Management Fachexperten bevorzugt? Warum branchenfremde Manager oft noch selten sind

Daimlers langjähriger Nutzfahrzeugchef Andreas Renschler (li., mit Vorstandschef Dieter Zetsche) wechselte zum Konkurrenten Volkswagen.

Daimlers langjähriger Nutzfahrzeugchef Andreas Renschler (li., mit Vorstandschef Dieter Zetsche) wechselte zum Konkurrenten Volkswagen.© dpa

Vor allem bei Autobauern haben Führungskräfte aus fremden Branchen einen schweren Stand. Fast nie schafft es ein Manager aus einer anderen Industrie, dort Fuß zu fassen. Dabei täte Volkswagen, BMW und anderen ein frischer Blick ganz gut, sagen Experten.

Die Nachricht schlug vor einem Jahr in der Branche wie eine Bombe ein: Daimlers langjähriger Nutzfahrzeugchef Andreas Renschler wechselt zum Konkurrenten Volkswagen. Nach angemessener Karenzfrist trat Renschler vor wenigen Tagen nun seinen Job im Vorstand von Volkswagen in Wolfsburg an. Schon solche Wechsel zwischen den großen deutschen Autoherstellern sind selten. Die Nachfolge von BMW-Chef Norbert Reithofer beispielsweise tritt im Mai der bisherige BMW-Produktionsvorstand, Harald Krüger, an. Ein Manager aus einer anderen Branche? Kaum vorstellbar.

„In der Automobilindustrie bedarf es ausgeprägter Fachkompetenzen, da wir es mit hoch komplexen Produkten und Wertschöpfungsprozessen zu tun haben“, erklärt Michael Ensser, Partner beim Schweizer Personalberater Egon Zehnder, die Branchentreue bei den Autobauern. Opels Marketing-Chefin Tina Müller, auf deren Konto die Kampagne „Umparken im Kopf“ geht, ist eine der wenigen, die es von außerhalb der Branche geschafft haben. Sie arbeitete früher für den Konsumgüterhersteller Henkel.

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Umgekehrt sind hochrangige Automanager in anderen Branchen durchaus gefragt. Rüdiger Grube trieb erst als Daimler-Vorstand die Trennung von Chrysler voran, bevor er Chef der Deutschen Bahn wurde. Der frühere BMW-Vorstand Wolfgang Reitzle arbeitete Jahrzehnte in der Autobranche, um dann den Industriegase-Konzern Linde zu führen.

Welche Manager in neuen Umfeldern Fuß fassten

„Auf höchster Ebene brauchen die Manager einen guten Überblick, die sogenannte „helicopter view“ – und ganz viel Führungserfahrung“, erklärt Jörg Kasten von der Personalberatung Boyden. Seiner Meinung nach sind solche Manager allerdings eine aussterbende Spezies: „In Zeiten der Deutschland-AG hatten Manager ganz andere Netzwerke.“

Hartmut Mehdorn gilt als ein solches Exemplar. Allerdings halfen ihm seine Erfahrungen bei Airbus, der Deutschen Bahn und Air Berlin nicht, den Hauptstadtflughafen zu retten. Er kündigte vor Weihnachten nach Querelen mit den Aufsehern seinen Rücktritt als Geschäftsführer des BER an. Ex-Vodafone-Deutschland-Chef Friedrich Joussen, dem ebenfalls Führungsstärke nachgesagt wird, setzte beim Reisekonzern Tui dagegen die Fusion mit der Londoner Tochter Tui Travel durch.

„Es zeichnet hervorragende Manager aus, auch in neuen Umfeldern Fuß zu fassen“, sagt Ensser. Entscheidend sei aber, dass ihre Kenntnisse in der neuen Branche strategisch wirklich relevant sind.

“Vielen Firmen täte es gut, jemanden von außen zu holen“

Generalistische Manager wie Wolfgang Reitzle seien seltener geworden, stellt Tiemo Kracht, Partner der Personalberatung Kienbaum, fest. Viele Manager würden heute „Opfer der Divisionalisierung“. Sie würden in Organisationen mit mehreren Führungssträngen sozialisiert, ihre Karrieren seien „versäult“: „Das fördert keine zupackenden, entscheidungsfreudigen und unternehmerisch ausgerichteten Persönlichkeiten, weil Verantwortung diffundiert.“

Trotzdem gibt es auch jüngere Wechsler. Der Finanzchef von ThyssenKrupp, Guido Kerkhoff, hatte seine Meriten bei der Deutschen Telekom verdient. In Stabsfunktionen wie Finanzen oder Personal fällt die Umstellung auf eine neue Branche einfacher.

„Es kann befruchtend wirken, wenn Finanz- oder Technikchefs aus einer anderen Branche kommen“, sagt Kasten. Der Headhunter ist allerdings skeptisch, ob das auf zentrale Bereiche wie die Entwicklung oder die Position des Vorstandschefs übergreift: “Vielen Firmen täte es gut, jemanden von außen zu holen. Ich befürchte, im Zuge der Risikominimierung geht es aber eher in die andere Richtung.“

Wandel auch in der zugeknöpften Autobranche?

Sein Kollegen Kracht ist anderer Meinung. Der demografische Wandel mache auch vor den Führungsebenen nicht halt: „Das wird zu einer Öffnung auch für branchenfremde Manager führen.“ Personalberater Ensser sieht das ähnlich. „Wir sehen einen wachsenden Bedarf an branchenübergreifenden Impulsen – und damit auch die Bereitschaft, über Manager mit neuen Sichtweisen nachzudenken“, sagt er.

Das wird am Ende auch vor der noch zugeknöpfte Autobranche nicht haltmachen, glaubt Ensser: „Da das Auto – etwas zugespitzt – mehr und mehr zum verlängerten Smartphone wird, sind die bisherigen Branchenkompetenzen alleine nicht mehr ausreichend.“

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