaufhaus getoppt, um 2000 Euro. Also wenn ihr das jeden Samstag macht …” Nach einer Pause warnt sie: “Ihr müsst bei der Spanne aufpassen.” Erklärt, warum. Und wie mit dem Partner Vero Moda verhandelt werden müsse. Mit wem Geschäfte nur schriftlich gemacht werden sollten.

    Hebestreit leitet die Genossenschaft seit 1984. Die ist eine der wenigen, die durchkamen nach der Wende. Heute gehören ihr in Sachsen und Thüringen 48 Modeläden und zwei Kaufhäuser. Für Firmen wie Gerry Weber, Wortmann-Schuhe oder Calida-Wäsche ist sie der größte Händler in Ostdeutschland.

    “Die ist richtig tough”

    In den vergangenen fünf Jahren hat die Einzelhandelsgruppe 15 neue Läden und ein Kaufhaus eröffnet. 2011 7 Mio. Euro, 2010 4 Mio. Euro investiert, 214 neue Stellen geschaffen. Im vergangenen Jahr erzielte die Gruppe 28,4 Mio. Euro Umsatz – doppelt so viel wie vor fünf Jahren. In dieser Zeit war die Genossenschaft stets profitabel, schüttete 2011 718.000 Euro Gewinn an die Mitglieder aus. Hinzu kommt die 50-Prozent-Beteiligung an einer Firma, die 16 Rewe-Lebensmittelmärkte betreibt. 2011 machte allein diese Tochter 41,3 Mio. Euro Umsatz.

    Gar nicht selten
    Genossenschaften sind weitverbreitet. 2012, im internationalen Jahr der Genossenschaft, zählt der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband, DGRV, 5795 Mitglieder.
    Kredit-
    genossenschaften
    Davon gibt es 1121. Vor allen Volksbanken, Raiffeisenbanken, Sparda-Banken.
    Agrar-
    genossenschaften
    2531 Lagerhäuser, Molkereien, Winzergenossenschaften, Fachgroßhändler für Bäckereien. Den im VSZ organisierten Zuckerrübenanbauern gehört Südzucker zu 55 Prozent.
    Handels-
    genossenschaften
    1928 Genossenschaften sind Zusammenschlüsse von Ladenbesitzern, etwa der Ketten Rewe und Edeka. In den vergangenen Jahren kamen Fotovoltaikgenossenschaften hinzu.
    Konsum-
    genossenschaften
    gibt es 259 in West- und Ostdeutschland.
    Wohnungsbau-
    genossenschaften
    Mehr als 2000 sind im GdW organisiert.

    Beeindruckend werden diese Zahlen erst, wenn man bedenkt, dass von den 196 Konsumgenossenschaften, die es in Ostdeutschland im Jahr 1989 gab, nur wenige übrig blieben, gerade einmal sieben sind heute noch im selben Geschäft tätig wie zur Wendezeit. Für einen Großteil blieb nur die Beantragung der Gesamtvollstreckung, das ostdeutsche Insolvenzverfahren. Sie hätten, heißt es in einer Chronik vom Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften, “die Anpassung an die neuen Bedingungen nicht schnell genug vollziehen” können.

    “Allein ihr Verdienst”

    Hebestreit hat den Übergang in die Marktwirtschaft geschafft. Sie verlagerte den Schwerpunkt weg vom einstigen Standbein, dem Lebensmittelgeschäft. Hin zur Mode. Burchard Bösche von der Heinrich-Kaufmann-Stiftung, die über Genossenschaften forscht, sagt, die Weimarer Genossenschaft sei diejenige, die erfolgreich diversifiziert wurde, und deshalb “wirtschaftlich sehr erfolgreich”.

    “Allein ihr Verdienst”, sagt Kurt Krieger über Hebestreit. Seiner Familie, laut dem US-Magazin “Forbes” die 158.-reichste Deutschlands, gehören die Möbelhauskette Höffner und große Einkaufszentren wie das Chemnitz Center, in dem die Genossenschaft Modeläden betreibt.

