• Freiheitskämpfer

    Wie tickt Deutschlands nächste Unternehmergeneration? Sie will unabhängig sein und findet oft erst über Umwege ins eigene Familienunternehmen. Das ist ein Ergebnis einer groß angelegten Studie, die impulse zusammen mit der Zeppelin Universität und der Stiftung Familienunternehmen durchgeführt hat.

    Da steht sie nun im festlich geschmückten Beethovensaal der “Redoute” in Bonn-Bad Godesberg und kann nicht anders. Der große Komponist hatte hier seine ersten Aufführungen, Konrad Adenauer feierte im barocken Saal seinen Geburtstag.

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    Und Lisa Jaspers, 29 Jahre alt, erzählt vor rund 60 Gästen beim impulse-Unternehmerabend, wie sie sich für einen Kampf gegen Armut engagiert – nicht allein mit flammenden Appellen. Jaspers handelt, sie packt selbst mit an. Wie eine Unternehmerin.

    Nach dem Abitur ging sie nach Mexiko, sah Armut und Ungerechtigkeit und spürte: Dagegen will ich etwas tun. Statt die Nachfolge im Familienbetrieb anzutreten, dem inhabergeführten Unternehmen Hartal, das in Iserlohn Türen und Dachhauben für Wohnwagen herstellt, ging sie zunächst zur Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam. Heute arbeitet sie für das dänische Beratungsunternehmen Ramböll Management, berät den öffentlichen Sektor, unter anderem zu Entwicklungsthemen. Und sie hat den gemeinnützigen Verein Pen Paper Peace mitgegründet, der Geld für den Bau und Unterhalt von Schulen in Haiti sammelt.

    Woher kommt dieses Engagement gegen Armut?, fragte impulse-Chefredakteur Nikolaus Förster. “Das wüsste ich auch gern”, sagte Jaspers, “vielleicht weil ich den Luxus habe, diesen Weg gehen zu können, und keine Angst haben muss, den Job zu verlieren.” Welche Überzeugungen, welches Selbstverständnis haben Deutschlands Unternehmerkinder?

    “Fleißig und ehrgeizig sein” rangiert hoch auf der Werte-Rangliste

    Auskunft darüber gibt eine groß angelegte Studie, die impulse zusammen mit der Zeppelin Universität und der Stiftung Familienunternehmen bereits zum zweiten Mal initiiert hat; Hunderte 16- bis 35-Jährige aus Unternehmerfamilien beteiligten sich an der Umfrage.

    Bei der Vorstellung der Ergebnisse in Bad Godesberg erzählten (potenzielle) Nachfolger, wie sie das Aufwachsen in einer Unternehmerfamilie prägte, welche Freiheiten es ihnen verschaffte – und welche Pflichten. Ihre Schilderungen lieferten, zusammen mit den Ergebnissen der Studie, die Professor Reinhard Prügl von der Zeppelin Universität präsentierte, wertvolle Erkenntnisse über Deutschlands nächste Unternehmergeneration: Was treibt sie an? Und was unterscheidet sie von ihren Eltern? Die Unternehmerkinder, die in Bad Godesberg Einblick in ihren persönlichen Werdegang gaben, betonten, dass sie ihren individuellen Weg gehen wollten – und auch gehen konnten.

    Das kann, wie im Falle von Lisa Jaspers, auch bedeuten, die Nachfolge auszuschlagen. Allerdings – und damit steht sie stellvertretend für ihre Generation – mangelt es ihnen nicht an Ambitionen. “Fleißig und ehrgeizig sein” rangiert hoch auf der erhobenen Werte-Rangliste. Die Jungen wollen etwas bewegen, etwas leisten, aber nicht zwingend im elterlichen Betrieb.

    Was nicht ausschließt, dass es am Ende doch so kommt – weil die Nachfolgeoption eben sehr verlockend sein kann. Wie bei dem 28-jährigen Philip Kaut, der nach dem Wirtschaftsstudium in Wuppertal eine Firma gründete, die Klimageräte vertreibt, durchaus in Konkurrenz zum väterlichen Betrieb, einem der größten Händler von Klimaanlagen in Deutschland. Der Erfolg mit der eigenen Firma verschaffte ihm die nötige Akzeptanz im elterlichen Unternehmen, sagt Philip Kaut, dessen Leitung er vor einigen Jahren übernahm, zusammen mit seiner Schwester Christina.

    Dass Kaut auf diese Weise seinen ganz eigenen Weg ins Unternehmertum – und letztlich ins Familienunternehmen – finden konnte, verdankt er seinem Vater, der “zum Glück kein klassischer Patriarch” sei. Kaut senior, Vertreter der dritten Generation im Unternehmen, übte keinerlei Zwang aus, sorgt jetzt aber auf andere Weise für einen gewissen Erfolgsdruck bei seinen Kindern. Mit nun 63 Jahren will er aus der Firma aussteigen. Er schenkt sie seinen Kindern aber nicht einfach, sondern lässt sich ein Drittel seiner Anteile von den beiden Geschwistern abkaufen. Kaut junior findet das völlig in Ordnung: “So wissen wir, dass wir etwas dafür tun müssen, und haben eine andere Wertschätzung dem Unternehmen gegenüber.”

    “Wer, wenn nicht wir selbst, sollte denn unsere Interessen vertreten?”

    Früher hätte eine solche Form von Nachfolgeregelung in aller Regel zu einem tief greifenden Zerwürfnis in der Familie geführt. Doch die Zeiten ändern sich, wie Stephan Rupprecht, Partner der Privatbank Hauck & Aufhäuser, sagte: “Konflikte innerhalb der Familie werden heute sehr viel professioneller gelöst.” Oder sie entstehen gar nicht erst, wie Stefan Heidbreder von der Stiftung Familienunternehmen sagte, weil Unternehmerkinder heute meist besser ausgebildet seien, etwa durch spezielle Studiengänge an privaten Hochschulen. Sie wüssten sehr genau, welchen Sachzwängen eine sinnvolle Nachfolgeregelung gehorche.

    Eine Beschreibung, die exakt zu Jessica Kulitz aus dem Ulmer Familienunternehmen Esta Apparatebau passt. Nach dem Wirtschaftsstudium an der Universität Witten/Herdecke absolviert die 27-Jährige gerade ein Masterstudium in Family Entrepreneurship an der Zeppelin Universität. Um mit solidem Wirtschaftswissen die Nachfolge im Familienbetrieb anzutreten? Vielleicht später. Kulitz verspürt als Unternehmerkind eine besondere Verantwortung und wird ihr erst mal auf ungewöhnliche Weise gerecht: als Politikerin.

    Seit Jahren engagiert sie sich als Vorsitzende der Jungen Union in Ulm. Zusätzlich kümmert sie sich als Mitglied der CDU-Fraktion im Ulmer Gemeinderat um Bildungsfragen und soziale Themen. Als Tochter einer Unternehmerfamilie will sie damit Verantwortung tragen für das politische System insgesamt, auch zum eigenen Nutzen. Jammern helfe nicht weiter: “Wer, wenn nicht wir selbst, sollte denn unsere Interessen vertreten?”

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse

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