Management Fachkräfte mit Behinderung – eine Chance für Unternehmen

Fachkräfte mit Behinderung, etwa Blinde, bringen oft Fähigkeiten mit, von denen Unternehmen profitieren können.

Fachkräfte mit Behinderung, etwa Blinde, bringen oft Fähigkeiten mit, von denen Unternehmen profitieren können.© blackboard1965 / Fotolia.com

Menschen mit Behinderung sind oft gut ausgebildet, finden aber trotzdem keinen Job. Dabei können Unternehmen von Fachkräften mit Behinderung profitieren.

impulse: Frau Toporowski, Sie haben vor einigen Monate eine Personalvermittlung für Menschen mit Behinderung gegründet. Wie kamen Sie auf die Idee?

Beate Toporowski: In meinem Bekanntenkreis gibt es Menschen mit Behinderung, die wirklich was auf dem Kasten haben, sehr gebildet sind und trotzdem keinen Job finden. Ich habe miterlebt, wie sie immer gekämpft haben, aber trotzdem arbeitslos blieben, wegen einer körperlichen oder psychischen Behinderung und der damit verbundenen Vorurteile. Das hat mich ziemlich mitgenommen: Menschen mit sehr guter beruflicher Qualifikation haben oft keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt in Deutschland, nur weil sie beeinträchtigt sind.

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Und auf der anderen Seite …

Auf der anderen Seite suchen Unternehmen dringend Fachkräfte und sind sich gar nicht bewusst, welche Potenziale es noch in Deutschland gibt. Es ist unglaublich schade für beide Seiten, dass diese Ressource an Fachkräften nicht genutzt wird.

Warum scheuen Unternehmen sich denn davor, Menschen mit Behinderung einzustellen?

Viele sehen nur bestimmte Formen der Behinderung. Die meisten haben sofort das Bild eines Rollstuhlfahrers im Kopf und denken: „Oh Gott, jetzt müssen wir überall Rampen bauen und ein behindertengerechtes WC.“ Wir haben auch Bewerber, die im Rollstuhl sitzen, aber der Anteil ist sehr gering. Über 90 Prozent der Behinderungen sind auf den ersten Blick nicht sichtbar. Außerdem gibt es viele Vorurteile, wie zum Beispiel, dass Menschen mit Behinderung nicht leistungsfähig und häufig krank wären – oft ist jedoch genau das Gegenteil der Fall.

Trotzdem müssen Arbeitgeber Mitarbeiter mit Behinderung doch wahrscheinlich unterstützen?

Das ist sehr individuell. Wenn es Defizite im Bereich Kommunikation gibt, ist es manchmal wichtig, dass ein Mitarbeiter einen festen Ansprechpartner im Unternehmen hat, auf den er sich verlassen kann. Oder die Person braucht ein ruhiges Umfeld – dann könnte man absprechen, dass nicht die ganze Zeit geredet wird und es feste Konzentrationsphasen gibt. Wenn jemand körperliche Behinderungen hat, dann braucht er vielleicht spezielle Programme, die aber auch gefördert werden. Jemand mit einer Sehbehinderung braucht eine Software, um am Computer arbeiten zu können, oder jemand braucht einen speziellen ergonomischen Stuhl. Es sind meist relativ überschaubare Maßnahmen. Fast nie muss das ganze Gebäude umgebaut werden.

Muss ich das als Unternehmer selber bezahlen?

Es gibt viele Fördermöglichkeiten für Unternehmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen wollen, aber leider keine übergreifende Stelle, die sich um alle Förderungen kümmert. Meist betrifft das Menschen mit einer Schwerbehinderung, also einem anerkannten Grad der Behinderungen (GdB) von 50 und mehr. Neben den bundesweiten Fördermöglichkeiten macht es für Unternehmer Sinn, sich über regionale Initiativen zu informieren. Förderungen gibt es aber immer nur pro eingestellten Mitarbeiter als Einzelfall und nicht für das gesamte Unternehmen.

Wie können Unternehmen die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung beurteilen?

Viele bemessen am Grad der Behinderung, wie leistungsfähig jemand ist. Der GdB gibt jedoch keinen Aufschluss über die Leistungsfähigkeit im Beruf. Manche haben einen GdB von 100 und haben trotzdem in der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeiten keinerlei Beeinträchtigung. Das ist Arbeitgebern manchmal schwer zu vermitteln. Anderseits denken viele, dass bestimmte Arten der Behinderung für bestimmte Berufe prädestiniert sind. Es mag Tendenzen geben, aber das ist abhängig von vielen Faktoren wie zum Beispiel individuelle Begabungen, Interessen, Fähig- und Fertigkeiten. Pauschal lässt sich nicht sagen: „Ich habe eine Stelle in der Datenpflege und dafür suche ich jetzt jemanden mit der Diagnose Autismus.“

Wie profitieren Unternehmen denn von Fachkräften mit Behinderung?

Eine Fachkraft mit Behinderung kann eine große Chance sein, weil sie oder er andere Erfahrungen gemacht hat und eventuell anders wahrnimmt und vielleicht ganz neue Ideen ins Unternehmen bringt. Menschen mit Behinderung müssen oft Beeinträchtigungen in einem Bereich kompensieren, deshalb haben sie bemerkenswerte Fähigkeiten in anderen Bereichen. Wer sich anschaut, was diese Menschen können, anstatt sich darauf zu konzentrieren, was sie aufgrund ihrer Behinderung alles nicht können, kann sehr gute Fachkräfte für sein Unternehmen gewinnen.

In vielen Stellenausschreibungen steht, dass Menschen mit Behinderung bevorzugt eingestellt würden. Stimmt das tatsächlich oder ist das nur eine Floskel?

Mein Gefühl ist, dass Unternehmen nicht gezielt nach Fachkräften mit Behinderung suchen. Sondern wenn sich jemand bewirbt und der passt von den Qualifikationen her, dann denken sie darüber nach. Das Problem sehe ich darin, dass sich diese Gruppe gar nicht erst bewirbt, weil die Unternehmen nicht explizit kommunizieren, dass sie auch Menschen mit Behinderung willkommen heißen.

Wie meinen Sie das?

Der Satz, der in vielen Stellenausschreibungen steht, wird sehr selten von Unternehmen explizit kommuniziert. Nach dem Motto: Wir sind wirklich interessiert an Menschen mit Behinderung und bereit dazu, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Bewerber haben meist das Gefühl, dass es nur so dahingesagt und nicht ernst gemeint ist. Und wenn sie dann doch zum Vorstellungsgespräch eingeladen sind, dann fühlen sie sich eingeschüchtert. Etwa weil direkt ein Vertreter des Betriebsrats dazu geholt wird und der Bewerber dann vor einer Jury aus acht Menschen sitzt. Er bekommt damit signalisiert: Nur weil ich eine Behinderung habe, entscheiden noch mehr Menschen darüber, ob ich eingestellt werde. Das ist vielleicht gut gemeint, aus der Sicht der Bewerber ist es aber wahrscheinlich abschreckend.

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