Management Firmenkultur: Kennen Sie Ihre Mitarbeiter gut genug?

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Firmenkultur kann nur dort gedeihen, wo es auch Raum für Gespräche gibt

Firmenkultur kann nur dort gedeihen, wo es auch Raum für Gespräche gibt© Rawpixel - Fotolia

Hand aufs Herz: Wie viel wissen Sie über Ihre Mitarbeiter? Über deren Alltag und Interessen? Wahrscheinlich zu wenig. Unternehmerin und impulse-Bloggerin Antje Hinz ist überzeugt: Mitarbeiter wollen auch im Job Privates preisgeben - wenn man ihnen den Raum dazu gibt. Sie erklärt, wie auch Firmenchefs von einem kreativen "Mitarbeiter-Miteinander" profitieren können.

Kultur kann nicht eingekauft oder einfach oben aufgesetzt werden, sondern durchdringt alle Vorgänge in einer Organisation. Kultur meint mehr den Umgang mit dem WIE als mit dem WAS.

(Bernd Schmid, Wirtschaftswissenschaftler und Begründer der systemischen Transaktionsanalyse (TA)

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Wer sein Unternehmen erfolgreich führen will, sollte sich nicht nur wirtschaftlich gut aufstellen. Die Unternehmenskultur beeinflusst maßgeblich den Erfolg und die Attraktivität einer Firma – sowohl nach innen als auch nach außen. Stellt ein Mitarbeiter fest, dass die Unternehmenskultur nicht zu ihm passt, wird er die Firma bald wieder verlassen. Und haben Kunden das Gefühl, das Leitbild steht nur auf dem Papier bzw. auf der Website, wird aber im Alltag nicht umgesetzt, werden sie sich andere Geschäftspartner suchen.

Doch wie lässt sich Unternehmenskultur definieren? Es geht um Werte und Verhalten, um Rituale und Umgangsformen, um Spielregeln und Statussymbole, um Einfühlungsvermögen und Verständnis. Vor allem aber geht es um Kommunikation, um das Reden miteinander und das einander Zuhören, die Basis dafür, dass Menschen sich näher kommen, besser kennen lernen und wertschätzen.

Hand aufs Herz: Wie viel wissen Sie über Ihre Mitarbeiter, über deren Interessen, die außerhalb des beruflichen Alltags liegen? Müssen Sie darüber überhaupt etwas wissen? Welchen Nutzen sollten diese „weichen Informationen“ für Sie und Ihr Unternehmen haben? Möchte Ihr Mitarbeiter Ihnen (und den Kollegen) überhaupt Einblick in seine berufsexterne bzw. private Welt geben? Ich glaube ja – wenn ein geeigneter Rahmen dafür geschaffen wird. Sie werden es aus eigener Erfahrung kennen: Wenn Sie Ihren Mitmenschen über Ereignisse und Erfahrungen berichten, die Ihnen wichtig sind und Freude bereiten, blühen Sie auf. Im Gegenzug öffnet sich auch Ihr Gegenüber. Genau darin liegt eine große Chance: Schaffen Sie in Ihrem Unternehmen ein Umfeld des Vertrauens und der Aufmerksamkeit, der Leidenschaft und Motivation!

Es gibt Firmen, die schmieden in betrieblichen Sport-, Musik- oder Kunstgruppen am Gemeinschaftsgefühl der Mitarbeiter. Doch wo bleiben jene, die sich in diesen Kreisen nicht wieder finden? Wie bereitet man auch stillen, verschlossenen Mitarbeitern eine Bühne im Gegensatz zu extrovertierten Kollegen, die ständig und überall im Mittelpunkt stehen?

Testen Sie den „Mitarbeiter-Slam“

Kleinstgruppen – Tandems, Trios oder Quartette – bieten eine gute Möglichkeit, um sehr unterschiedliche Charaktere voneinander profitieren zu lassen. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor:

Sie organisieren ein Betriebsfest und regen für die Zeit vor dem Essen und der Musikband einen zweistündigen „Mitarbeiter-Slam“ an (Slam = dt. Schlag / Knall; sinngemäß: Wettstreit / Schlacht). Nach dem Vorbild unterhaltsamer bzw. wissenswerter Poetry- und Science-Slams berichtet ein Mitarbeiter jeweils über die Talente und Interessen eines anderen.