    “Sie war ziemlich begeisternd”

    Krieger, eher öffentlichkeitsscheu, taut auf, wenn er über Hebestreit spricht, er fängt dann an zu berlinern. Sie sei “eine Ausnahmeerscheinung. Die ist richtig tough, die Tante. Es gibt viele Dummschwätzer in der Branche. Viel zu viele reden viel zu viel und halten nichts. Sie ist anders.” Pause. “Eine tolle Frau.”

    Die auf eine DDR-Bilderbuchkarriere zurückblickt. Schon dem Mädchen vom Bauernhof wird ihre Verkäuferinnenlehre bei der Konsumgenossenschaft verkürzt wegen guter Leistungen. Sie beginnt ein Studium auf der Konsum-Schule, heiratet, bekommt zwei Kinder und macht 1978 ohne Verzögerungen ihren Abschluss. Wird sofort stellvertretende Leiterin einer Lebensmittelfiliale.

    Erfolgsgenossen
    Die Geschichte der Konsumgenossenschaft Weimar: Sie überlebte Naziherrschaft, Sowjetbesatzung und die Wende
    1873 110 Weimarer Bürger gründen den Konsumverein, fünf Jahre später eröffnet der das erste Geschäft.
    1933 Die Nazis schalten die Konsumgenossenschaft gleich, Verwaltungen werden von der SA besetzt, ihnen wird die Selbstbestimmung entzogen.
    1945 Die sowjetischen Besatzer stellen sie wieder her.
    1970 Trotz Benachteiligung bei Standorten und Warenzuteilungen setzt die Genossenschaft mehr um als die staatlichen HO-Läden.
    1989 Zur Wende machen die Weimarer 230 Mio. DDR-Mark Umsatz, haben 1200 Mitarbeiter, 100 Gaststätten, 42 Non-Food-Läden, 168 Lebensmittelläden. Die meisten schließen, die verbliebenen betreibt eine Firma, die halb Rewe und halb der Genossenschaft gehört.
    1996 Alle Gaststätten sind verkauft oder vermietet. Die Lebensmittelsparte setzt mit 400 Mitarbeitern 40 Mio. D-Mark um. Eröffnung des ersten Kaufhauses.
    2004 5: Mit den neuen Töchtern Fashion & Style und Modern Woman Vertriebsgesellschaft stellt sich die Gruppe breiter auf und senkt Risiken.
    2011 Die Genossenschaft übernimmt das Schillerkaufhaus.
    2012 Verkauf des Anteils an der Rewe-Konsum an Rewe.

    Sie kann ihre Karriere wegen der staatlich organisierten Kinderbetreuung fortsetzen. Ist da bereits Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). “Aus Überzeugung”, sagt sie. “Da habe ich dran geglaubt, ich bin so aufgewachsen.” Sie ist ehrgeizig und entscheidungsstark. Sie spricht schnell, wirkt selbstsicher und ist bei allem auf Effektivität aus, sie wiederholt sich nie. Und sie lacht viel, verbreitet gute Stimmung.

    Bezirksverbandschef Günter Beyer, die übergeordnete Instanz, schlägt Hebestreit 1984 als Vorsitzende der Konsumgenossenschaft vor. Damals hat die 28-Jährige gerade angefangen, die Gaststätten der Genossenschaft zu leiten. Sie habe die Grundvoraussetzungen erfüllt, sagt sie: “SED-Mitglied” und “Arbeiter- und Bauernkind”. Und: Sie ist eine Frau. Es gibt schon länger einen Frauen-in-Führungspositionen-Befehl in der DDR. Der aber meist ignoriert wird. Nicht jedoch von Beyer. Insgesamt drei Frauen lässt er zu Vorsitzenden von Konsumgenossenschaften wählen.

    An der Spitze angekommen, stößt die Quotenfrau auf Widerstand. “Es waren neun Personen im Vorstand, fünf davon Männer über 60 Jahre alt”, erzählt sie. Die alten Männer denken alle, sie hätten das Amt kriegen sollen. Sagen ihr das auch. “Die haben versucht, mich vorzuführen. Ich hab sie alle knacken können. Die haben sich irgendwann geöffnet, nach harten Auseinandersetzungen.”

    Ihre Fähigkeit zu überzeugen, sich durchzusetzen – in der Partei stößt sie an Grenzen. 1988 tritt sie aus der SED aus. “Es war offensichtlich, man konnte damals nichts mehr ändern, alles war festgefahren.” Sie bleibt aber Genossenschaftschefin.

    Und dann kommt die Wende. Hebestreit reagiert sofort. Sie ahnt, es wird Probleme geben mit dem staatlichen Großhandel der DDR, der wird bald keine Waren mehr in die Läden bringen. Also fährt sie bereits im Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall, in den Westen, Lieferanten suchen. Die anderen Konsumgenossenschaften verharren da noch in einer Starre, schauen, was auf sie zukommen wird.

    “Sie war ziemlich begeisternd”

    Sie aber sitzt in einem Zweitakter-Wartburg mit Fahrer, den Kofferraum voll Benzingemisch-Kanister, in Fulda an einer roten Ampel. Auf der Spur daneben hält ein Auto. Der Mann kurbelt das Fenster runter und will über den DDR-Wagen reden. Wolfgang Wehner ist Lebensmittelgroßhändler. Glück. Zufall. Er ruft von der nächsten Telefonzelle Gerd Kaiser an, einen der sechs Regionalchefs von Rewe. Kaiser erinnert sich: “Herr Wehner war am Telefon völlig enthusiastisch. Da bin ich hingefahren. Und ja, sie war ziemlich begeisternd.”

    Am 5. April 1990 eröffnete der erste Rewe-Supermarkt in Weimar am Theaterplatz in Kooperation mit der Konsumgenossenschaft. “Das war, glaube ich, das erste genehmigte Joint-Venture”, so Kaiser. Er beschreibt Hebestreit als “pfiffig, schnell, umtriebig, sehr aktiv. Sie hat sofort erkannt, was zu tun ist.”

    “50 Prozent von allem gehört uns, von Anfang an”

    Sie hat damals alles richtig gemacht, sie handelte gute Verträge aus. Viele, die es versuchten, so ihr Aufsichtsratsvorsitzender Hilmar Juckel, landeten in Partnerschaften, die sich nicht rentierten. Der Umsatz wurde erst mal in den Westen überwiesen, Gewinne gab es lange nicht bis nie. Der Vertrag der Weimarer mit Rewe sagte, “50 Prozent von allem gehört uns, von Anfang an”, sagt Hebestreit. Das habe ihr Instinkt so diktiert.

    Dennoch wird die Zeit nach der Wiedervereinigung hart. Die Genossenschaft besitzt 168 kleine Lebensmittelläden rund um Weimar, die müssen geschlossen werden. Hat der Vorstand beschlossen. Hebestreit ist die Einzige aus dem Gremium, die in die Läden geht und den Mitarbeitern von Angesicht zu Angesicht sagt, dass sie ihre Jobs verlieren. Was ihr heute noch hoch angerechnet wird.

    Beobachtet man Hebestreit bei den Besuchen in den Filialen, fällt auf: Sie kann gut mit Menschen, ist eine Schnellfeuer-Kommunikationsmaschine, lacht ihr großes Lachen, kennt jeden Namen. Alle freuen sich, sie zu sehen. Auch in der Schillerstraße in Weimar. Dort betreibt die Konsumgenossenschaft neun Läden, eigene wie Antilope und Xquisit und welche für Gerry Weber, Tamaris und andere Marken. Bei jedem Treffen mit einer Verkäuferin ist zu spüren: Sie hat dasselbe durchgemacht wie wir. Wir sind stolz auf das, was sie im neuen System erreicht hat. Öfter ist zu hören, die Sigrid könne ordentlich feiern. Die habe Humor.

    Im Schillerkaufhaus, das die Genossenschaft vergangenes Jahr von gescheiterten West-Investoren übernommen hat, ist sie eines von den Mädchen. Sie wird getätschelt, umarmt, auf die Wange geküsst. Verkäuferin Ilona Patz im Schillerkaufhaus sagt: “Ich habe große Achtung vor ihr, sie hat unsere Arbeitsplätze gerettet.” Kollegin Sonja Pfirschke, eine Etage höher, seit 47 Jahren dabei, sagt, sie sei stolz auf Hebestreit. Die hatte bei ihr gelernt, damals, als sie ihre Karriere als Lehrmädchen begann.