Hier sind Einfühlungsvermögen und Kreativität gefragt! Wie präsentiere ich das Betätigungsfeld des Kollegen interessant und spannend? Welche Utensilien nutze ich, um es anschaulich und unterhaltsam zu machen? Vielleicht bereite ich einen kleinen Film vor, der den Kollegen bei seiner Freizeitbeschäftigung bzw. mit seinem Talent zeigt? Vielleicht stelle ich dem Kollegen auch einige Fragen vor dem Publikum, die er dann spontan beantwortet?

Voraus geht dem „Talente-Slam“ ein Kennenlern- bzw. Austauschtreffen, in dem sich die miteinander vernetzten Kollegen, das Talent und der Präsentator, gegenseitig interviewen, über ihre Interessen austauschen und die öffentliche Vorstellung vorbereiten.

Ich bin sicher, ein solcher „Talente-Slam“ fördert spannende Geschichten zu Tage, zum Beispiel über einen Mitarbeiter, der alle Tatort-Folgen kennt, eine Kollegin, die seit 20 Jahren immer wieder in das gleiche andalusische Dorf reist, eine andere, die Daumenkinos und Eierbecher sammelt, über einen jungen Kollegen, der faszinierende Comics zeichnet, einen weiteren, der Rennrad fährt und Fische züchtet, einen älteren, der im Kindergarten vorliest und traumhafte Muffins backen kann, eine Praktikantin, die auf jedes neue Buch von Donna Leon hinfiebert, über einen Azubi aus Tunesien, der Märchen seiner Heimat zum Besten geben kann und einige Reime auf Plattdeutsch, die ihm sein Nachbar beibrachte, und schließlich über den Unternehmenschef, der nur noch selten zum Schlagzeugspielen kommt, aber seinen Mitarbeitern mit leuchtenden Augen von seinem Idol Phil Colins erzählt, dass der nicht nur Popsänger, sondern auch ein begnadeter Schlagzeuger ist.

Damit die Mitarbeiter aufmerksam zuhören und bei der Stange gehalten werden, bildet das Finale des „Talente-Slams“ ein spielerisches Quiz, in dem kleine Details zu den vorausgegangenen Präsentationen abgefragt werden (Stichwort: Gamification!). Die gelungenste Darbietung wird am Ende prämiert – eine Belohnung erhält sowohl der Präsentator als auch das präsentierte Talent. Was das sein kann? Dazu fällt Ihnen sicher selbst etwas ein!

Vom „Flow“ zum Unternehmensprojekt

Aus dem einmaligen Ereignis könnte je nach Größe des Unternehmens ein dauerhafter Talente-Slam-Club werden, mit oder ohne professionelle Anleitung. Einmal pro Woche – zum Beispiel in der Mittagspause – rücken sich Mitarbeiter gegenseitig ins Rampenlicht und öffnen neue Horizonte – über Biografien, Herkunft, Vorlieben, Interessen und Talente.
Ist der Weg der kreativen Offenheit im Unternehmen einmal beschritten, so werden sich weitere Weggabelungen auftun, um auf innovativen Pfaden fortzuschreiten.

Einige Mitarbeiter werden von sich glauben, überhaupt nicht kreativ zu sein. Im Talente-Slam erleben sie das Gegenteil, lernen sich selbst (und andere) von einer neuen Seite kennen und gehen gestärkt daraus hervor. Im besten Fall lässt sich diese Phase, die nicht selten als „Flow“ erlebt wird, in konkrete Unternehmensprojekte überführen, wenn es darum geht, Prozesse zu hinterfragen, neu zu diskutieren, anders zu organisieren. Vielleicht lassen sich genau die Talente, die Sie von Ihren Mitarbeitern gar nicht kannten, konkret in Ihrem Unternehmen nutzen? Vielleicht beflügelt das neue Interesse der Kollegen füreinander die Motivation so sehr, dass eigenverantwortliches Arbeiten in neuen Bereichen und Gruppierungen möglich wird?

Lassen Sie sich von Ihren Mitarbeitern und dem innovativen Prozess überraschen! Haben Sie Mut zu Kreativität, begreifen Sie sie als fruchtbare Chance und Bereicherung!

Vielleicht stecken Sie schon mittendrin im Prozess des kreativen „Mitarbeiter-Miteinanders“? Dann schreiben Sie mir doch hier in den Kommentaren von Ihren Aktivitäten und inspirieren Sie damit andere Unternehmer!

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