    Hebestreit hat in der DDR etwas mitgenommen, das ihr heute hilft: Es kommt auf die Zahlen an. Ihr Controlling von heute, gelernt habe sie es im Honecker-Staat. “Ich kann gut mit Zahlen”, sagt Hebestreit. Zu DDR-Zeiten waren Zahlen alles. “Als Genossin wurde ich darauf getrimmt, ergebnisorientiert zu sein. Zahlen wurden genau kontrolliert.” Ihre Geschäfte konkurrierten mit staatlichen HO-Läden, wurden benachteiligt, hatten nur Chancen, weil sie “absolut kennziffergetrieben” war.

    Noch was hat sie aus den alten Zeiten ins Heute übertragen: Die Konsumgenossenschaft macht Fünfjahrespläne, als Leitfaden, um mit den Mitgliedern diskutieren zu können, erklärt Hebestreit. Als Antrieb, sagt Juckel, seit 1994 Aufsichtsratsvorsitzender der Konsumgenossenschaft Weimar. “Sie arbeitet die immer in drei Jahren ab.”

    Eine Genossenschaft sei speziell, die Genossen müssen überzeugt werden, denn die stimmen ab. “Das ist anders als in einer Firma. Man braucht die Mitarbeiter und die Genossen.” Genossen, das sind die Mitglieder, die Eigentümer der Genossenschaft. Viele davon sind Verkäuferinnen. Sie bekommen jährlich sechs Prozent auf ihren Anteil, manchmal sogar zehn.

    Hebestreit fühlt sich verpflichtet, arbeitet akribisch. Juckel ist einer, der das zu spüren bekommt. Der Mann, der Hebestreit kontrolliert, erzählt: “Ich fahre eigentlich immer mit dem Auto zu meinen Terminen. Nach Weimar nicht. Das liegt an ihr. Sie hat Zwölf-, 14-, 16-Stunden-Tage, und danach bin ich, wegen ihres Tempos, zu platt, um noch ins Auto zu steigen. Sie müssen höllisch aufpassen, sie hat immer schon viel weiter gedacht, alles exakt vorbereitet.”

    “Frauenpower pur”

    Juckel, ein Unternehmer aus dem Westen, war lange Berater, hatte für die Treuhand Handelsfirmen privatisiert in Ostdeutschland. Er sei in vielen Aufsichtsräten gewesen, Krabbelgruppen verglichen mit dem Job in Weimar. “Die Frau fordert einen.” Woanders würden die Unterlagen oft kurz vor der Sitzung durchgelesen. So was würde mit Hebestreit nicht funktionieren. Vor Terminen gebe es immer Vorbesprechungen. Die sind in der Nacht vor den eigentlichen Sitzungen, die um 8 Uhr morgens beginnen.

    “Frauenpower pur”

    Juckel nennt Hebestreit eine Menschenfängerin. “Ihr gelingt es unheimlich gut, Menschen für die Interessen der Konsumgenossenschaft zu gewinnen und zu begeistern.” Etwa Jens Beining, den geschäftsführenden Gesellschafter der Wortmann Schuh-Holding, die einen Tamaris-Shop und vier Tamaris-Verkaufsflächen von der Genossenschaft betreiben lässt. “Die Konsumgenossenschaft Weimar ist Frauenpower pur”, sagt Beining. Sie sei “extrem innovativ, schnell, immer am Puls der Zeit, umsetzungsstark. Hebestreits Freude und Enthusiasmus ist im gesamten Unternehmen zu spüren.”

    Das lernte Beining, als Hebestreit nach Detmold zum Antrittsbesuch bei Wortmann kam. Im Bus. Brachte neun Mitarbeiterinnen mit, unangemeldet. Frauen, die Tamaris-Schuhe verkaufen sollten in Weimar. Es wurde ein lustiger Nachmittag, erinnert sich Constanze Weißhaupt, Hebestreits Assistentin. Beining habe die restlichen Termine des Tages abgesagt. Er bekam einen Eindruck, wie die in Weimar ticken, warum sie mutiger neue Modelle bestellen, solche, bei denen andere Einkäufer erst noch mal abwarten, ob die sich durchsetzen.

    “Die Marge ist das K.-o.-Kriterium”

    Hebestreit lässt die Filialleiterinnen einkaufen, schickt sie auf die Messen. Das machen andere Firmen nicht, weiß Aufsichtsrat Juckel. Der Klassiker im Modebereich höre sich so an: Das verkauft sich nicht, sage die Verkäuferin, da hat der Chefeinkäufer Schuld, der weiß ja nicht, was meine Kundin will. “Bei der Genossenschaft sagt das niemand.”

    Hebestreit, so Juckel, sorge dafür, dass sich niemand rausreden könne. Christiane Krause, Filialleiterin des Schuhprofis in Weimars Schillerstraße, sagt: “Ich rechne den Laden durch, als wär es mein eigener.” Und über ihre Chefin: “Rentabilität ist ihr sehr wichtig, die lässt sie nie aus den Augen. Es ist für mich also wichtig, immer auch die kleinste Zahl im Kopf zu haben.” Dann geht sie Schuhe verkaufen, solche, die sie selbst bestellt hat, weil ihr aus dem Stand neun Frauen eingefallen sind, denen die Schuhe sicher auch gefallen werden.

    Ein weiteres Mittel der Motivation: Die Mitarbeiterinnen bekommen Prämien. Keine Einzelprämien, keine Prozente pro verkauftem Teil, sondern Teamprämien. Geld sei wichtig, sagt Hebestreit. Die Teamleiterin verteile die Prämien. Selbst darf sie sich höchstens 20 Prozent aus dem zugewiesenen Prämientopf nehmen, den Rest verteilt sie an die Mitarbeiterinnen. “Mitarbeit muss sich im Portemonnaie auswirken.” Die Prämien richten sich nach Umsatz und Planerfüllung, “auch nach der Marge. Die ist das K.-o.-Kriterium.”

    Assistentin Weißhaupt benutzt oft das Wort Vertrauen, um die Chefin zu beschreiben. Das jeder, der mit ihr arbeitet, in Hebestreit habe. Und das, das man von ihr bekomme. Teamleiterinnen können ihre Preisspannen selbst festlegen, um 14 Uhr plötzlich Rabatte geben. Preise freihändig bestimmen. “All das bedeutet, wir haben wenig Fluktuation, motivierte Mitarbeiterinnen”, sagt Hebestreit.

    Und auch die Geschäftspartner zeigen sich von Hebestreits Managementstil beeindruckt. Etwa Arnd Buchardt, Geschäftsführer von Gerry Weber Fashion. Hebestreit, so Buchardt, besitze “den Mut, neue Dinge auszuprobieren”. Für die Weber-Gruppe betreibt die Konsumgenossenschaft zehn Houses of Gerry Weber, Taifun- und Samoon-Stores in Sachsen und Thüringen, dazu Flächen in Kaufhäusern und Läden. “Sie gehört zu unseren wichtigsten Partnern in Deutschland.” Wohlgemerkt Deutschland, nicht Ostdeutschland.

    In Chemnitz im Einkaufszentrum geht Hebestreit durch den eigenen Xquisit- und den Antilope-Laden. Sie sagt: “Wenn Sie mit einem Schuhgeschäft so viel reinholen wie mit zwei oder drei Lebensmittelmärkten?…” Lebensmittel waren nach der Wende das Standbein der Konsumgenossenschaft. “Die Lebensmittelleute rechnen mit der dritten Stelle hinter dem Komma. Da kann man von lernen.” Ihre Lektion: Mit Mode kann man mehr Geld verdienen. Ein paar Wochen später verkauft die Konsumgenossenschaft Weimar ihre Hälfte an der Firma, die 16 Lebensmittelmärkte gemeinsam mit Rewe betrieben hat, an Rewe. Hebestreit hat mit Rewe verhandelt, weil ihr die Margen zu gering waren. Ja, sagt sie Tage später am Telefon, sie sei pragmatisch und entscheide schnell.

    Aus dem Magazin
    Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 07/2012.

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    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse
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